Bauen und Renovieren Mit Recycling zum Traumhaus

Ganz schön ökologisch: Aus alten Materialien lässt sich Neues bauen.

von Edith Arnold 29. Mär 2016

Ernesto Suter hat rostige Eisenteile kunstvoll zusammengeschweisst – und die Badewanne in eine alte Pflastermulde gebaut. Bilder: Nicole Bachmann

Die Rennbahnklinik in Muttenz ist jetzt ein cooles Studentenwohnhaus – nach einem unkonventionellen Umbau. Das Budget dafür war klein, der ästhetische Anspruch gross. Deshalb habe man sich beispielsweise entschlossen, den Betonboden sichtbar zu flicken, sagt der Architekt Dominique Salathé von den sab architekten. «Spuren der Zeit, eine Patina, machen einen Ort lebendig. Einem Neubau tut daher ein altes Möbelstück gut.» Pure Recyclingbauten kennt Salathé vor allem als temporäre Ausstellungsarchitekturen. Die Herausforderung sei, dass ein solches Haus nicht zusammengebastelt wirkt.

Recyclingvilla

Als «Recyclingvilla» ist das Abfallhaus von Ernesto Suter bekannt. Es funktioniert in Neuhausen am Rheinfall seit fünf Jahren. Besucher verweilen oft länger als geplant. Denn Suter bringt Ökologie, Minergie, Funktionalität und Ästhetik unter ein Dach. «Es ist schade, wenn Materialien nur einmal verwendet oder wegen eines Mangels weggeworfen werden», bedauert er. Bei einigen Baustoffen zahlte er nur die Transporte. Die Verarbeitung hatte dennoch ihren Preis: Zwei Jahre lang beschäftigte er zwei Zimmerleute und mehrere Maurer. Einige Techniken mussten die Fachleute zuerst erproben.
Zunächst plante Suter ein Strohhaus. Dann stellte ihm eine stillgelegte Zementfabrik 90 Paletten Schamottesteine zur Verfügung. So entschied sich der pensionierte Polier und Cheminéebauer für ein Mauerwerk auf klassischem Fundament. Das Arbeiten mit Recyclingmaterialien erfordert Flexibilität: Neue, aber falsch bemessene Betontreppen passte Suter irgendwie ins Treppenhaus ein. Weitere legte er beim Eingang horizontal zu zackigen Mauern aus. Darüber stecken rostige Geländer: Suter schweisste alte Eisenteile wie Steigbügel, Bootsstachel oder Schraubstöcke kunstvoll zusammen. Im Hausinnern bestehen Geländer aus den Holzstecken, die der Hund von Waldspaziergängen mitbrachte. Eine Galerie bildet das Herzstück des Gebäudes. Lässt man ihre Klappen runter, entsteht zusätzliche Wohnfläche. Inzwischen hat Suter ein Haus voll neuer Ideen. Er lagert Eichenbalken aus Fachwerkhäusern. Zudem fallen in den Wäldern tonnenweise Rinden von Lärchen, Föhren und Douglasien an. Suter schwärmt: «Unsere Baumrinden haben korkähnliche Eigenschaften.» Ursprünglich wollte er damit sein Haus isolieren. Dann verbaute er muldenweise Styropor, um es vor dem Verbrennen zu retten.

Isolation aus Jeans

Felix Heisel erforscht an der ETH Zürich im Rahmen der «Assistenzprofessur für Architektur und Konstruktion Dirk E. Hebel» die Eigenschaften von alternativen Baumaterialien. 60 Primär- und Sekundärstoffe stellt er als Co-Autor im Buch «Building from Waste» (Bauen aus Abfall) vor. Heisel liefert ein Beispiel: «Zurückgewonnene Fasern aus Denimstoffen, sprich Jeans, sind praktisch. Als Isolationsmatten haben sie ähnliche Dämmqualitäten wie gesundheitsschädliche Glaswolle.» Die «NeptuTherm Balls» aus Neptungras, welche isolieren und Feuchtigkeit absorbieren, sind fast zu schade, um hinter Wänden zu verschwinden. Von Wellen zu Kugeln geformt, werden sie an Strände gespült. Ästhetisch ist auch gepresstes Stroh mit Relief: Man kann es wie Gipsplatten bei Innenwänden einsetzen. Diese Technologie von «Zadta Tech» ermöglicht die vielfältige Verarbeitung von Naturfasern. «Wenn sich der Architekturentwurf aus den Eigenschaften des Materials entwickelt», prophezeit Heisel, «eröffnet das ganz neue Dimensionen.»

Tipps für Heimwerker

Böden. Küchenbauer schneiden bei Granitabdeckungen grössere Elemente heraus. Diese können als Bodenplatten dienen – mit matter oder glänzender Oberfläche.

Wände. Ein Mauerwerk verputzen oder ausbessern? In Gips getränkte Jute gibt Struktur und Elastizität. Kalte Betonwände lassen sich mit warmen Tonziegeln verkleiden.

Objekte. Fundstücke tauchen manchmal in nächster Nähe auf, etwa bei Abbruchhäusern, Werkhöfen, Baubörsen.