Das Wichtigste in Kürze

  • Die AHV wird im Umlageverfahren finanziert: Die Beiträge der aktuell Erwerbstätigen finanzieren direkt die laufenden Renten. Dieses System gerät jedoch zunehmend unter Druck, da die Zahl der Rentnerinnen und Rentner steigt, während die Zahl der Erwerbstätigen im Verhältnis sinkt.
  • Die Einführung der 13. AHV-Rente erhöht die Ausgaben zusätzlich und vergrössert damit die ohnehin schon existierende Finanzierungslücke.
  • Ohne Reformen dürfte sich die finanzielle Last immer stärker auf jüngere und künftige Generationen verschieben.
  • Um die Finanzierung der AHV langfristig zu stabilisieren, braucht es einen ausgewogenen Mix aus strukturellen Reformmassnahmen.

Finanzierungslücke: Die AHV steht vor Herausforderungen

Die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) gerät finanziell zunehmend unter Druck. Der zentrale Grund dafür ist, dass sie langfristig mehr Leistungen auszahlen muss, als sie über Beiträge und andere Einnahmen finanzieren kann. Dieses Ungleichgewicht wird als AHV-Finanzierungslücke bezeichnet.

Diese Lücke ist bereits heute erheblich – und durch die 13. AHV-Rente deutlich grösser geworden. Laut einer UBS-Analyse(PDF, 648 KB) beträgt sie inklusive der zusätzlichen Monatsrente rund 177 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2021, was etwa 1315 Milliarden Franken entspricht. Zum Vergleich: Ohne die 13. AHV-Rente läge die Lücke bei 102 Prozent des BIP.

Für die AHV bedeutet die zusätzliche Monatsrente Mehrausgaben von mehreren Milliarden Franken pro Jahr. Wie diese Kosten langfristig finanziert werden sollen, ist bislang nicht abschliessend geklärt.

Die Infografik zeigt die geschätzte AHV-Finanzierungslücke in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), mit Basisjahr 2021.

Die Infografik zeigt die geschätzte AHV-Finanzierungslücke in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), mit Basisjahr 2021. Ohne Berücksichtigung der 13. AHV-Rente beträgt die Finanzierungslücke 102 Prozent des BIP. Unter Berücksichtigung der 13. AHV-Rente steigt sie auf 177 Prozent des BIP. Die Grafik verdeutlicht, dass die 13. AHV-Rente die langfristige Finanzierungslücke der AHV deutlich vergrössert. Grundlage der Berechnung sind ein Produktivitätswachstum von 1,1 Prozent und ein realer Zinssatz von 2,1 Prozent. Quellen: BFS, BSV, FZG, UBS

Hinweis zu den Zahlen

Dieser Beitrag stützt sich auf drei UBS-Studien mit unterschiedlichen Berechnungsgrundlagen. Die Demografie- und Arbeitsmarktszenarien berücksichtigen die 13. AHV-Rente noch nicht und weisen deshalb tiefere Finanzierungslücken aus. Entscheidend ist hier nicht der direkte Vergleich mit der aktuellen Lücke von 177 Prozent, sondern die Richtung und die Stärke der Effekte.

Warum entsteht eine Finanzierungslücke in der AHV?

Die AHV wird im Umlageverfahren finanziert. Das bedeutet: Die Beiträge der heutigen Erwerbstätigen werden nicht für ihre eigene spätere Rente angespart, sondern direkt zur Finanzierung der laufenden Renten verwendet.

Dieses System funktioniert gut, solange viele Erwerbstätige die Renten von vergleichsweise wenigen Rentnerinnen und Rentnern finanzieren. Verschiebt sich dieses Verhältnis jedoch, können Defizite entstehen, da die laufenden Einnahmen nicht mehr ausreichen, um die vorgesehenen Leistungen dauerhaft zu decken. Werden diese Defizite nicht ausgeglichen, entsteht eine Finanzierungslücke.

Demografische Szenarien: Der Druck bleibt hoch

Der demografische Wandel verschärft die AHV-Finanzierungslücke. Die Menschen werden älter und beziehen länger Rente, während im Verhältnis weniger Erwerbstätige Beiträge einzahlen.

