Kenneth J. Arrow

Nobelpreis 1972 | Wie sieht die Zukunft der Demokratie aus?

Als Kenneth Arrow im Alter von 51 den Nobelpreis erhielt, war er der bis dahin jüngste Ökonom, der die Auszeichnung erhalten hatte. Seine Prognosen und Empfehlungen haben turbulenten Zeiten standgehalten und dienen im Ringen um politische Gerechtigkeit und die Bewahrung der Demokratie als Hoffnungsschimmer. Arrow war fest davon überzeugt, dass «wenn die Welt nur aus selbstsüchtigen Menschen bestünde, sie keine paar Minuten überstehen würde». Daher versuchte er, ein gerechtes und gesellschaftlich erstrebenswertes Wahlsystem zu schaffen. Zwar zeigten die Ergebnisse, dass dies ein aussichtsloses Unterfangen war, doch seine Arbeit markierte den Beginn (nicht das Ende) der Theorie kollektiver Entscheidungen. Das breite Spektrum seiner Themen reichte von allgemeinen Gleichgewichten und der Wohlfahrt bis hin zum Klimawandel und der Rassendiskriminierung, womit er jeden aufruft, sich für Fairness und Menschlichkeit einzusetzen und stark zu machen.

Kenneth J. Arrow

Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften (anteilig), 1972

Auf einen Blick

Geboren: 1921, New York City, New York

Gestorben: 2017, Palo Alto, Kalifornien

Fachgebiet: Mikroökonomie

Ausgezeichnetes Werk: Allgemeine Theorie des ökonomischen Gleichgewichts und Wohlfahrtstheorie

Ein Mathematik-Rebell: Fiel beinahe im Fach Rechnen in der Grundschule durch

Süchtig nach: Wenn er es sich hätte leisten können, hätte er das ganze Haus mit Meisterwerken der Renaissance dekoriert

Grundeinstellung: «Learning by Doing»

Die Anziehungskraft des Unmöglichen

Anstatt dem üblichen Weg zu folgen, fühlte sich Arrow von den grossen Herausforderungen des Lebens angezogen: der Gewährleistung von Gerechtigkeit, Fairness und Gleichheit. Vielleicht ist das auf seine Kindheit während der harten Zeit der Weltwirtschaftskrise zurückzuführen oder darauf, dass er eine öffentliche Schule und später eine öffentliche Universität besucht hat. Vielleicht war Kenneth Arrow aber auch einfach dazu bestimmt, die Welt zu verändern.

Ironischerweise wurde er weltweit für eine Theorie gefeiert, die belegte, dass es kein gerechtes Wahlsystem gibt. Um die Theorie zu veranschaulichen, nutzte Arrow das naheliegendste Beispiel: politische Wahlen. Im Jahr 1988 sagte er, jeder Laie sei in der Lage, die Herausforderung am Beispiel der Demokratie nachzuvollziehen. Als wir ihn in seinem Haus in Palo Alto trafen, beschrieb er die Thematik etwas ausführlicher. Wenn wir nur zwischen zwei Kandidaten wählen, übermitteln wir keinerlei Informationen in Bezug auf die Intensität unserer Entscheidung. «Nehmen wir an, wir hätten stattdessen drei Kandidaten und jede Person erstellt eine Liste entsprechend ihrer Präferenzen. Dann würden wir bei jedem Kandidatenpaar schauen, welcher der Kandidaten dem anderen gegenüber die Mehrheit hat.» Dieses Vorgehen wird besonders interessant, wenn sich ein Kandidat aus irgendeinem Grund von der Wahl zurückzieht. «Dann bleibt nur noch der paarweise Vergleich», schlussfolgert Arrow. Daraus würde ein Paradox resultieren, welches man heute als Unmöglichkeitstheorem (nach Arrow) bezeichnet. Arrow zog ein Blatt Papier hervor und malte für uns ein Diagramm:

