Schweizer Konjunktur «Hohe Schwankungen sind der neue Normalfall»

An den Börsen gehts turbulent zu. Das sei neuerdings normal, meint Daniel Kalt, Chefökonom UBS Schweiz – und rät zu Aktien.

von Stephan Lehmann-Maldonado 07. Jun 2016

«Die Schweiz kann in der Topliga spielen – wenn sie die Rahmenbedingungen für Unternehmen attraktiv hält», sagt Daniel Kalt, Chefökonom von UBS Schweiz. Bild: iStock

Herr Kalt, sind Sie zufrieden mit dem Gang der Schweizer Wirtschaft?

Den Umständen entsprechend, ja. Die Schweizer Nationalbank hat am 15. Januar 2015 den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro aufgehoben. Das bremste die Schweizer Wirtschaft in den letzten vier bis fünf Quartalen deutlich. Unter dem erstarkten Franken leidet vor allem der Exportsektor, der Tourismus und teilweise der Detailhandel. Erfreulicherweise verzeichneten wir keine Rezession. Denn gewisse Faktoren unterstützten die Binnenwirtschaft – zum Beispiel die starke Zuwanderung. Der Immobilienmarkt und der Konsum trugen die Schweizer Konjunktur über weite Strecken. Momentan wächst unsere Wirtschaft um etwa 1 Prozent, was noch rund halb so viel ist wie in den Jahren mit dem Mindestkurs.

Der Immobilienmarkt kann die Wirtschaft aber nicht ewig stützen …

Richtig. Wir erlebten in den letzten Jahren einen regelrechten Immobilienboom. Hier zeichnet sich ein Ende ab: Die Leerstände nehmen langsam wieder zu, für die beträchtlichen Neubauvolumen finden sich nicht mehr überall so rasch Käufer. Hinzu kommt, dass die Immigration der Arbeitskräfte, die sich eine Wohnung leisten können – nicht die der Flüchtlinge –, etwas zurückgeht. Der Bauzyklus flaut insgesamt ab. Dieser Wachstumstreiber dürfte sich abschwächen.

Wo steht die Schweizer Wirtschaft langfristig, etwa in 20 Jahren?

Noch immer zählt unsere Volkswirtschaft zu den wettbewerbsfähigsten unseres Planeten. Das bezeugen zahlreiche internationale Rankings. Die Schweiz liegt dort jeweils unter den Top Five, wenn nicht sogar unter den Top Three – wie etwa beim neuen IMD-Indikator für Wettbewerbsfähigkeit. Allerdings gibt es politische Unsicherheiten. Dazu zählen etwa die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative, das Schicksal der Unternehmenssteuerreform sowie die zunehmende Regulierungsdichte. Ausserdem sind unsere Vorsorgewerke sanierungsbedürftig. Wir müssen unbedingt sicherstellen, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz attraktiv bleiben. Die Herausforderungen sind gross, doch wir können sie meistern. Treffen wir die richtigen Entscheide, kann sich unsere Wirtschaft auch in 20 Jahren an der Spitze behaupten.

Viele befürchten jedoch, dass uns die Arbeitsplätze im Zeichen der Industrie 4.0 ausgehen.

Schon in den letzten Jahren hat die Industrie zahlreiche Arbeitsplätze ins Ausland verschoben – auch wegen des starken Frankens. Jetzt beschleunigt sich der Strukturwandel zusätzlich durch die Automatisierung, einfache Produktionsprozesse werden wegrationalisiert. Immer wichtiger wird darum unser Bildungssystem: Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Leute eine vielseitige Grundausbildung erlangen und flexibel denken. Gefragt sind Menschen mit unternehmerischen Fähigkeiten. Sie können neue Tätigkeitsbereiche erschliessen, möglicherweise im Dienstleistungssektor.

Um die Konjunktur anzukurbeln, haben die Notenbanken weltweit die Märkte mit Geld überflutet. Der Trick scheint nicht mehr viel zu bewirken.

Bisher haben die Notenbanken mit dem frisch gedruckten Geld jeweils Anlagen an den Finanzmärkten zusammengekauft, vor allem Staats- und Unternehmensanleihen. Die japanische Notenbank erwarb gar Aktien und Immobilien, um den Markt zu stützen. Mittlerweile gibt es jedoch Anzeichen dafür, dass die Wirkung dieser «Medizin» weltweit nachlässt. Wenn alle diese Mittel inklusive negativer Zinsen die Wirtschaft kaltlassen, sehen einige Beobachter bereits den Einsatz einer nächsten Stufe: das Helikoptergeld. Dabei würden die Notenbanken das Geld direkt an die Konsumenten verteilen – sozusagen mit dem Helikopter über ein Land fliegen und Geld abwerfen. Das wäre ein dramatisches Mittel. Ich hoffe, es kommt nicht so weit.

Blicken wir noch auf die Börsen. Steht uns ein Crash bevor?

Seit dem Sommer 2015 beobachteten wir an den Börsen erhöhte Kursschwankungen. Diese Kurschwankungen dürften der neue Normalzustand sein. Wer eine langfristig vernünftige Rendite sucht, muss heute in Aktien – oder auch in Unternehmensanleihen – investieren. Von vermeintlich sicheren Anlagen wie Staatsanleihen darf man keine Rendite erwarten. Natürlich lässt es sich nicht ausschliessen, dass die Aktienmärke zwischenzeitlich einmal 10 oder 20 Prozent einbrechen. Langfristig haben sie sich bisher aber immer wieder erholt. Für solche Fälle braucht man jedoch einen sehr langen Atem, um während der Baisse ausharren zu können.

Am schwierigsten haben es risikoscheue Anleger.

Konservative Anleger sollten darum ihre Portfolios gut strukturieren. Das heisst: nach Anlageklassen und international diversifizieren. Wir empfehlen, auch das Wechselkursrisiko abzusichern. Ein breit diversifiziertes Portfolio kann viele Schwankungen abfedern.

Welche Anlagen sind derzeit besonders aussichtsreich?

Spannend finden wir Aktien von Unternehmen, die nachhaltig hohe Dividenden ausschütten – sowie solide, mittelgrosse Schweizer Unternehmen, sogenannte Mid Caps.

Für Schweizer Anleger – das Wichtigste im Überblick

  • Aktien. Zwar ist ihre Bewertung hoch, doch sind die Dividendenrenditen attraktiv. Zu bevorzugen sind darum Qualitätsdividendenzahler und mittelgrosse Unternehmen (Mid Caps).
  • Anleihen. Die Nominalrenditen sind tief oder negativ. Angemessene Risikoprämien mit positiven Renditen bieten Unternehmensanleihen mit den Ratings «A» und «BBB».
  • Immobilien. Das Kurspotenzial ist nach gutem Jahresbeginn beschränkt.
  • Währungen. Der Franken dürfte kurzfristig leicht erstarken gegenüber dem Euro und stabil zum US-Dollar bleiben.
  • Wirtschaft. Das Wachstum dürfte sich im Jahresverlauf leicht beschleunigen; 2017 ist mit einer gefestigten Konjunkturentwicklung zu rechnen.