WWF-Chef Thomas Vellacott. Bild: Raffinerie

Herr Vellacott, sollten wir uns mehr vergnügen?

Unbedingt!

Im nächsten Park mit Freunden …

… es kann auch im Garten vor dem Haus sein. Dort lassen sich interessante Beobachtungen machen. Bei unserem Teich in Zürich Altstetten sind drei Libellenarten aufgetaucht und ein Kleiber war zu Besuch. Ich muss nicht in die Wüste Serengeti reisen, um die Vielfalt und die Schönheit der Natur zu erleben.

Und was können wir weiter tun, um die Natur zu schützen?

Es gibt Bereiche, die besonders wirkungsvoll sind.

Nämlich?

Wohnen: Wie heize und kühle ich, welchen Strom beziehe ich? Kann ich den Verbrauch reduzieren? Transport: Wie bewege ich mich fort? Vielleicht fahre ich mit dem Velo zur Arbeit. Doch wie oft fliege ich? Essen: Es muss nicht jeder Vegetarier sein. Aber würde weniger Fleisch pro Woche reichen? Investitionen: Wie sind meine Gelder angelegt, auch in der Vorsorge? Finanziere ich damit Kohlekraftwerke oder erneuerbare Energien? Politik: Gebe ich meine Stimme Leuten, die sich für die Natur einsetzen? Zudem finde ich es eindrücklich, wenn sich Leute im Quartier engagieren.

Als moderne Genossenschaften?

Das können Nachbarschaftsvereine sein, spontane Zusammenschlüsse, Kooperativen. Das «Sharing», das Teilen, etabliert sich: Nicht jeder braucht einen Rasenmäher oder ein Schlauchboot. Gewisse Sachen will ich nutzen, nicht besitzen.

Selbst Konzerne wie Audi regen zu Sharing an.

In der Schweiz gibts gute Sharingangebote wie Mobility, sharoo, Catch a Car. Früher galt das Auto als Statussymbol. Heute wollen immer mehr Junge gar keins mehr haben.

Man will weniger besitzen, aber überallhin fliegen …

Der ökologische Fussabdruck des Fliegens ist tatsächlich ein grosses Problem. Wollen wir den zunehmenden CO2-Ausstoss der Luftfahrt wirklich noch mit Steuererleichterungen subventionieren? Es stellt sich die Frage, ob wir glücklicher werden, wenn wir mehr fliegen.

Je überfüllter die Flughäfen, desto unattraktiver das Fliegen.

Häufig glauben wir, abwägen zu müssen zwischen «gut für die Umwelt» und «Vergnügen für mich». Dabei ist vieles ein Gewinn für die Umwelt und uns. Auch bei Geschäftsreisen. Sich wegen eines Meetings in eine Maschine nach London zu zwängen macht keinen Spass. Videokonferenzen scheinen mir effizienter und zeitgemässer.

Welche Noten geben Sie UBS punkto Umwelt?

Wir haben kürzlich ein Rating zur Nachhaltigkeit der Schweizer Retailbanken publiziert. UBS setzt insgesamt positive Akzente, etwa bei der Unternehmensführung und im Kreditgeschäft. Auf der Anlageseite sollte sie nachhaltige Kriterien noch systematischer berücksichtigen.

Wo steht die Schweiz bezüglich grüner Technologie?

Es gab frühe Pionierphasen, beispielsweise beim Umstieg von Kohle auf Strom im Eisenbahnsektor nach dem Ersten Weltkrieg oder bei der Entwicklung von Solarzellen in den 70er- und 80er-Jahren. In den 90er-Jahren hatten Schweizer Finanzdienstleister weltweit die Nase vorn bei nachhaltigen Anlagen. Unterdessen werden ökologische Innovationen oft andernorts zur Marktreife gebracht. Heute würde uns mehr Pioniergeist guttun.

Was stimmt Sie positiv?

Ich sehe einen Wandel Richtung Nachhaltigkeit, der in dieser Tiefe und Geschwindigkeit einmalig ist. Nie zuvor haben sich so breite Teile der Bevölkerung so stark für unseren Planeten engagiert. Ich bin überzeugt, dass sich Umweltschutz letztlich für uns alle auszahlt.

Manager der Natur

Thomas Vellacott (46) ist CEO Schweiz der Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) und führt 200 Mitarbeitende von Zürich aus. Er spannt für die gute Sache auch mit Grosskonzernen zusammen. Im Gegensatz zu anderen Umweltaktivisten besetzte Vellacott früher keine Kraftwerke. Er studierte unter anderem Arabistik, ging für eine Bank auf Kundenfang und arbeitete in der Karriereschmiede von McKinsey.