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Worum geht es bei der BVG-Reform im Kern? «Das BVG muss wegen der demografischen Veränderungen reformiert werden», lautet die Standardantwort. An dieser ist vor allem die Begründung aufschlussreich: Die Demografie dominiert die Reformdiskussion – die Veränderung der Arbeitswelt hingegen hat im Kontext der BVG-Reform offenbar kaum jemand auf der Agenda.

Technologien wie die Digitalisierung haben den Arbeitsmarkt schon heute tiefgreifend verändert; diese Entwicklung dürfte sich in Zukunft noch verstärken. Ist es bei solch einer Ausgangslage richtig, dass sich die Reformdebatte vor allem um die Bevölkerungsentwicklung dreht und die Entwicklungen der Arbeitswelt dabei nahezu unberücksichtigt bleiben? Schliesslich wird die berufliche Vorsorge über Lohnbeiträge finanziert.

Deshalb geht es in diesem Round Table zur BVG-Reform um Prioritäten und Gewichtungen. Am runden Tisch sitzen zwei prominente Fachleute auf dem Gebiet der Vorsorge – Dr. Veronica Weisser, Leiterin des Sektors Retirement & Pension Solutions von UBS, und Dr. Jérôme Cosandey, Directeur romand des Thinktanks Avenir Suisse.

Bedrohen disruptive Technologien wie die Digitalisierung unseren Arbeitsmarkt?

Jérôme Cosandey: Die letzten 200 Jahre sind die Geschichte eines anhaltenden technologischen Umbruchs. Bei jedem neuen Teilumbruch wurde der Weltuntergang prophezeit, der dann doch nicht eingetreten ist. Ich bin überzeugt, dass wir auch keine «Robokalypse» erleben werden.

Veronica Weisser: Bislang brachte jeder technologische Umbruch unter dem Strich mehr Arbeit für mehr Menschen und damit mehr Wohlstand für mehr Menschen. Die Geschichte zeigt uns, dass die Ängste vor dem Wandel meist viel grösser sind als die tatsächlichen Folgen. Es ist aber verständlich, dass die direkt Betroffenen im Moment der Veränderung um ihre Existenzgrundlage bangen.

Werden durch den technologischen Wandel Berufe verschwinden?

Cosandey: Die Liste der seit 200 Jahren verschwundenen Berufe ist lang und wird mit jedem Tag länger. Es sind aber auch unzählige neue Berufe entstanden. Durch jeden Umbruch verschwinden Jobs und andere kommen hinzu. Das wird auch in Zukunft so sein. Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt stark verändern – es wird neue Berufe geben, die wir uns heute kaum vorstellen können. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass Social Media Manager ein wichtiger und interessanter Job sein könnte?

Die berufliche Vorsorge muss sich am Arbeitsmarkt orientieren.

Veronica Weisser

Soll sich die berufliche Vorsorge an der Demografie orientieren oder am Arbeitsmarkt?

Weisser: Keine Frage – die berufliche Vorsorge muss sich am Arbeitsmarkt orientieren; sie darf nicht nur auf die Demografie ausgerichtet sein. Die Demografie ist die Herausforderung und der Arbeitsmarkt ist die Lösung für das BVG.

Warum fokussiert sich die Reformdiskussion so stark auf die demografische Entwicklung?

Cosandey: Weil sich die Demografie berechnen lässt – sie verändert sich gleichmässig und mit dem Tempo eines Gletschers. Bei der Technologie wissen wir mit Sicherheit nur, dass der nächste Umbruch kommen wird, aber wir kennen weder den Zeitpunkt, den Verlauf noch die damit einhergehenden Folgen. Verständlich, dass sich die Gesetzgeber auf das fokussieren, was eher vorauszusehen ist.

Wie arbeiten wir in zehn Jahren?

In drei Szenarien schildern ein Volkswirtschaftler, der oberste Arbeitnehmervertreter der Schweiz und ein Futurologe, wie sich nach ihrer Ansicht die Schweiz bis 2030 entwickeln könnte.

Prof. David Dorn

David Dorn (*1979) ist Professor für Globalisierung und Arbeitsmärkte an der Uni Zürich. Er geht insbesondere der Frage nach, wie sich Globalisierung und technologische Innovation auf die Arbeitsmärkte auswirken.

