Fabian Waltert
CIO Real Estate Analyst

Das Wichtigste in Kürze

  • Zentrale Wohnorte haben ihren Preis – die Lebenshaltungskosten sind deutlich höher als in der Peripherie.
  • Eine zentrale Wohnlage bietet aber auch viele Vorteile: von kurzen Wegen bis hin zu einem breiten Angebot an Dienstleistungen.
  • Gemeinden mit guter Anbindung an Zentren profitieren von einem grösseren Arbeitsmarkt und einer höheren Angebotsvielfalt.
  • Ob sich eine zentrale Lage lohnt, hängt von den individuellen Bedürfnissen ab.

Wer zentral wohnt, profitiert im Alltag von geringem Pendelaufwand und einem vielfältigen Angebot. Allerdings hat das seinen Preis in Form von höheren Lebenskosten. Haushalte müssen in zentralen Lagen oft deutlich mehr für Mieten, Krankenkassenprämien und Steuern ausgeben als im Umland. Das verdeutlicht, weshalb die Lage ein entscheidender Faktor bei der Wahl des passenden Wohnorts ist.

Der UBS Wohnattraktivitätsindikator (WAI) untersucht den Faktor «Lage» genauer und zeigt auf, welche Vorteile zentrale Wohnorte konkret haben und welche Kompromisse Bewohnerinnen und Bewohner von grossen Zentren in Kauf nehmen müssen.

Je länger die Pendeldauer in die Zentren, desto tiefer die Lebenshaltungskosten

Wie viel teurer sind zentrale Wohnlagen konkret? Für Haushalte mit zwei Kindern und durchschnittlichem Einkommen und Vermögen gilt: Bereits bei einer halben Stunde Pendelzeit pro Tag können sie mehrere Tausend Franken pro Jahr sparen.

So sind die jährlichen Lebenshaltungskosten in einer Agglomerationsgemeinde, die eine 10- bis 15-minütige Fahrt mit dem öffentlichen Verkehr von einem Grosszentrum entfernt ist, im Schnitt 6700 Franken tiefer als im Zentrum selbst.

Besonders ausgeprägt ist das Kostengefälle in der Region um die Stadt Zürich. In Gemeinden mit 10 bis 15 Minuten ÖV-Distanz zur Stadt spart ein Haushalt pro Jahr rund 11 500 Franken. Haushalte, die eine 45-minütige Fahrt ins Zentrum in Kauf nehmen, sparen jährlich sogar über 20 000 Franken.

Finanziell sind Gemeinden in den Agglomerationen und auf dem Land also für viele Haushalte attraktiv. Allerdings geht durch das Pendeln auch jeden Tag wertvolle Freizeit verloren. Zudem können verstopfte Strassen und Züge zu den Hauptverkehrszeiten zu Stress führen.

Die Grafik zeigt: Je länger die ÖV-Fahrzeit vom Wohnort zu einem der fünf Grosszentren (Zürich, Bern, Basel, Lausanne, Genf), desto tiefer die Lebenshaltungskosten. Schon ab 10 Minuten Pendelzeit sind Einsparungen von mehreren Tausend Franken pro Jahr möglich.

Vier Gründe, weshalb eine zentrale Lage die Wohnattraktivität steigert

Trotz der hohen Lebenshaltungskosten: Zentren sind als Wohnorte attraktiv und beliebt. Denn eine zentrale Lage der Wohngemeinde bietet im Alltag verschiedene Vorteile. Eine gute Erreichbarkeit, die ausgebaute Infrastruktur und der Zugang zu einem breiten Angebot an Arbeitsplätzen, Dienstleistungen und Freizeitmöglichkeiten machen zentral gelegene Gemeinden besonders attraktiv.

Die vier wichtigsten Vorteile im Detail:

1. Kurze Fahrzeit zum nächstgelegenen Zentrum

Gemeinden mit kurzen Fahrzeiten zu Gross-, Mittel- oder Kleinzentren in der Region bieten ihren Bewohnerinnen und Bewohnern eine hohe Erreichbarkeit. Ob mit dem öffentlichen Verkehr oder dem Auto: Die Pendelwege zu wichtigen Orten sind kurz. Gleichzeitig profitieren Haushalte vom Zugang zu einem vielfältigeren Kultur- und Freizeitangebot als in Wohnorten an weniger zentralen Lagen.

Erreichbarkeit der fünf Schweizer Grosszentren

ÖV-Fahrzeit zum nächstgelegenen Grosszentrum in Minuten

Karte der Schweiz: Gemeinden nach ÖV-Fahrzeit zum nächsten Zentrum – grün = kurze Zeit, braun = weniger gut erreichbar.
Die Karte zeigt Schweizer Gemeinden nach ÖV-Fahrzeit zum nächstgelegenen Grosszentrum; im Südosten sind die Wege besonders lang.

