Schweizer Konjunktur Brexit wirft Schweiz nicht aus der Bahn

An der Börse dürfte es eher aufwärtsgehen – trotz Brexit. Daniel Kalt, Chefökonom UBS Schweiz, erklärt, warum.

von Reto Wäckerli 30. Aug 2016

Die Schweizer Konjunkturlokomotive verlangsamt sich zwar leicht, doch Daniel Kalt, Chefökonom UBS Schweiz, sieht Chancen auf steigende Börsenkurse. Bild: iStock

Herr Kalt, waren die Sorgen unmittelbar nach dem Brexit der Briten übertrieben?

Die Situation scheint tatsächlich weniger schlimm zu sein als zunächst befürchtet. An den globalen Finanzmärkten waren die Ausschläge nicht dramatisch. Die Investoren gehen offensichtlich davon aus, dass der Brexit die Weltwirtschaft nicht aus der Bahn werfen wird. Gleichwohl gibt es in Europa eine grosse Verunsicherung. Dies könnte Firmen dazu veranlassen, weniger zu investieren. Daher haben wir unsere BIP-Wachstumsprognose für die Schweiz ganz leicht reduziert, für 2016 von 1,0 auf 0,9 Prozent und für 2017 auf 1,5 von 1,3 Prozent.

Damit rechnen Sie mit weniger Wachstum als etwa die Experten des Bundes.

Wir sind tatsächlich etwas pessimistischer. Die Schweizer Wirtschaft hat sich zuletzt angesichts des Frankenschocks phänomenal entwickelt. Der Grund war die Stärke der Binnenwirtschaft. Wir sehen nun aber, dass sich einige der Wachstumstreiber abschwächen: Die Immigration entwickelt sich weniger dynamisch, der Bauboom neigt sich dem Ende zu, und die Firmen investieren zurückhaltender.

Dafür dürften die Nachwehen des Frankenschocks von Anfang 2015 abklingen. Wann haben wir ihn ganz überwunden?

Die Anpassung an die Überbewertung des Frankens ist ein schleichender Prozess. So führen exportorientierte Unternehmen nach wie vor Kostensenkungsprogramme durch und verlagern Jobs ins Ausland. Wir rechnen damit, dass dieser Prozess bis Mitte 2017 oder Anfang 2018 anhalten wird.

Es droht aber neues Ungemach. Im Zuge des Brexit und allenfalls im Nachgang zu den US-Wahlen könnte es zu einer Beschränkung des Freihandels kommen. Mit welchen Folgen für die Schweizer Wirtschaft?

Auch solche Prozesse laufen nicht schlagartig ab. Sollte ein US-Präsident Donald Trump tatsächlich die Handelsbarrieren hochziehen, würde sich dies wohl erst nach fünf bis zehn Jahren voll auswirken. Generell wäre eine Abkehr von der Globalisierung aber sehr schädlich für die Weltwirtschaft – und besonders für die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft. Dies zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher: Die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre war nicht zuletzt wegen des ausufernden Protektionismus so tief. Unser Wohlstand basiert auf einer offenen, globalisierten Wirtschaft!

Der Schweizer Aktienmarkt notiert seit Anfang Jahr im Minus. Wie gross sind die Chancen, dass es der SMI bis Ende Jahr noch ins Plus schafft?

Es gibt eine gewisse Hoffnung, wir erwarten für die nächsten drei bis sechs Monate eher steigende Kurse. Ob es beim SMI für ein Jahresplus reicht, werden wir sehen.

Woher kommt dieser Optimismus?

Trotz aller politischer Krisen entwickelt sich die Weltwirtschaft gut. In den Schwellenländern, die zum Teil in einer Rezession waren, ist eine Stabilisierung erkennbar. Die US-Konjunktur läuft solide. Einzig in Europa haben wir die Brexit-Verunsicherung.

Zu welchen Investments raten Sie Anlegern mit mässigem Risikoappetit?

Diversifikation ist und bleibt wichtig. Es ist entscheidend, nicht nur auf eine Region und eine Anlageklasse zu setzen. Wer zum Beispiel Anfang Jahr voll auf den Schweizer Aktienmarkt gesetzt hat, ist aktuell im Minus. Gleichzeitig notieren jedoch die US-Indizes im Bereich des Allzeithochs. Bei den einzelnen Aktien empfehlen wir Titel mit hoher Dividendenrendite und in der Tendenz eher Mid Caps statt Blue Chips. Als attraktiv stufen wir die Sektoren Informationstechnologie, Gesundheitswesen und Energie ein. Nebst Aktien sind auch Investments in Unternehmensanleihen eine Überlegung wert.

Und wovon sollten Investoren die Finger lassen?

Wie immer gilt: Was man nicht versteht, sollte man sein lassen. Abraten würden wir von Engagements in den Sektoren Basiskonsumgüter, Grundstoffe und Telekommunikation. Abgesehen davon empfehlen wir Investoren, Währungsrisiken nur sehr bewusst einzugehen und allenfalls abzusichern. Die Schwankungen sind schlicht und einfach zu gross und nicht vorhersehbar.

Die 5 wichtigsten Tipps für Anleger

  1. Diversifizieren. «Besser eine gute Aktie als 100 schlechte», sagen viele Anleger. Das klingt vernünftig – ist aber falsch. Gewinnbringender ist es, in viele verschiedene Anlagen zu investieren und die Risiken zu streuen. Einfach möglich ist dies beispielsweise mit Anlagefonds.
  2. Die Lebenssituation analysieren. Je länger Ihr Anlagehorizont ist, desto mehr Risiken können Sie eingehen. Nehmen wir an, eine Anlage ist im Minus. Es ist möglich, dass sie sich in den nächsten 20 Jahren erholen wird. Die Frage ist nur: Können und wollen Sie so lange warten?
  3. Der Realität ins Auge blicken. Die Finanzmärkte sind immer für eine Überraschung gut. Erkundigen Sie sich darum stets über die Risiken einer Anlage. Und überlegen Sie sich im Voraus: «Was unternehme ich, wenn meine Anlage unerwartet an Wert verliert?»
  4. Rechtzeitig einen Schlussstrich ziehen. «Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende» gilt auch beim Investieren. Setzen Sie sich für Ihre Anlagen untere Limiten. Fällt eine Anlage unter diese Limite, ist ein Verkauf angezeigt. So können Sie die Verluste begrenzen.
  5. Langfristig denken. Welche Anlage hat im letzten Jahr am Besten abgeschnitten? So interessant diese Frage ist – für die Zukunft ist sie kaum relevant. Wenn schon, sind Zeitreihen, die sich über mehrere Jahre und Konjunkturzyklen erstrecken, aussagekräftiger als kurzfristige Renditevergleiche.