Für Professor Dorn sind die 2020er-Jahre ein Hype-Zyklus wie aus dem Lehrbuch: Die von den Medien geschürten Erwartungen entpuppen sich im Nachhinein grösstenteils als übertrieben. Die Technologien entwickeln sich zwischen 2020 und 2030 langsamer als erwartet; die Fortschritte sind zudem graduell und nicht disruptiv. Zwar führt die Digitalisierung zu einem Verlust von Arbeitsplätzen. Doch der Stellenabbau erfolgt nicht von einem Tag auf den anderen – deshalb verdoppelt sich auch die Arbeitslosigkeit nicht über Nacht. Alles in allem arbeiten wir 2030 nicht so viel anders als 2020, somit halten auch die Reformen einigermassen Schritt mit der tatsächlichen Entwicklung.

Wirtschaft: Online-Händler als grosse Gewinner

Weil die grossen technologischen Durchbrüche ausbleiben, können sich die meisten Branchen der Entwicklung anpassen. Zu den Gewinnern der 2020er-Jahre zählen Branchen, bei denen die Digitalisierung eine weitgehende Individualisierung der Massenfertigung ermöglicht.
Zu den Verlierern gehört der stationäre Detailhandel, der im Non-Food-Bereich massiv an Boden verliert. Dies nicht zuletzt, weil auch treue Fachgeschäftsstammkunden während des Corona-Lockdowns die Annehmlichkeiten des Online-Shoppings schätzen lernen und ihre Einkaufsgewohnheiten ändern. Diese Verlagerung zum Online-Handel führt zu einem Abbau von Filialen, Geschäftsaufgaben, Konkursen und enormen Leerständen bei Verkaufsflächen auch in Zentrumslagen. Der damit einhergehende Stellenabbau geht mit einer rasch ansteigenden und danach permanenten Arbeitslosigkeit in diesem Sektor einher. Davon betroffen sind insbesondere die über 40-Jährigen, für die es kaum Umschulungsmöglichkeiten gibt.

Städtebau: Hypoblasen und leere Innenstädte

Der Druck im Hinblick auf noch mehr Kosteneffizienz leert die Innenstädte. Detailhandel und Finanzdienstleister können sich teure Zentrumslagen nicht mehr leisten und ziehen in die Peripherie. Massive Leerstände von Büro- und Ladenflächen an bester Lage führen zu Wertberichtigungen und bringen eine Hypoblase zum Platzen. Entsprechend fehlt das Geld, leere Geschäftsgebäude zu Wohnungen umzubauen.

Verkehr: weniger Pendler, weniger Strassen

Weil weniger Menschen in den Städten arbeiten (und mehr von zu Hause aus), nimmt der Berufsverkehr zwischen 2020 und 2030 kontinuierlich ab. Zudem verlagert sich die Mobilität vom Individual- auf den Kollektivverkehr; das Strassennetz muss deshalb nicht weiter ausgebaut werden.

Arbeiten: alte Strukturen, neue Modelle

Auch 2030 lebt die grosse Mehrheit der 20- bis 65-Jährigen in der Schweiz von einer Erwerbstätigkeit; trotz Stellenabbau bleibt die Arbeitslosigkeit verhältnismässig gering. Die Nachfrage nach neuen Arbeitsmodellen wie Jobsharing, flexible Teilzeitpensen und Ähnliches ist gross – und kommt auch den Arbeitgebern entgegen.

Politik: wenig Gestaltungswille

In den 2020ern wirkt die Politik erstaunlich passiv: Sie scheint einen Big Bang zu erwarten, der jedoch nicht eintrifft. Anstatt Reformen auf die Zukunft auszurichten, übernimmt man einfach den Status quo. So auch bei der beruflichen Vorsorge, was zu immer grösserer Unzufriedenheit bei den jüngeren Generationen führt.

Adrian Wüthrich

Adrian Wüthrich (*1980) ist Alt-Nationalrat, Präsident und Geschäftsführer des schweizerischen Gewerkschaftsdachverbands
Travail.Suisse sowie Präsident des Rats des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung EHB.

Adrian Wüthrich geht davon aus, dass sich bis 2030 Roboter, KI und andere Technologien durchsetzen – schneller und breiter als erwartet und in manchen Branchen mit disruptiver Wirkung. Dies führt zu Stellenabbau und schnell ansteigender Arbeitslosigkeit. Da sich diese Entwicklung abzeichnet, können Politik, Wirtschaft und Stakeholder proaktiv handeln. So sind die Folgen weniger gravierend als befürchtet, die positiven Effekte der Digitalisierung überwiegen.

