Kindern das Thema Armut erklären

In der Kita, der Spielgruppe oder spätestens im Kindergarten treffen Kinder aus den unterschiedlichsten Familien aufeinander – und diese widerspiegeln deren verschiedene Lebensrealitäten. Manche Kinder haben Geschwister, andere haben keine. Das eine Gspänli lebt mit einem Elternteil, das andere vielleicht zusätzlich noch mit den Grosseltern zusammen. Und die einen Familien haben mehr Geld als die anderen. Das wirft bei Kindern viele Fragen auf.

Hier öffnet sich ein wertvolles Lernfenster, das Eltern nutzen können. Denn in Gesprächen über soziale Ungleichheit können Sie Ihrem Kind wichtige Werte weitergeben.

Armut aus Kinderperspektive

Schon kleine Kinder erkennen soziale Unterschiede. Sie ziehen dazu den Vergleich mit der eigenen Familie, denn diese kennen sie natürlich am besten. Die Unterschiede können in den verschiedensten Situationen auffallen: Wenn Kinder immer wieder von neuen Spielsachen oder exklusiven Sommerferien erzählen, wenn Gspänli wenige Geschenke an ihrem Geburtstag bekommen oder wenn ein Kind mit abgetragenen Wanderschuhen den Schulausflug antritt.

Dazu kommt, dass kleine Kinder unbefangener über Geld sprechen. So kann es sein, dass Ihr Kind am Familientisch unverblümt erzählt, dass der Tischnachbar arm sei, die beste Freundin aber «megareich». Fragen Sie in solchen Situationen nach, warum Ihr Nachwuchs das denkt – in der Regel beobachten Kinder etwas und ziehen daraus ihre eigenen Schlüsse. Es ist gut und wichtig, diese gemeinsam zu besprechen.

«Mami, warum fragt diese Frau nach Geld?»

Armut in der Schweiz ist nicht immer gleich ersichtlich und häufig versteckt. Trotzdem gibt es Situationen, in denen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind damit konfrontiert werden, zum Beispiel wenn Sie jemand vor dem Laden um Geld bittet oder Sie in der Stadt einer Person begegnen, die auf der Strasse lebt. Für viele Kinder sind solche Begegnungen irritierend, weil sie diese Situationen meist nicht aus ihrem sozialen Umfeld kennen. Es ist daher wichtig, den Kindern zu erklären, dass Armut in ganz verschiedenen Formen vorkommt.

Kinder stellen schliesslich häufig Fragen, die auch für Eltern und Erziehungsberechtigte schwierig zu beantworten sind: «Warum fragt diese Frau nach Geld? Warum schläft dieser Mann draussen?» In den allermeisten Fällen weiss man es selbst auch nicht – aber offensichtlich sind die finanziellen Ressourcen knapp. Spekulieren Sie nicht über die konkreten Gründe, weshalb die Person in dieser Situation ist.

Drei Tipps, um über soziale Ungleichheit zu sprechen

Tipp 1: offen und ohne Vorurteile erklären

Ganz wichtig ist, dass Sie beim Thema Armut nicht abblocken. Vielmehr sollten Sie mit dem Kind ein offenes Gespräch führen, wenn es Fragen dazu stellt. Erklären Sie, dass andere Menschen und Familien in ganz anderen Lebenssituationen sind und unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Machen Sie Ihrem Kind klar, dass nicht alle gleich viel Geld für Anschaffungen zur Verfügung haben. Nutzen Sie alltägliche Beispiele, um das zu veranschaulichen – etwa den Preis eines neuen Velos im Vergleich zu einem gebrauchten. Im Endeffekt erfüllen beide Velos denselben Zweck, aber je nach verfügbarem Budget kann oder will sich eine Familie vielleicht nur das gebrauchte Velo leisten, während eine andere Familie, ohne zu überlegen, ein neues kauft. Seien Sie auch ehrlich in Bezug auf die eigene Situation. Hilfsmittel wie Visualisierungen oder Erklärvideos machen solche Gespräche oft verständlicher für Kinder.

