Ämtliplan: Sollen Kinder Taschengeld für Hausarbeit erhalten?

Schon wieder ist das Altpapier nicht gebündelt, das Zimmer ein Chaos, und auch das Ausräumen der Spülmaschine bleibt erneut an den Eltern hängen. Der Familien-Ämtliplan funktioniert, wenn überhaupt, nur harzig. Würde es vielleicht das Problem lösen, wenn die Kinder für Hausarbeit Taschengeld bekommen würden?

Die Versuchung ist gross, Taschengeld an Pflichten und Ämtli zu knüpfen, um so die Mitarbeit im Haushalt zu garantieren. Allerdings ist dabei Vorsicht geboten: Pädagogische Expertinnen und Experten empfehlen, Taschengeld regelmässig, unaufgefordert und ohne Bedingungen auszuzahlen. Es sollte als Lerninstrument in der Finanzbildung dienen und nicht als Strafe genutzt werden.

Andersherum sollten aber alltägliche Aufgaben im Haushalt, wie das Aufräumen des Zimmers oder der Abwasch, nicht bezahlt werden. Denn diese gehören zur «Pflicht» und dienen dazu, das Verantwortungsbewusstsein der Kinder innerhalb der Familie zu stärken.

Taschengeld ist ein Lernfeld und keine Belohnung für Hausarbeit. Ihr Kind soll erkennen, dass es für die Familie mithilft, nicht für Geld.
Johanna Aebi, CEO bei Young Enterprise Switzerland

Ausnahmen: wann Kinder im Haushalt Geld dazuverdienen können

Hilft das Kind ausserhalb des eigenen Haushalts aus, beispielsweise bei der Grossmutter, kann diese zusätzliche Arbeit unter Umständen bezahlt werden.

Je nach Absprache und Möglichkeiten der Familie ist es auch eine Option, für zusätzliche Aufgaben, die über das Alltägliche hinausgehen, eine Bezahlung zu vereinbaren: beispielsweise fürs Autowaschen oder für das Streichen des Gartenzauns.

Es ist wichtig, dass Kinder verstehen, dass nicht jede Hilfe im Haushalt mit Geld belohnt wird. Sonst wird die Motivation nur noch durch monetäre Anreize gesteuert.
Noëlle Müller, Executive Assistant bei Young Enterprise Switzerland

Wenn Ihr Kind einen grösseren Wunsch hat, Sie als Eltern aber aufzeigen möchten, dass es nicht alles gratis gibt, ist das ein guter Aufhänger, um zu erklären, dass man für sein Geld arbeiten muss.

Sie können den Wunsch des Kindes als Lernfeld nutzen: Vereinbaren Sie, wie viel Ihr Kind selbst beisteuern muss und über welche zusätzlichen Arbeiten es das Geld dazuverdienen könnte. Indem Sie den «Lohn» besprechen, lernt Ihr Kind auch den Wert von Arbeit schätzen. Eine gute Möglichkeit, schon früh das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge zu fördern.

Ämtli-Dialog auf Augenhöhe: ein Beispiel

Wir lassen Marc (Art Director, 45) und seine Tochter Samira (Schülerin, 13) zu Wort kommen:

Marc: «Es soll ja Familien geben, bei denen man Taschengeld für manche Hausarbeiten bekommt. Aber denkst du wirklich, dass es bei uns zu Hause ordentlicher aussehen würde, wenn du und deine Schwester Geld für eure Ämtli kriegen würdet?»

Samira: «Auf jeden Fall! Papi, schau, wenn ich mein Taschengeld aufbessern könnte mit 2 Franken fürs Kompostleeren oder 5 Franken fürs Staubsaugen, dann würden wir beide profitieren: Ich wäre motiviert, meine Ämtli zu erledigen, und du hättest nicht mehr den Stress, mich ständig daran erinnern zu müssen. Du sagst ja selber, dass dich unsere Diskussionen manchmal mehr Energie kosten, als die Arbeiten gleich selber zu erledigen.»

Marc: «Das hört sich ja ganz gut an. (Lacht.) Aber ich sehe da ein kleines Problem: Mami und ich kriegen nämlich auch keinen Lohn für unsere Hausarbeiten. Alle bei uns in der Familie haben Ämtli und leisten so ihren Beitrag zum gemeinsamen Zusammenleben. Oder würdest du uns dann etwa mit deinem Taschengeld bezahlen wollen, wenn wir dich ins Training fahren?»

Samira: «Wie wäre es dann mit speziellen, zusätzlichen Ämtli? Ich könnte ja zum Beispiel die Fenster putzen oder den Rasen mähen, für 20 Franken die Stunde? Schliesslich mache ich es ja zusätzlich, und meine kleine Schwester macht nur das Minimum.»

Geld für Hausarbeiten: Basisbetrag vs. Bonus

Möchten Sie Kindern für Zusatzaufgaben einen kleinen Betrag auszahlen, kann folgendes Modell funktionieren: Es gibt einen Basisbetrag für das Taschengeld oder den Jugendlohn, der regelmässig, unaufgefordert und ohne Verpflichtungen ausbezahlt wird. Dazu kann es einen Bonus für Aufgaben geben, die nicht zu den alltäglichen Pflichten zählen.

Ämtli-Dialog auf Augenhöhe: ein Beispiel

Marc: «Nun, für 20 Franken pro Stunde würde es deine Schwester wahrscheinlich auch machen. Jetzt stell dir das Dilemma vor – wem gebe ich nun den Job? Und wie geht es dann weiter? Wenn du in die Lehre kommst, bräuchtest du ja diesen Ämtli-Job nicht mehr. Hilfst du dann einfach nicht mehr mit im Haushalt? Und ausserdem möchte ich nicht, dass unsere Beziehung auf Geld basiert. Wir sollten uns zu Hause freiwillig gegenseitig unterstützen.»

