Das Wichtigste in Kürze

  • Antifragile Systeme wachsen an Unsicherheit, Fehlern und Veränderungen, statt nur Krisen zu überstehen.
  • Geopolitische Spannungen, künstliche Intelligenz und demografischer Wandel erhöhen den Druck auf Staaten und Unternehmen und damit die Relevanz von Antifragilität.
  • Laut Avenir Suisse ist Antifragilität ein zentraler Erfolgsfaktor für die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft.
  • Besonders wichtig für die Schweiz ist das Zusammenspiel von Föderalismus, direkter Demokratie und einer dezentral aufgebauten Wirtschaft.
  • Für KMU beginnt Antifragilität im Alltag – etwa mit einer offenen Fehlerkultur, mehr Eigenverantwortung und der Bereitschaft, Neues auszuprobieren.

Antifragilität: weder fragil noch robust

«Wann hatten Sie zuletzt das Gefühl, dass alles nach Plan lief?» Mit dieser Frage eröffnen Jürg Müller, Direktor von Avenir Suisse, und seine Co-Autorinnen und Co-Autoren das Buch «Antifragile Schweiz». Sie treffen den Nerv einer Zeit, die von Unsicherheit und Turbulenzen geprägt ist.

Der Begriff Antifragilität geht auf den Statistiker und Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb zurück. Er beschreibt ein Prinzip, das über klassische Resilienz oder Anpassungsfähigkeit hinausgeht. Während fragile Systeme unter Druck zerbrechen und robuste Systeme Belastungen lediglich standhalten, nutzen antifragile Systeme Unsicherheit, Fehler und Volatilität, um stärker zu werden. Das Prinzip zeigt sich etwa beim Muskelaufbau: Erst durch gezielte Belastung entsteht Wachstum.

Für die Schweiz hält Avenir Suisse genau diese Fähigkeit für entscheidend: «Die Schweiz ist eine kleine, offene Volkswirtschaft, deren Einfluss auf globale Entwicklungen begrenzt ist», sagt Co-Autor Jürg Müller. «Umso wichtiger ist es für die Schweiz, dass sie an Störungen, Krisen und Schocks wachsen kann.» 

Das Buch «Antifragile Schweiz»

Anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums von Avenir Suisse erschienen, wendet das Buch «Antifragile Schweiz» das Konzept der Antifragilität auf die Schweiz an. Es identifiziert sieben grundlegende Prinzipien antifragiler Systeme und leitet daraus 17 Strategien ab, die das Erfolgsmodell Schweiz prägen. Im Buch enthalten sind zudem verschiedene Beiträge eines Neuropsychologen, der aufzeigt, wie man auch persönlich antifragiler wird.

Warum wir Antifragilität gerade jetzt brauchen

Geopolitische Spannungen, Migration, demografischer Wandel oder künstliche Intelligenz: Die Welt befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Antifragilität gewinnt heute zunehmend an Bedeutung.

Das gilt nicht nur für die Schweiz als Land, sondern auch für Schweizer KMU. Sie stehen täglich unter Druck – durch volatile Märkte, technologische Veränderungen oder neue regulatorische Anforderungen. Während fragile Unternehmen bereits bei kleineren Störungen ins Wanken geraten, bleiben robuste Firmen zwar stabil, entwickeln sich dabei aber kaum weiter.

Antifragile Unternehmen haben hier einen klaren Vorteil: Sie nutzen Unsicherheit als Lern- und Entwicklungsmotor. Antifragilität wird damit zur strategischen Schlüsselkompetenz – auf nationaler wie auf unternehmerischer Ebene.

Die aktuellen Umbrüche zeigen, wie wichtig es ist, Systeme so aufzustellen, dass sie mit Unsicherheit umgehen können.

Jürg Müller, Direktor von Avenir Suisse

Jurg muller

Sieben Prinzipien antifragiler Systeme

Doch was macht Antifragilität überhaupt aus? Im Buch «Antifragile Schweiz» beschreiben die Autorinnen und Autoren sieben Prinzipien, deren Zusammenspiel Systeme antifragiler macht:

  • Volatilität: Schwankungen und Unsicherheit sind nicht grundsätzlich negativ. Systeme, die jede Form von Volatilität vermeiden wollen, sind oft besonders fragil.
  • Trial and Error: Selten entsteht Fortschritt durch langfristige Masterpläne. Antifragile Systeme setzen daher bewusst auf Ausprobieren, Lernen und kontinuierliche Anpassung.
  • Dezentralisierung: Dezentrale Systeme reagieren schneller auf Veränderungen und bleiben widerstandsfähiger, weil autonome Einheiten selbstständig und nahe an konkreten Problemen agieren können.
  • Skin in the Game: Wer Entscheidungen trifft, soll auch die Konsequenzen tragen. Verantwortung und Risiko gehören zusammen.
  • Via Negativa: Nicht alles wird besser, indem man ständig Neues hinzufügt. Oft entsteht Stärke gerade durch das gezielte Weglassen von gewachsenen Prozessen, Regeln oder Routinen.
  • Optionalität: Wer mehrere Handlungsoptionen offenhält, kann flexibler auf Veränderungen reagieren. Optionalität schafft so auch Beweglichkeit – besonders in unsicheren Zeiten, in denen langfristige Prognosen schwieriger werden.
  • Barbell-Strategie: Statt Mittelwege zu suchen, kombiniert die Barbell-Strategie zwei Extreme: einen sicheren Teil und einen klar abgegrenzten, risikoreichen Teil. Dadurch lassen sich Chancen nutzen, ohne das Gesamtsystem zu gefährden.