2. Grosses Einzugsgebiet

Gemeinden mit einem grossen Einzugsgebiet profitieren von einem breiten Arbeitsmarkt. Eine hohe Beschäftigungsdichte in der Umgebung fördert zudem die Entstehung von Branchenclustern mit attraktiven Arbeitsplätzen und hoher Wertschöpfung.

Beispiele dafür sind die Pharma- und Lifesciences-Branche in der Region Basel oder die Finanz- und IT-Branche im Raum Zürich. So bietet eine zentrale Lage nicht nur kurze Wege, sondern auch mehr berufliche Perspektiven.

3. Gut ausgebaute Infrastruktur

Eine leistungsfähige Infrastruktur ist ein wichtiger Faktor für attraktive Wohnorte. Dazu zählen unter anderem gute Verkehrsverbindungen auf Strasse und Schiene. Viele Schweizer Städte können zusätzlich vielfältige Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten bieten, beispielsweise durch ihre Lage an Seen.

4. Guter Zugang zu Dienstleistungen

Schulen, Gesundheitsangebote, Einkaufsmöglichkeiten sowie Kulturangebote sind in zentralen Orten stärker konzentriert als in ländlicheren Gebieten. Dadurch profitieren Bewohnerinnen und Bewohner von einer grösseren Angebotsvielfalt.

UBS Wohnattraktivitätsindikator

Welche Gemeinden bieten Familien besonders attraktive Wohnbedingungen? Der UBS Wohnattraktivitätsindikator bewertet alle Orte in der Schweiz auf Basis von 38 messbaren Kriterien und kürt die regionalen Spitzenreiter für zehn Regionen.

Die Kehrseite zentraler Wohnlagen

Zentrale Wohnlagen bringen auch Nachteile mit sich. Es gibt gewichtige Nachteile, von höheren Lebenshaltungskosten bis hin zu Folgen der grösseren Bevölkerungsdichte – etwa mehr Lärm oder Verkehr.

Und auch wer viel Wert auf Ruhe und Platz legt, muss in städtischen Lagen eher Kompromisse eingehen: Natur und Freiräume sind in der Schweiz zwar auch in grossen Zentren keine Seltenheit, allerdings muss man sie mit deutlich mehr anderen teilen als in peripheren Lagen.

Lohnt sich eine längere Pendelzeit?

Wer bereit ist, in zentrale Lagen zu pendeln, kann viel Geld sparen. Ob sich die längere Pendelzeit tatsächlich lohnt, hängt stark von der individuellen Situation und den persönlichen Prioritäten ab. Bei der Wahl des Wohnorts sollten nicht nur die finanziellen Einsparungen abzüglich der Pendelkosten berücksichtigt werden. Auch der Zeitaufwand spielt eine wichtige Rolle: Wer etwa fünf Tage pro Woche 45 Minuten pro Strecke pendelt, investiert rund 7,5 Stunden wöchentlich allein für den Arbeitsweg.

Für Personen mit regelmässigem Homeoffice kann sich die Rechnung hingegen zugunsten von Wohnlagen ausserhalb der Zentren verschieben. Da weniger häufig gependelt wird, sinken Zeit- und Fahrtkosten. Gleichzeitig benötigen viele Personen dafür zusätzlichen Wohnraum, etwa ein separates Arbeitszimmer, was in weniger zentralen Lagen einfacher zu finanzieren ist.

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Expertenmeinung

In der Region Zürich und auch in der Region Bern hat die Zentralität einen sehr hohen Preis in Form höherer Lebenskosten. In den übrigen Grosszentren und vielen Mittelzentren fällt der Aufpreis für zentrales Wohnen geringer aus.

Das bedeutet: Wer zentral wohnen will, geht daher oft Kompromisse ein, beispielsweise bei der Wohnungsgrösse. Allerdings spricht einiges dafür, dass durch flexible Arbeitsmodelle weniger zentrale Wohnlagen an Attraktivität gewinnen. Die Daten zeigen, dass die Grosszentren für in der Schweiz ansässige Haushalte in den letzten Jahren etwas an Anziehungskraft eingebüsst haben. Die grössere Verbreitung von Teilzeitarbeit und ortsunabhängigem Arbeiten dürfte ein Wegbereiter dieser Entwicklung sein. Dazu kommt die Wohnungsknappheit in vielen Zentren, die es schwierig macht, überhaupt eine geeignete Wohnung zu finden, die auch ins Budget passt.

Letztlich hängt es von den individuellen Bedürfnissen ab, welcher Kompromiss zwischen Wohnkosten, Lage und Pendelaufwand am besten für den Haushalt stimmt.
Fabian Waltert | CIO Real Estate Analyst

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