Das Wort ‹reich› fällt häufig in Zusammenhang mit materiellen Dingen. Es ist wichtig, dem Kind aufzuzeigen, dass man auf andere Art reich sein kann, zum Beispiel an gemeinsamer Zeit mit den Liebsten oder an Gesundheit.
Noëlle Müller, Executive Assistant bei Young Enterprise Switzerland

Hilfreiche Fragen für das Gespräch mit dem Kind

Beziehen Sie Ihr Kind aktiv in das Gespräch mit ein und fragen Sie, was es für ein Bild von Armut und Reichtum hat. Solche Fragen könnten zum Beispiel sein:

  • «Wann ist für dich jemand arm und wann ist jemand reich?»
  • «Wer hilft in der Schweiz den Menschen mit wenig Geld?»
  • «Würdest du deine Geburtstagsgeschenke mit einem Freund oder einer Freundin teilen, die weniger hat als du?»
  • «Worauf könntest du verzichten, wenn wir weniger Geld hätten, und worauf sollten wir, deine Eltern, verzichten?»

Für viele dieser Fragen gibt es kein Richtig oder Falsch. Aber es ist wichtig, darüber zu sprechen. Fragen zu finanziellen Ungleichheiten werden vermutlich immer wieder aufkommen und das ist gut so – das bedeutet, dass Ihr Kind sein Umfeld aktiv beobachtet.

Tipp 2: Empathie fördern

Kinder müssen Empathie erst lernen – besonders, wenn sie eine schwierige Situation nicht selbst erlebt haben. Üben Sie deshalb im Alltag mit ihnen, andere Menschen bewusst wahrzunehmen. Helfen Sie ihnen, nicht vorschnell zu urteilen und keine Vermutungen über die Gründe für die Lage anderer anzustellen. Hilfreich ist es, gemeinsam zu beobachten und Gefühle zu benennen. Nehmen Sie die Emotionen des Kindes dabei ernst und unterstützen Sie es dabei, sie einzuordnen und die richtigen Worte zu finden. So lernt Ihr Kind, die eigenen Gefühle besser zu verstehen, und kann sich mit der Zeit leichter in andere hineinversetzen.

Tipp 3: Selbstwirksamkeit stärken

Selbstwirksamkeit heisst, dass ein Kind erlebt: Mein Handeln bewirkt etwas. Der alltägliche Konsum ist ein guter Ausgangspunkt. Gehen Sie gemeinsam den Einkaufszettel durch und sprechen Sie darüber, was die Familie heute braucht, um die wichtigsten Bedürfnisse zu decken, und was eher ein Bonus ist, mit dem Sie sich etwas gönnen oder einen Wunsch erfüllen. So entwickelt es ein Bewusstsein dafür, dass Konsum immer mit Entscheidungen zu tun hat und es wichtig ist, zwischen Bedürfnis und Wunsch zu unterscheiden. Zeigen Sie dem Kind auch auf, dass schöne Erlebnisse nicht mit Geld verknüpft sein müssen. Ein Beispiel: Statt einer grossen Geburtstagsparty im Zirkus inklusive anschliessenden Essens könnte man ebenso gut mit wenigen Gspänli feiern und zusammen etwas basteln oder schlitteln gehen.

Um die Selbstwirksamkeit weiter zu stärken, können Sie beispielsweise auch ein Spendenkässeli basteln. Suchen Sie danach zusammen mit Ihrem Kind einen Zweck oder eine Organisation aus, die Sie unterstützen möchten, und vereinbaren Sie, dass ein kleiner Teil des Taschengeldes in dieses Spendenkässeli geht.

Häufige Fragen dazu, wie man Kindern Armut erklären kann

Fazit: ehrlich über Armut und Reichtum sprechen

  • Kinder machen früh Erfahrungen mit sozial besser oder schlechter gestellten Mitmenschen und vergleichen sich und ihre eigene Familie mit anderen.
  • Der Eintritt in den Kindergarten erweitert in der Regel das soziale Umfeld und bringt Kinder aus unterschiedlichen sozialen Hintergründen in Kontakt.
  • Beim Thema Armut und Reichtum geht es auch stark um Wertvorstellungen. Achten Sie darauf, das Thema offen und ohne Wertung zu behandeln.
  • Fördern Sie die Selbstwirksamkeit Ihres Kindes, indem Sie mit ihm zum Beispiel ein Spendenkässeli einrichten.

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