Drei Jahre später: Die Stärke der Schweiz liegt in der Ausgewogenheit, nicht im Übermass
Ein offener Brief von Group CEO Sergio P. Ermotti

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Ein offener Brief von Group CEO Sergio P. Ermotti
Vor drei Jahren stand die Schweiz mit der Stabilisierung der Credit Suisse vor einem der schwierigsten Momente ihrer modernen Finanzgeschichte – ein Kapitel, das nun kurz vor dem Abschluss steht, nachdem Anfang dieser Woche die Überführung der letzten Schweizer Kundenkonten zu UBS abgeschlossen wurde.
Ich möchte würdigen, was seit März 2023 erreicht wurde. Von der Stabilisierung des Finanzsystems in einer akuten Krise bis zum Abschluss einer hochkomplexen Kundenmigration – das Erreichte ist beachtlich und keineswegs selbstverständlich. Möglich wurde dies durch das ausserordentliche Engagement und die Professionalität all meiner Kollegen aus der ganzen Bank, die eng mit Behörden in mehr als 50 Jurisdiktionen und anderen Partnern zusammengearbeitet haben. Dank ihrer Bemühungen können wir uns nun noch mehr auf die Zukunft konzentrieren: auf die Betreuung unserer Kunden, auf Investitionen in Innovation und auf den Aufbau nachhaltigen Wachstums.
Als die Credit Suisse vor drei Jahren nicht eigenständig fortbestehen konnte, waren die Prioritäten klar: Schutz der Kunden und Steuerzahler sowie Wahrung der Finanzstabilität zu möglichst niedrigen Kosten für die Gesamtwirtschaft. Entscheidungen mussten schnell, unter extremem Druck und mit unvollständigen Informationen getroffen werden. Die Schweiz handelte entschlossen und verantwortungsbewusst. UBS war ein integraler Bestandteil dieser Lösung und trug dazu bei, den Ruf des Landes zu schützen.
Dieser Meilenstein geht einher mit der entscheidenden Phase der Neugestaltung des Regulierungsrahmens in der Schweiz – einem Prozess, der tiefgreifende Auswirkungen auf die Zukunft des Schweizer Finanzplatzes haben wird.
Ich habe stets betont, wie wichtig es ist, kritische Lehren aus dem Kollaps der Credit Suisse zu ziehen – einem tragischen Moment für den Schweizer Finanzplatz. Deshalb hat UBS die meisten Reformvorschläge unterstützt.
Schweizer Erfolg entsteht nicht im Rampenlicht. Die Stärke der Schweiz liegt in leiseren Tugenden: Pragmatismus, institutionelle Disziplin und ein demokratisches System, in dem Institutionen und politische Entscheidungsträger die Pflicht haben, zuzuhören und den Betroffenen eine Stimme zu geben.
Dass die Schweiz auf internationaler Ebene weit über ihrer Gewichtsklasse kämpft, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer langfristigen Strategie und fundierter Entscheidungen. Entschlossenheit in Krisenzeiten, verbunden mit Besonnenheit und Diskussionsbereitschaft in der Zeit danach, ist keine Schwäche. Es ist ein prägendes Merkmal des wirtschaftlichen Erfolgs der Schweiz.
Die Massnahmen, die an jenem Wochenende im März 2023 ergriffen wurden, ernteten weltweit Respekt. Doch ein Grossteil dieses Vertrauens wurde seither durch eine Regulierungsdebatte aufs Spiel gesetzt, die sich zu stark auf Risiken und Ängste konzentrierte, statt auf nüchterne, faktenbasierte Analyse. Was jetzt gebraucht wird, sind Selbstreflexion und Mut, nicht Panikmache.
Was auf die verschiedenen Analysen nach der Krise folgen muss, ist ein gezielter, ausgewogener und verhältnismässiger Reformansatz, der die Widerstandsfähigkeit stärkt und das bewahrt, was der Schweiz seit langem gute Dienste leistet: Offenheit, Glaubwürdigkeit und ein Finanzsektor, der internationales Kapital und Ersparnisse anzieht. Dies ist wichtig, weil es dazu beiträgt, die Kreditkosten niedriger zu halten als in vielen Nachbarländern. Im Vergleich zu Deutschland beispielsweise liegt der durchschnittliche Zinssatz für eine Hypothek in der Schweiz etwa 2,5 Prozentpunkte tiefer – ein greifbarer Vorteil für Haushalte, Unternehmen und das langfristige Wachstum.