  • 43 Stimmen A > B > C (43 Personen bevorzugen A gegenüber B und B gegenüber C)
  • 35 Stimmen B > C > A (35 Personen bevorzugen B gegenüber C und C gegenüber A)
  • 25 Stimmen C > A > B (25 Personen bevorzugen C gegenüber A und A gegenüber B)

Kandidat A hat die meisten Stimmen und würde daher die Wahl gewinnen. Wenn jedoch Kandidat B seine Kandidatur zurückzieht, wäre C der Gewinner, da mehr Menschen C gegenüber A vorziehen (A käme auf 43 Stimmen und C auf 60). Eine einleuchtende Darstellung der Probleme eines solchen Wahlsystems. «Es kann funktionieren», sinniert Arrow in seinem Wohnzimmersessel, «aber wir müssen uns immer im Klaren darüber sein, dass es auch Zweifel gibt.»

War diese Frage inspirierend für Sie?

Dann lassen Sie sich die neusten Nobel Perspectives senden.

Diktatur oder Demokratie: Welches System ist effizienter?

Ist die Demokratie die beste Regierungsform für die Zukunft?

Die US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2016 brachten eine Äusserung Arrows wieder an die Oberfläche: Eine tief gespaltene Demokratie kann nicht funktionieren. In einer wirtschaftlich turbulenten Zeit, die durch politische Instabilität in Europa und der arabischen Welt geprägt ist, lässt Arrows Aussage zur Demokratie die aktuelle Situation in neuem Licht erscheinen.

Kenneth Arrow hat bereits nachgewiesen, dass die Ressourcen in einer Demokratie wesentlich effizienter verteilt sind als in einer Diktatur. «Dank der Offenheit des Systems können Probleme frühzeitig identifiziert werden.» Arrow konnte – anhand von Beispielen wie der Terrorherrschaft Stalins und der Unfähigkeit Hitlers, Kräfte zu mobilisieren – aufzeigen, dass die Transparenz in einem demokratischen System, in welchem ein freier Informationsaustausch möglich ist, dazu beiträgt, dass ein solches System leistungsfähiger und damit totalitären Regimes gegenüber überlegen ist.

Demokratie hat den Vorteil, dass sich abweichende Standpunkte herausbilden können, wodurch Regierungen Impulse für ihr Handeln erhalten.

Vergleicht man Indien und China, beides Länder mit einer hohen Bevölkerungsdichte und schwierigen klimatischen Bedingungen, so lassen sich klare Muster in den Auswirkungen der Politik erkennen. «Seit der Unabhängigkeit hat es in Indien praktisch keine Hungersnot mehr gegeben. China hatte aufgrund seiner Wirtschaftspolitik im Zuge der von Mao Zedong initiierten Kampagne «Grosser Sprung nach vorn» unterdessen 10 bis 20 Millionen Tote infolge von Hungerkatastrophen zu beklagen.» Die beiden Beispiele verdeutlichen die Tatsache, dass in einem totalitären System, in welchem Informationen nicht so leicht an die Öffentlichkeit gelangen, die Folgen der Politik lange unentdeckt bleiben können. Dadurch wird Widerspruch unterdrückt.

Warum gelingt es Wissenschaftlern nicht, das Wohlergehen aller zu verbessern? 

Ein Gespräch darüber, wie ein System aussehen müsste, in dem es allen Menschen besser geht, brachte Arrow dazu, sich vorzustellen, wie das Paradies wohl aussehen würde.

In der traditionellen Vorstellung vom Paradies gibt es keine konjunkturellen Probleme. Daher auch keine Notwendigkeit für Wertpapierbörsen, Geld oder Regierungspolitik. Ich meine damit, es gibt keine Notwendigkeit für Demokratie, weil es keiner Regierung bedarf.

Doch Arrow weist darauf hin, dass sich selbst im Paradies einige Menschen auf den Fischfang spezialisieren und andere lieber als Gärtner arbeiten werden. «Und vielleicht werden die Gärtner einige ihrer Früchte gegen eine Extraportion Fisch eintauschen wollen, und früher oder später entwickelt sich ein Markt. Der Gärtner wird einen Baum pflanzen wollen und muss sich dafür möglicherweise Mittel leihen und so entsteht ein Aktienmarkt.»