Das zeigt sich am sogenannten Altersquotienten: Er beschreibt das Verhältnis von Rentenbeziehenden und einzahlenden Personen – heute kommen auf jeden Rentenbeziehenden etwa drei Erwerbstätige, bis 2070 werden es nur noch zwei sein. 

Dahinter stehen vor allem zwei Entwicklungen: eine steigende Lebenserwartung und eine tiefe Geburtenrate. Auch die Migration spielt eine Rolle, weil Zuwanderung die Zahl der Erwerbstätigen beeinflussen kann.

UBS-Vorsorgeexperten haben berechnet, wie stark sich die demografische Entwicklung auf die AHV-Finanzierungslücke auswirken kann. Die Demografieszenarien gehen im Basisszenario (beruhend auf BFS-Statistiken) von einer Finanzierungslücke von 88,2 Prozent des BIP von 2019 aus:

  • Die Lebenserwartung hat den stärksten Einfluss. Im Basisszenario liegt diese bei etwa 90 Jahren. Steigt sie stärker als erwartet auf fast 92 Jahre, erhöht sich die Finanzierungslücke um 39,3 Prozentpunkte. Bei einem um etwa 2 Jahre geringeren Anstieg fällt die Lücke dagegen deutlich tiefer aus.
  • Eine höhere Geburtenrate entlastet die AHV. Im Basisszenario liegt sie bei 1,6 Kinder in Zukunft. Liegt sie über der erwarteten Entwicklung (1,8 Kinder), sinkt die Finanzierungslücke um 14,1 Prozentpunkte. Bleibt sie hingegen tief (1,4 Kinder), vergrössert sich die Lücke.
  • Auch die Migration beeinflusst die Finanzierung der AHV. Im Basisszenario wandern langfristig im Durchschnitt 35 000 Personen pro Jahr in die Schweiz ein. Fällt die Zuwanderung mit etwa 55 000 Personen höher aus als erwartet, sinkt die Finanzierungslücke um 7,1 Prozentpunkte. Bei tieferer Zuwanderung von nur rund 20 000 Personen fällt die Finanzierungslücke entsprechend höher aus.

Die UBS-Analyse zeigt: Selbst wenn sich die Demografie günstig entwickelt, kann sie die AHV nur etwas entlasten. Das Finanzierungsproblem löst sie allein nicht. Dafür braucht es strukturelle Reformen.

Die Infografik vergleicht die Auswirkungen unterschiedlicher Lebenserwartungen auf die AHV-Finanzierungslücke in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Die Infografik vergleicht die Auswirkungen unterschiedlicher Lebenserwartungen auf die AHV-Finanzierungslücke in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Im Basisszenario beträgt die Finanzierungslücke 88,2 Prozent des BIP. Bei einer höheren Lebenserwartung steigt sie auf 127,5 Prozent, bei einer tieferen Lebenserwartung sinkt sie auf 49,5 Prozent. Die Grafik verdeutlicht, dass eine steigende Lebenserwartung die langfristige Finanzierungslücke der AHV vergrössert, während eine tiefere Lebenserwartung sie deutlich reduziert. Grundlage der Berechnung sind das BIP-Basisjahr 2019, die Bevölkerung des Basisjahrs 2021, ein Produktivitätswachstum von 1,1 Prozent und ein realer Zinssatz von 2,2 Prozent. Quellen: BFS, FZG, UBS

Studie: Wie die Demografie die AHV-Finanzierung beeinflusst

Sie möchten erfahren, welchen Einfluss Geburtenrate, Lebenserwartung und Zuwanderung auf die AHV haben? Die UBS-Studie rechnet verschiedene Demografieszenarien und deren Einfluss auf die Finanzierung durch.

Arbeitsmarktszenarien: Mehr Erwerbstätigkeit kann die Lücke verkleinern

Während sich die Demografie nur eingeschränkt durch politische und ökonomische Anreize beeinflussen lässt, kann der Arbeitsmarkt aktiver gestaltet werden – etwa mit Anreizen für eine höhere Erwerbsbeteiligung. Doch wie stark würde eine höhere Erwerbstätigkeit die AHV tatsächlich entlasten?