Ein Prinzip, das Jürg Müller für die Schweiz besonders hervorhebt: die Dezentralisierung. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraft in der Schweiz verteilt sich über das ganze Land. «Der Technologiekonzern Bühler in Uzwil, die Pharmabranche in Basel, Rolex in Genf, die Finanzbranche in Zürich – Weltmarktführer und Innovationsökosysteme finden sich in allen Regionen der Schweiz», so Jürg Müller. Dies macht die Schweiz weniger verletzlich und stärkt ihre Anpassungsfähigkeit.

Swiss Economic Forum: «Beyond Endurance: The Antifragile Advantage»

Im Rahmen des Swiss Economic Forum 2026 diskutierten UBS und weitere Gäste in der Breakout Session «Beyond Endurance: The Antifragile Advantage», wie Unternehmen in Zeiten von Unsicherheit und Wandel widerstandsfähiger und innovationsfähiger werden können.

Das Swiss Economic Forum (SEF) gilt als die führende Wirtschaftskonferenz der Schweiz. Jährlich treffen sich Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, um über die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Schweiz zu diskutieren.

UBS unterstützt das Swiss Economic Forum als langjährige Partnerin und setzt sich damit für Unternehmertum und langfristiges Wachstum in der Schweiz ein.

Das Erfolgsmodell Schweiz anhand von 17 Strategien erklärt

Aus den obigen Prinzipien haben Jürg Müller und sein Team 17 Strategien abgeleitet, die zusammen die antifragile Struktur der Schweiz beschreiben. Sie lassen sich grob in vier Bereiche zusammenfassen:

  • Freiheit, Konsens, Föderalismus, direkte Demokratie und das Milizsystem bilden die Grundlage einer politisch verankerten Antifragilität.
  • Wettbewerb, Schuldenbremse, der starke Schweizer Franken, ein flexibler Arbeitsmarkt, die duale Berufsbildung und Migration sind die Pfeiler der wirtschaftlichen Stärke.
  • Neutralität, Europapolitik und Versorgungssicherheit sichern die Position im internationalen Umfeld.
  • Gesundheitswesen, Altersvorsorge und Service Public bilden eine gesellschaftliche Absicherung.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Schweiz ist laut Jürg Müller das Zusammenspiel von Föderalismus, direkter Demokratie und einer vielfältigen Firmenlandschaft. Anders als in stark zentralisierten Ländern wird die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in der Schweiz nicht von einem einzigen Zentrum aus gesteuert.

Diese dezentrale, «bottom-up» aufgebaute Struktur macht die Schweiz antifragil. Regionen, Institutionen und Unternehmen können eigenständig auf Veränderungen reagieren. Gerät ein Bereich unter Druck, bleiben andere stabil oder entwickeln sich weiter. 

Die Schweiz ist erfolgreich wegen ihrer Institutionen, ihrer Kultur und ihrer Menschen. Und in allen drei Bereichen spiegelt sich der Wille, dass wir unser Land von unten nach oben aufbauen. 

Jürg Müller, Direktor von Avenir Suisse

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Fazit: Antifragilität ist eine Haltung

«Nicht jede Krise ist automatisch eine Chance», verrät Jürg Müller abschliessend. «Und Antifragilität ist auch kein Zustand, den Unternehmen einmal erreichen und danach abhaken können.» Vielmehr beschreibt Antifragilität eine Haltung: die Fähigkeit, mit Unsicherheit produktiv umzugehen und aus Veränderungen zu lernen.

Für Jürg Müller beginnt dieser Weg nicht bei grossen Strategien, sondern im Alltag von Unternehmen. Etwa dort, wo Fehler nicht sofort sanktioniert, sondern als Lernmöglichkeit verstanden werden. Oder dort, wo Mitarbeitende Verantwortung übernehmen und junge Talente die Möglichkeit erhalten, sich auszuprobieren und so Etabliertes bewusst zu stören.

Gerade in unsicheren Zeiten können daher typische KMU-Stärken zum entscheidenden Vorteil werden: kurze Wege, Pragmatismus und Nähe zur Kundschaft – beste Voraussetzungen für Antifragilität. 

Jurg Muller

Jürg Müller

Jürg Müller ist Direktor von Avenir Suisse und Co-Autor des Buchs «Antifragile Schweiz». Als unabhängiger Think-Tank erarbeitet Avenir Suisse marktwirtschaftliche und wissenschaftlich fundierte Konzepte für die Zukunft der Schweiz.

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