Er hat seinen Punkt klar gemacht. Selbst im Paradies wiederholt sich der Kreislauf. «Die allgemeine Vorstellung von Gesellschaft muss die Tatsache berücksichtigen, dass die Menschen nicht alle gleich sind. Die Menschen sind aufeinander angewiesen, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen.»

Können wir eine Politik gestalten, die für ein besseres Wohlergehen aller sorgt?

Arrow merkte an, dass Ökonomen im Vergleich zu anderen Naturwissenschaftlern einen grossen Nachteil haben. «Ein Grund, warum die Naturwissenschaften erfolgreich waren, liegt in der Möglichkeit, Laborexperimente durchzuführen. Man schaut sich nicht das gesamte System an, wenn man bestimmte Vorgänge untersuchen will.»

Arrow war sich bewusst, dass in Stein gemeisselte Wirtschaftsprognosen äusserst schwierig sind, da alle Beobachtungen aus der unkontrollierten Welt der Märkte stammen. «Leider lässt sich unser Verständnis nicht direkt in Regeln für politische Kontrollmodelle umsetzen, um die angestrebten Ziele zu erreichen.»

Mit diesem Bewusstsein im Hinterkopf versuchte er, einen Politikansatz zu finden, der jeden Einzelnen besserstellen würde. Doch seine Antwort darauf ist so einfach wie frustrierend:
«Es ist unmöglich.» Doch selbst wenn wir das, was einige vielleicht eine Utopie nennen, nicht erreichen können, können wir nach Ansicht von Arrow zumindest die Eckpfeiler der bisherigen Politik von Grund auf erneuern und modernisieren. Um das zu erreichen, muss die Menschheit noch eine ganze Reihe weiterer Fragen beantworten.

Wie sieht die Lösung für das US-Haushaltsdefizit aus?

Arrow, dessen Arbeit sich auf Konjunkturprognosen konzentriert, äusserte Zweifel an den aktuellen und zukünftigen Entwicklungen in der Politik. «Es gab eine massive Absenkung der Steuersätze, was meiner Meinung nach etwas zu weit ging», kritisierte er. Der Anstieg des Haushaltsdefizits in den USA in den 1980er Jahren und mehrere Male danach habe nur wenige bis gar keine Verbesserungen gebracht. Arrow macht geltend: «Um das Problem in den Griff zu bekommen, müssten die Steuern angehoben werden. Vor allem die Mineralölsteuer ist viel zu niedrig.»

Der Vorteil einer Umsetzung von Arrows Vorschlägen für die Gesellschaft läge in der damit verbundenen grösseren Freiheit für die Formulierung von Politikmassnahmen auf breiterer Ebene. Arrow nennt noch ein weiteres persönliches Beispiel: «Ein Haushaltsdefizit erschwert Gespräche über einen grosszügigeren Umgang mit armen Menschen.»

Warum das Haushaltsdefizit den Armen nicht hilft

Setzt die US-Regierung vorhandene Mittel falsch ein?

Arrows hatte eine starke Meinung in Bezug auf staatliche Unterstützung: Sie gibt bestimmten, nicht profitablen Aktivitäten den Vorzug. «Die Wasserreservoirs in den USA sind ein spezifisch amerikanisches Phänomen. Sie sind im Wesentlichen auf unwirtschaftlichen Grundlagen geplant und gebaut worden.» Das bedeutendste und schwer verständlichste Merkmal fortgeschrittener Volkswirtschaften war für Arrow allerdings der stark subventionierte Agrarsektor.

Lässt sich überhaupt eine gerechte Ressourcenverteilung erreichen?