Gesellschaft: sozialverträglicher Umbruch

Dank der rechtzeitig verankerten Sozialpläne verläuft der Umbruch langsamer und sozialverträglich. Die Sockelarbeitslosigkeit steigt kontinuierlich; betroffen sind vor allem ältere und wenig qualifizierte Arbeitnehmer. Arbeitslosigkeit ist kein Makel mehr, sondern gesellschaftlich akzeptiert. Trotz der massiven Auswirkungen der Digitalisierung gibt es in der Schweiz bislang praktisch keine sozialen Spannungen.

Wirtschaft: in die Pflicht genommen

Die europaweit geltenden Sozialpläne machen Betriebsschliessungen, Massenentlassungen oder Produktionsverlagerung ins Ausland unattraktiv. Weil die Wirtschaft die gesellschaftlichen Folgen des Stellenabbaus mittragen muss, verläuft der Umbruch langsamer. Alle Beteiligten erhalten mehr Zeit, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen.

Branchen: Lädelisterben und neues Bildungswesen

Online-Shopping verdrängt den stationären Handel schneller als erwartet: Es überleben einzig der Lebensmittelbereich und hoch spezialisierte Fachgeschäfte. Der Stellenabbau geht weiter, weil aus Kosten- und Produktivitätsgründen immer mehr Arbeiten nicht mehr von Menschen erledigt werden, sondern durch Computer, Roboter und selbstlernende Maschinen.
Das Bildungswesen reagiert erstaunlich schnell mit einer radikalen Reform der gesamten Schul-, Hochschul- und Berufsbildung.

Städtebau: grün statt leer

Leer stehende Büro- und Verkaufsgebäude müssen innert kurzer Zeit umgenutzt oder abgerissen und als Grünflächen öffentlich zugänglich gemacht werden. So verhindert der Gesetzgeber seit einigen Jahren wirkungsvoll eine Verödung der Innenstädte.


Sozialwerke: Rente für alle, AHV gesichert

Seit 2026 alimentieren Gewinne der SNB und eine Steuer auf ausländische Frankenkäufe die AHV. Unabhängig von ihrem Zivilstand erhält jede Person in der Schweiz eine einheitliche Rente. Das Rentenalter liegt für alle bei 65 Jahren, finanziert durch eine laufende Anpassung der Mehrwertsteuer. Die Schweiz bleibt konkurrenzfähig, weil alle Staaten aufgrund der Demografie ihre Steuerbelastung erhöhen müssen. Die Zuwanderung nimmt ab, die Schweiz wächst langsamer.

Markus Iofcea

Markus Iofcea (*1977) gründete 2014 UBS Y und leitet seither den ersten Thinktank von UBS. Als «Zukunftsarchäologe»
entwirft er Visionen von und für UBS und beschäftigt sich mit Dingen, die erst nach 2050 geschehen.

Markus Iofcea rapportiert aus der Zukunft ein exponentielles Wachstum von KI und anderen Technologien. Die meisten Volkswirtschaften sind überrumpelt – es entsteht ein Führungsvakuum. Big Tech und Big Data übernehmen das Zepter und treiben die Welt vor sich her. Nach und nach beruhigt sich die Situation. Später als erwartet, dafür aber massgeblich verbessert der technologische Fortschritt das Leben der meisten Menschen gegenüber 2020.

Gesellschaft: Privilegierte und Verlierer

Auch in der Schweiz entwickelt sich eine Zweiklassengesellschaft: hier die Privilegierten mit Arbeit, da die Verlierer ohne. Die Nichtprivilegierten verbringen ihre Zeit ohne sinn- und identitätsstiftende Arbeit und werden stigmatisiert, weil sie von Sozialhilfe leben. Weil sie auch keinen Zugang zu den neuen Technologien haben, vertieft sich die soziale Kluft zusätzlich. Es entstehen soziale Spannungen.

Wirtschaft: Alles wird anders

Erst als die Politik wieder Fuss fasst und neue Strukturen schafft, werden die neuen Technologien zum Nutzen aller eingesetzt. Weil Roboter und KI-gesteuerte Maschinen die meisten Arbeiten schneller, günstiger und besser erledigen, verlieren grosse Teile der Menschheit ihre Arbeit. Die Stakeholder verabschieden sich vom Ziel der Vollbeschäftigung.