Grundsätzlich kann eine höhere Erwerbstätigkeit die AHV entlasten, da sich die 1. Säule zu rund drei Vierteln über Lohnbeiträge finanziert. Je mehr Menschen erwerbstätig sind und je höher ihr Arbeitspensum ist, desto mehr Beiträge fliessen in die AHV.

In der Schweiz besteht hier durchaus Potenzial. Die Erwerbsquote ist mit über 80 Prozent zwar hoch, gleichzeitig arbeiten aber viele Menschen Teilzeit – besonders Frauen. Gerechnet in Vollzeitstellen arbeiten Männer im Schnitt 85 Prozent, Frauen nur 60 Prozent.

Diese Differenz entsteht vor allem ab einem Alter von rund 28 Jahren. Bis dahin sind Frauen und Männer ähnlich stark erwerbstätig. Danach öffnet sich die Schere, meist mit der Geburt von Kindern, und schliesst sich über das restliche Erwerbsleben nicht mehr.

Genau hier setzen die UBS-Arbeitsmarktszenarien an. Sie gehen von einer Finanzierungslücke von 89,2 Prozent des BIP aus:

  • Höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen: Verringert sich der Abstand zwischen Frauen und Männern, entlastet das die AHV.
  • Volle Angleichung der Erwerbsbeteiligung: Erreicht die Erwerbsbeteiligung der Frauen das heutige Niveau der Männer, sinkt die Finanzierungslücke am stärksten.
  • Höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, tiefere von Männern: Steigt die Erwerbsbeteiligung der Frauen, während jene der Männer sinkt, kann sich die Finanzierungslücke sogar vergrössern. Entscheidend sind also nicht nur die geleisteten Arbeitsstunden, sondern auch die Lohnhöhe.
  • Höhere Erwerbsbeteiligung älterer Personen: Bleiben ältere Erwerbstätige stärker im Arbeitsmarkt engagiert, entlastet dies die AHV ebenfalls – allerdings weniger stark.

Mehr Erwerbstätigkeit kann die AHV also spürbar entlasten. Den Austritt der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt kann sie jedoch nicht vollständig ausgleichen.

Das Balkendiagramm zeigt die AHV-Finanzierungslücke im Status quo und in vier Arbeitsmarktszenarien.

Das Balkendiagramm zeigt die AHV-Finanzierungslücke in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Status quo und in vier Arbeitsmarktszenarien. Im Status quo beträgt die Lücke 89,2 Prozent. Höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen: Wenn Frauen ihre Erwerbsbeteiligung erhöhen und sich der Abstand zu den Männern verkleinert, sinkt die Finanzierungslücke auf 77,9 Prozent. Volle Angleichung der Erwerbsbeteiligung: Wenn die Erwerbsbeteiligung der Frauen das heutige Niveau der Männer erreicht, fällt die Entlastung am stärksten aus. Die Finanzierungslücke sinkt auf 66,7 Prozent. Höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, tiefere von Männern: Wenn Frauen mehr und Männer weniger arbeiten, steigt die Finanzierungslücke auf 97,5 Prozent. Das zeigt, dass nicht nur das Arbeitsvolumen, sondern auch die Lohnhöhe wichtig ist. Höhere Erwerbsbeteiligung älterer Personen: Wenn ältere Erwerbstätige länger im Arbeitsmarkt bleiben, sinkt die Finanzierungslücke auf 85,2 Prozent. Die Entlastung fällt damit geringer aus als in den ersten beiden Szenarien. Basisjahr ist 2019. Den Berechnungen liegen ein Produktivitätswachstum von 1,1 Prozent und ein realer Zinssatz von 2,1 Prozent zugrunde.

Studie: Wie der Arbeitsmarkt die AHV-Finanzierung beeinflusst 

Sie möchten mehr über die Auswirkungen einer höheren Erwerbsbeteiligung auf die AHV erfahren? Die UBS-Studie analysiert verschiedene Szenarien und zeigt, welche Faktoren die langfristige Finanzierung der AHV besonders beeinflussen.

AHV-Finanzierungslücke schliessen: Welche Lösungen sind denkbar?