Auch wenn in der jährlichen Umfrage „Sorgenbarometer“ die Finanzstabilität unter den Hauptsorgen der Schweizer Bevölkerung nur auf Platz 39 von 41 rangiert, ist ein stabiler und dynamischer Finanzplatz bei weitem kein abstraktes Konzept. Seine Wirkung ist konkret. Sie bestimmt, zu welchen Konditionen Familien ihre Eigenheime finanzieren, ob Unternehmen investieren und Personal einstellen können und ob Exporteure und Pensionskassen zuversichtlich planen können. Jede Debatte über Kapital und Regulierung muss sich daher darauf stützen, wie das Finanzsystem der Realwirtschaft dient und zu welchen Kosten, und nicht auf Symbolik oder Strafmassnahmen.
Die Stärkung des Finanzsystems erfordert ausserdem, Fakten von Annahmen zu trennen und Reformen zu vermeiden, die über das Ziel hinausschiessen. Mehrere weit verbreitete Annahmen in der aktuellen Debatte verdienen daher einer Klarstellung.
Derzeit gibt es in der Schweiz keine allgemeine Kreditverknappung. Wie die Schweizerische Nationalbank jedoch im Dezember feststellte, sind die Refinanzierungskosten für Banken in den vergangenen Jahren gestiegen. Dies ist zum Teil auf verschärfte Regulierungsvorschriften zurückzuführen, darunter die Umsetzung strengerer Liquiditätsvorschriften, insbesondere für grosse Schweizer Banken. Zusammen mit anderen Faktoren hat dies die Kosten für die Kreditvergabe erhöht. Die Folgen zeigen sich insbesondere auf dem Hypothekenmarkt und bei den Finanzierungsbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen.
Höhere regulatorische Anforderungen werden nicht allein von den Aktionären oder internationalen Kunden getragen. Auch Schweizer Kunden spüren deren Auswirkungen. Die vorgeschlagenen Änderungen am Eigenkapitalrahmen werden unweigerlich zu weiterem Druck auf die Kreditkosten führen. Um unnötigen Schaden zu vermeiden, sollten die neuen Regeln darauf abzielen, ein angemessenes Gleichgewicht zwischen Stabilität, Wachstum und wirtschaftlicher Verträglichkeit herzustellen. Sie sollten Schutzmassnahmen dort stärken, wo sie am wirksamsten sind, im Einklang mit internationalen Anforderungen stehen und sicherstellen, dass die Schweiz weiterhin ein Standort bleibt, an dem ein starker Finanzsektor global agieren und zum Wohlstand beitragen kann. Das heisst auch, unnötige «Swiss Finishes» zu vermeiden, die wirtschaftliche Kosten für jeden verursachen, ohne angemessene Vorteile zu bieten.
Verhältnismässige, international abgestimmte Regeln können die Stabilität erhöhen, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu schwächen oder zur Abwanderung von Unternehmen zu führen. Dies kommt auch im Feedback auf die beiden vom Bundesrat im vergangenen Jahr durchgeführten öffentlichen Konsultationen zu den vorgeschlagenen regulatorischen Änderungen zum Ausdruck: breite Unterstützung für grössere Widerstandsfähigkeit, verbunden mit überwältigend deutlichen Bedenken hinsichtlich Massnahmen, die nicht als zielgerichtet, verhältnismässig oder international abgestimmt sind.
Schliesslich hängt Finanzstabilität von mehr als nur der Kapitalausstattung ab. Ein wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell, das über den Konjunkturzyklus hinweg nachhaltige Profitabilität liefert, bleibt die erste Verteidigungslinie für die Steuerzahler in jedem Stressszenario. Liquiditätsanforderungen, glaubwürdige Sanierungs- und Abwicklungspläne sowie eine wirksame Aufsicht spielen ebenfalls eine wesentliche Rolle. Eine starke Aufsicht ist unverzichtbar, um das Vertrauen zu stützen, ist jedoch am wirksamsten, wenn sie klar, vorhersehbar und ausgewogen ist.