«Ein Wirtschaftszweig, der so viel Geld verbrennt, sollte nochmals auf den Prüfstand gestellt und zurückverfolgt werden.» Die USA sind jedoch nicht die einzige fortschrittliche Volkswirtschaft in der Welt, die ihre Landwirte derart stark subventioniert. Länder wie Deutschland, Frankreich und Japan folgen diesem Beispiel. Nach Arrows Meinung zeigt dies, wie das Eingreifen der Regierungen in den Markt sowohl das Haushaltsdefizit weiter verstärkt als auch zu einer schwerwiegenden Fehlallokation der Ressourcen führt.

Anstatt unfruchtbare, und noch dazu unrentable, bestehende Böden zu bewirtschaften, plädiert Arrow dafür, bessere Bildungsbedingungen für die Zukunft zu schaffen.

Wie ebnet man den Weg für Entwicklung?

Ein grosses Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung ist nach Einschätzung von Arrow in vielen Fällen die jeweilige Innenpolitik der Länder. «Ich denke, man kann die Länder, in denen eine Entwicklung stattgefunden hat, von denen, die sich nicht weiterentwickelt haben, anhand des Zentralisierungsgrads ihrer Planungsaktivitäten unterscheiden.» Während Arrow hervorhebt, dass eine zentralisierte Planung wohl der Hauptgrund für die Rückständigkeit vieler Entwicklungsländer ist, betont er zugleich, dass der Weg zu mehr Fortschritt nicht in der sofortigen Industrialisierung besteht.

In seinen Augen ist das «eine Falschaussage. Die fortschrittlichen Nationen sind hoch industrialisiert, das stimmt. Das heisst aber nicht, dass die Industrialisierung um jeden Preis das richtige Mittel ist, um ein fortschrittliches Land zu werden.» Arrow konstatiert, dass «landwirtschaftliche Produktivität der Schlüssel für wirtschaftliche Entwicklung ist», und dass «die Entwicklung in den USA zu einem erheblichen Teil auf eine äusserst fortschrittliche Agrarwirtschaft zurückzuführen ist.»

Worin können wir heute investieren, um den Fortschritt unserer Kinder sicherzustellen? Und mit investieren meine ich nicht, in Ziegel und Mörtel, sondern Menschen. Wir brauchen wirtschaftliche Gerechtigkeit, gepaart mit einem effizienten öffentlichen Sektor, sowie eine produktive Allokation von Ressourcen.

Was können wir heute investieren

War diese Frage inspirierend für Sie?

Dann lassen Sie sich die neusten Nobel Perspectives senden.

Indien halte ich für ein sehr gutes Beispiel. Dort hat man sich von dem Motto «Industrialisierung ist alles» abgewendet hin zu einem agrarwirtschaftlichen Modell, bei dem die Bewirtschaftung von Land gefördert wird, indem Preissteigerungen zugelassen werden. Das Ergebnis war eine der schnellsten Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft, die es jemals in der Geschichte gegeben hat.

Das Aufregendste im Leben war für Arrow, das Offensichtliche zu analysieren und dabei das nicht so Offensichtliche zu entdecken und Verbindungen zwischen Dingen zu erkennen, die nicht miteinander verbunden zu sein scheinen. «Das ist eine spannende Sache. Und meine Hoffnung ist, Studierende zu animieren, über Fragen nachzudenken, die sie sich noch nie zuvor gestellt hatten.»

Die Tatsache, dass Kenneth Arrow von vielen Studierenden heute als der interessanteste Ökonom aller Zeiten gesehen wird, nun, der würde Arrow wohl ein Lächeln entlocken.

Warum sollten Länder bessere Wege finden, um zu wachsen?

Hören Sie dazu die Meinung von Michael Spence und wie Länder nachhaltiges Wachstum generieren und dabei langfristig einen positiven Effekt erzeugen können.

Weitere Stories von Nobelpreisträgern

Kann die Spieltheorie die Konflikte in der Welt beenden?

Robert J. Aumann

Nobelpreisträger, 2005

Was macht eine gute Wirtschaftspolitik aus?

Finn E. Kydland

Nobelpreisträger, 2004

War diese Frage inspirierend für Sie?

Dann lassen Sie sich die neusten Nobel Perspectives senden.