Um die AHV-Finanzierungslücke zu verkleinern oder zu schliessen, stehen mehrere Reformwege zur Diskussion. UBS-Fachleute haben vier Finanzierungsmöglichkeiten berechnet. Ausgangspunkt ist die aktuell berechnete Finanzierungslücke von 177 Prozent des BIP unter Berücksichtigung der 13. AHV-Rente.

Höhere Lohnbeiträge und Mehrwertsteuer

Zusätzliche Einnahmen könnten die AHV kurz- bis mittelfristig stabilisieren. Würde die Finanzierungslücke allein über höhere AHV-Lohnbeiträge geschlossen, müsste der AHV-Beitragssatz jedoch von heute 8,1 Prozent auf rund 11,5 Prozent steigen. Das würde Erwerbstätige und Unternehmen direkt belasten. Eine höhere Mehrwertsteuer hätte ebenfalls spürbare Folgen, insbesondere für Haushalte mit tieferen Einkommen und Familien mit Kindern.

Höheres Referenzalter

Ein höheres Referenzalter zählt zu den wirksamsten Hebeln. Denn wer länger arbeitet, zahlt länger Beiträge und bezieht gleichzeitig später Rente. Dadurch wird die AHV doppelt entlastet.

Laut der UBS-Analyse würde ein Referenzalter von 66 Jahren die Finanzierungslücke auf 138 Prozent des BIP senken, ein Referenzalter von 67 Jahren auf 100 Prozent. Noch stärker wäre der Effekt, wenn das Referenzalter dynamisch an die Lebenserwartung gekoppelt würde.

Anpassung des Mischindex

Heute werden die AHV-Renten je zur Hälfte an die Lohn- und Preisentwicklung angepasst. Würden die Renten stärker an die Preise statt an die Löhne gekoppelt, würde ihr Wachstum gebremst. Das könnte die AHV deutlich entlasten.

Anpassung der Hinterlassenenrente

Bei den Witwen- und Witwerrenten ist eine Reform in parlamentarischer Beratung. Sie soll die Leistungen stärker an heutige Familien- und Erwerbsmodelle anpassen. Finanziell ist der Effekt vergleichsweise begrenzt: Die Finanzierungslücke würde laut UBS auf 162 Prozent des BIP sinken.

Warum es einen Reform-Mix braucht

Die Berechnungen zeigen: Keine einzelne Massnahme löst das Finanzierungsproblem der AHV allein. Am wirksamsten wäre eine Kombination verschiedener Reformmassnahmen. So müsste keine einzelne Stellschraube besonders stark bewegt werden, und die Lasten könnten breiter auf verschiedene Generationen und Gruppen verteilt werden.

Studie: Welche Reformmassnahmen die AHV-Finanzierung sichern könnten 

Sie möchten die möglichen Lösungen verstehen? Die UBS-Studie zeigt, wie stark ein höheres Rentenalter, höhere Beiträge oder eine andere Rentenanpassung die AHV-Lücke verkleinern würden.

Häufige Fragen rund um die AHV-Finanzierungslücke

Fazit: Die AHV braucht langfristige und generationengerechte Reformen

Die AHV ist auf ihrer heutigen Grundlage langfristig nicht nachhaltig finanziert – und die 13. AHV-Rente vergrössert die Lücke weiter.

  • Diese Lücke ist nicht nur ein Finanzierungsproblem, sondern auch eine Frage der Generationengerechtigkeit: Ohne Reformen dürften jüngere Generationen mehr beitragen müssen, ohne dass ihre eigenen Renten später entsprechend steigen.
  • Selbst eine günstige demografische Entwicklung würde die AHV nur entlasten, nicht stabilisieren. Auch eine höhere Erwerbsbeteiligung kann die Finanzierungslücke zwar verkleinern, aber nicht vollständig schliessen.
  • Langfristig tragfähig wird die AHV voraussichtlich nur, wenn mehrere Massnahmen zusammenspielen.

Ziel dieser Massnahmen sollte nicht eine kurzfristige Entlastung sein, sondern eine dauerhafte und generationengerechte Stabilisierung der 1. Säule.

Wissenswertes für Sie

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