In den letzten Monaten gab es auch Spekulationen, dass verlustabsorbierende Instrumente wie das zusätzliche Kernkapital (Additional Tier 1, AT1) international abgeschafft würden. Dies ist jedoch nicht der Fall. AT1-Instrumente bleiben in allen massgeblichen Vergleichsländern weiterhin ein Standard-Bestandteil des aufsichtsrechtlichen Kernkapitals. Die Lehre aus den jüngsten Krisen besteht nicht darin, diese Instrumente abzuschaffen, sondern sicherzustellen, dass sie robust und konsistent mit internationalen Standards sind. Im März 2023 spielten AT1-Instrumente eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung der Credit Suisse und ermöglichten ihre Restrukturierung. Ohne sie wäre wohl kaum eine Bank in der Lage gewesen, einzugreifen.
Eine weitere Annahme ist, dass die Umsetzung von Basel III zu einer Netto-Kapitalreduktion bei UBS geführt habe. Das Gegenteil ist der Fall. UBS war verpflichtet, sich über viele Jahre hinweg auf Basel III vorzubereiten und weit vor der vollständigen Umsetzung zusätzliches Kapital aufzubauen. Zwischen 2016 und 2024 führte dieser Prozess zu einem Anstieg der risikogewichteten Aktiven um rund 70 Milliarden US-Dollar. Selbst nach der Auflösung eines konservativen Puffers von fast 9 Milliarden im ersten Quartal 2025 führte der Gesamteffekt von Basel III zu einem Nettoanstieg der risikogewichteten Aktiven um rund 14%, was mehr als 8 Milliarden an zusätzlichem Kapital entspricht. Und dies trotz unveränderter zugrunde liegender Risiken.
Auch die Behauptung, die Schweiz sei nicht ausreichend reguliert, trifft nicht zu. Die Schweiz wendet bereits international führende Kapital- und Liquiditätsstandards für vergleichbare Aktivitäten an, einschliesslich wesentlich höherer Anforderungen für systemrelevante Banken, die mit der Grösse und dem Marktanteil steigen. Andere Länder, die derzeit ihre Rahmenbedingungen überprüfen, um sicherzustellen, dass die Regeln zielgerichtet, verhältnismässig und wirtschaftlich gerechtfertigt sind, befinden sich nicht in einem «race to the bottom».
Schliesslich ist nun klar, dass bei der Krise der Credit Suisse das Kernproblem nicht in einem Mangel an Regeln oder unzureichenden Kapitalanforderungen bestand. Es bestand darin, dass anhaltende Schwächen nicht rechtzeitig angegangen wurden – unter anderem durch erhebliche regulatorische Zugeständnisse bei der Behandlung ausländischer Tochtergesellschaften – und nicht klar und früh genug kommuniziert wurden, damit die Marktdisziplin greifen konnte.
Dieser Kontext ist wichtig, wenn Vorschläge wie vollständige CET1-Abzüge für Software oder latente Steueransprüche (DTAs) auf Konzernebene beurteilt werden. Diese Massnahmen sind unverhältnismässig, nicht international abgestimmt und beruhen auf falschen Annahmen hinsichtlich früherer Abschreibungen. Vor der Notrettung der Credit Suisse durch UBS waren trotz jahrelanger Schwierigkeiten keine nennenswerten Software-Abschreibungen erforderlich. Während der Integration schrieb UBS Software der Credit Suisse nur dort ab, wo bereits Systemüberschneidungen bestanden. Wäre die Credit Suisse eigenständig restrukturiert worden, wären Software-Abschreibungen nur in den konkret betroffenen Geschäftsbereichen vorgenommen worden – nicht pauschal.
Dasselbe gilt für latente Steueransprüche (DTA). Die DTA-Abschreibungen der Credit Suisse im dritten Quartal 2022 spiegelten die Entscheidung des Managements wider, Teile der Investmentbank zurückzufahren. In folgenden Quartalen verbesserte der Ausstieg aus bestimmten Geschäftsaktivitäten die Kapitalquoten, da die risikogewichteten Aktiven (RWAs) reduziert wurden. Dies zeigt, dass DTAs auch in einer Krise ihren Wert behalten können.