Samira: «Ich denke trotzdem, dass wir Kinder besser mithelfen würden, wenn wir für manche Ämtli Geld bekommen würden.»

Damit Ihr Kind keine falschen Wertvorstellungen entwickelt, führen Sie im Vorfeld ein offenes Gespräch. So versteht Ihr Kind den Unterschied zwischen Pflichten im Familienalltag und zusätzlichen Aufgaben. Definieren Sie dann, für welche Aufgaben unter welchen Bedingungen ein Bonus bezahlt wird – unabhängig vom fixen Taschengeld. So ist das Modell für Ihr Kind nachvollziehbar, konsequent und trägt zur Finanzbildung bei.

Beachten Sie jedoch: Wenn Ihr Kind beispielsweise 20 Franken im Monat als Taschengeld erhält und für einmal Gartenzaunstreichen 100 Franken, wird leicht ein falscher Anreiz gesetzt.

Das Verhältnis zwischen regulärem Taschengeld und Geld für Zusatzaufgaben muss passen, um eine Verzerrung der Wertvorstellungen zu vermeiden.
Johanna Aebi, CEO bei Young Enterprise Switzerland

Motivation statt Geld: Alternativen zum Taschengeld für Hausarbeit

Es ist auch absolut legitim, wenn Sie Ihren Kindern nichts dafür bezahlen möchten, dass sie im Haushalt helfen. Falls sie nachfragen, erklären Sie die Gründe. Auch das ist eine Chance: So lernen sie, Ihre Prinzipien zu akzeptieren und sich selbst zu motivieren.

Zudem kann Wertschätzung auch motivierend wirken. Ein «Schau mal, was du geschafft hast!» fördert ausserdem die Selbstwirksamkeit Ihres Kindes.

Möchten Sie trotzdem einen kleinen zusätzlichen Anreiz bieten, gibt es Alternativen zur Bezahlung, zum Beispiel:

  • eine gemeinsame Aktivität wie zusammen einen Film schauen
  • ein lang gewünschter Familienausflug
  • das Lieblingsessen des Kindes zum Znacht
  • Wünsche, die ein bestimmtes Bedürfnis erfüllen, wie eine neue Jacke oder Schuhe

Ämtli-Dialog auf Augenhöhe: ein Beispiel

Marc: «Lass uns doch stattdessen Folgendes versuchen: Wir putzen zweimal im Jahr alle gemeinsam die Fenster, und ich werfe dafür einen Batzen in unsere Familienkasse. Damit können wir uns dann als gemeinsame Belohnung einen Ausflug in den Vergnügungspark leisten. Deal?»

Samira: «Hmm ... Mit dem Vergnügungspark kann ich mir zwar kein Skateboard kaufen, aber ich fahr’ schon gern Achterbahn. Also, wenn ich das Zmittag auch noch aussuchen darf, bin ich dabei. Deal!»

Fünf Tipps für Eltern rund um Geld und Ämtli

  1. Idealerweise involvieren Sie Ihre Kinder bereits von klein auf. Dank ihrer Neugierde entdecken sie so die verschiedenen Tätigkeiten im Haushalt auf spielerische Art und Weise.
  2. Wenn Sie einen Ämtliplan einführen, lassen Sie Ihre Kinder mitbestimmen. Wenn alle Familienmitglieder hinter dem Plan stehen, wird die Umsetzung einfacher.
  3. Definieren Sie klar, welche Aufgaben bezahlt werden und welche nicht. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind versteht, welche Arbeiten «Pflicht» und welche «Bonus» sind.
  4. Nutzen Sie grössere Wünsche und Diskussionen rund ums Taschengeld für Hausarbeit als Lernfeld: Erklären Sie den Wert von Arbeit und das Konzept «Lohn».
  5. Falls bei Ihrem Kind im Teenager-Alter der Wunsch aufkommt, das Sackgeld oder den Jugendlohn aufzubessern, begleiten Sie es dabei. Sprechen Sie über verschiedene Möglichkeiten und unterstützen Sie es nach Bedarf beim Suchen eines Schülerinnen- oder Schülerjobs. (Jugendliche ab 13 Jahren dürfen kleinere Arbeiten gegen Geld ausführen. Beachten Sie dabei auch die rechtlichen Aspekte.)

Häufige Fragen zum Thema Taschengeld für Haushaltsaufgaben

Fazit: Ämtli-Plan klären und gemeinsam lernen

  • Taschengeld ist ein wirksames Werkzeug für die Finanzbildung, sollte aber nicht als Belohnung für alltägliche Hausarbeit dienen.
  • Übliche Familienaufgaben wie Aufräumen oder Abwaschen gehören zu den Pflicht-Ämtli und bleiben unbezahlt.
  • Klären Sie gemeinsam, welche Aufgaben bezahlt werden und welche nicht, um unrealistische Erwartungen zu vermeiden.
  • Ein Bonus für Zusatzaufgaben muss in einem vernünftigen Verhältnis zum regulären Taschengeld stehen, damit Wertvorstellungen nicht verzerrt werden.
  • Anerkennung, Lob oder gemeinsame Unternehmungen sind gleichwertige Belohnungen und stärken die Selbstwirksamkeit sowie Motivation Ihres Kindes.

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