Eine ähnliche Logik sollte auch die Diskussion über die Kapitalbehandlung ausländischer Tochtergesellschaften leiten. Keine bedeutende Finanzjurisdiktion verlangt von ihren Banken, Investitionen in ausländische Tochtergesellschaften vollständig von ihrem Kernkapital abzuziehen, ohne im Gegenzug eine substanzielle Entlastung zu gewähren. Die Vorstellung, dass einseitige Regeln dieser Art keine Auswirkungen auf Schweizer Kunden hätten, ist irreführend. Sie würden Exporteure, Unternehmer und Unternehmen treffen, die auf einen wettbewerbsfähigen Zugang zu globalen Märkten und auf Dienstleistungen der internationalen Tochtergesellschaften der UBS angewiesen sind.
All dies trägt dazu bei, zu erklären, warum diese Vorschläge während der öffentlichen Konsultationen des letzten Jahres in der Branche, den Kantonen und Wirtschaftsverbänden auf breite Kritik stiessen und warum die Wirtschaftsausschüsse beider Kammern des Parlaments international einheitliche Regeln gefordert haben.
Eine rigorose, faktenbasierte Debatte und parlamentarische Kontrolle sind unerlässlich, insbesondere wenn viel auf dem Spiel steht. Sie helfen dabei, Tatsachen von Behauptungen zu unterscheiden und führen zu dauerhaften Lösungen. Dies gilt insbesondere für die aktuelle Debatte, da ihre Konsequenzen weit über das Bankwesen hinausreichen werden.
Der Schweizer Finanzplatz – einschliesslich Banken, Versicherungen, Vermögensverwaltern, Risikokapitalunternehmen und Rohstoffhändlern – bringt unserem Land erhebliche Vorteile. Er macht einen bedeutenden Anteil an Arbeitsplätzen und Wirtschaftsleistung aus. In den vergangenen Jahren stammte rund ein Drittel der Körperschaftssteuereinnahmen aus diesem Sektor. Finanzdienstleistungen sichern zudem Arbeitsplätze im ganzen Land, stützen die Rentensysteme, erleichtern den Handel und helfen Schweizer Unternehmen, im globalen Wettbewerb zu bestehen.
Als Group CEO von UBS bin ich mir der Verantwortung, die unser Institut trägt, zutiefst bewusst. Die Ereignisse vom März 2023 stellten viele Menschen vor aussergewöhnliche Herausforderungen – darunter Kollegen bei der UBS, Regulierungsbehörden und andere, die im Interesse des Landes gemeinsam gehandelt haben. Mit dieser Verantwortung gehen Umsicht, Transparenz und die Verpflichtung zu einem konstruktiven Dialog mit politischen Entscheidungsträgern und der Gesellschaft einher. Das bewährte, erfolgreiche und nachhaltige Geschäftsmodell von UBS sollte nicht bestraft werden.
Drei Jahre nach der Stabilisierung der Credit Suisse blickt die Schweiz nach vorne – und das muss auch UBS tun. Schneller technologischer Wandel, einschliesslich des rasanten Fortschritts der künstlichen Intelligenz, erfordert Agilität, zumal sich unsere Kunden in einer Weltwirtschaft bewegen, die von grosser Unsicherheit und geopolitischen Spannungen geprägt ist.
Dauerhafte Stabilität erfordert Augenmass, Beständigkeit und internationale Abstimmung – und keine Massnahmen, die kurzfristig zwar beruhigend wirken, langfristig aber die Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz schwächen. Die richtige Balance ist entscheidend, um die Stärke des Finanzplatzes und den allgemeinen Wohlstand unseres Landes zu sichern. Stabilität und Wohlstand dürfen nie als selbstverständlich angesehen werden.

Diese Mitteilung ging an alle aus Anlass des dreijährigen Jubiläums der Credit-Suisse-Akquisition. Der Text ist in englischer, deutscher, französischer und italienischer Sprache verfügbar.