Städtebau: die grosse Chance

2030 ist der grosse Umbruch noch nicht vorbei – die Virtualisierung der Arbeit geht weiter und der Detailhandel verliert weiter Boden an den Online-Handel. Noch ist unklar, wie viel Büro- und Ladenflächen es in den Städten noch braucht. Daraus entwickelt sich eine grosse Chance: Wer als Erster eine überzeugende Lösung für eine neue Nutzung dieser Gebäude präsentiert, gehört zu den grossen Gewinnern der 2030er-Jahre.

Sozialwerke: leere Töpfe

In den chaotischen 2020er-Jahren kommt auch die Vorsorge unter die Räder: Die Kontrollorgane müssen macht- und hilflos zusehen, wie die Pensionskassen geleert werden. Die staatlichen Vorsorgewerke haben kein Geld mehr für die AHV, weil sie für die enormen Summen der Sozialhilfe aufkommen müssen – die Bausteine und Prinzipien des Schweizer Vorsorgesystems halten dem Paradigmenwechsel nicht stand.

Politik: ratlos und handlungsunfähig

In vielen Ländern führt diese Entwicklung zu grossen sozialen Spannungen. Am schlimmsten ist es in populistisch regierten Ländern. Dort fühlen sich die Unzufriedenen doppelt verraten: von der Wirtschaft, die für sie keine Verwendung mehr hat – und von den politischen Parteien, die nicht zu ihren Wahlversprechen stehen, sich immer für ihre (unterprivilegierten) Wähler einzusetzen. Das treibt Heerscharen von Unzufriedenen auf die Strasse. Aus eigenem Verschulden ist die Politik just dann handlungsunfähig, als sie dringend gebraucht wird.

Generationenvertrag: die Jungen als Hoffnungsträger

Der Wandel benachteiligt vor allem die vor 2000 Geborenen. Jahrgänge nach 2010 kennen gar nichts anderes und arrangieren sich deshalb leichter mit den neuen Umständen. Ab 2030 beginnen sie, die enormen Potenziale der neuen Technologien zum Wohle aller einzusetzen. Der Umbruch dauert zwar etwas länger, doch ab 2045 wird unsere Welt wirklich zu einer besseren Welt für alle.

Ist es gut, dass sich eine Reform primär auf das Berechenbare abstützt?

Weisser: Den Anlass zur BVG-Reform bildet tatsächlich die Demografie. Wir erwarten, dass 2050 nur noch etwa 50 Prozent der Bevölkerung erwerbstätig sein werden. Eine Hälfte der Bevölkerung muss also mit ihrer Arbeit die andere finanzieren. Also muss das System leistungsfähiger werden, um viel mehr Leute damit finanzieren zu können. Die Frage lautet deshalb, wie diese Finanzierung erfolgen soll – die Antwort hängt ab von der Entwicklung des Arbeitsmarkts.

Cosandey: Das neue BVG darf nicht nur die heutigen Probleme lösen – es muss zwingend auf die künftigen Entwicklungen des Arbeitsmarkts ausgerichtet sein. Und da wir diese nicht im Detail kennen – nicht kennen können –, erfordert es vor allem eins: Flexibilität. Es gilt, die berufliche Vorsorge so flexibel zu konzipieren, dass sie sich auch in 20 Jahren ohne Totalrevision den geänderten Umständen anpassen lässt. Doch das Wichtigste ist Wachstum: Wir müssen wachsen und pro Kopf mehr Franken verdienen, um unsere Sozialwerke auch in Zukunft zu finanzieren.

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Braucht es eine komplette Kehrtwende in der Reformdebatte: weg von der Demografie, hin zur Arbeitswelt?

Weisser: Keinesfalls, die Demografie gehört zwingend dazu; schliesslich verursacht sie die Kosten, die das BVG finanzieren muss. Wenn nur noch die Hälfte der Bevölkerung arbeitet und wir immer länger leben, dann bestimmt die Demografie den Finanzierungsbedarf. Es liegt also an der Demografie, wie viele Milliarden uns fehlen. Sie bestimmt aber nicht, wie wir die Lücken füllen – ob zum Beispiel die Kosten zu 10, 30 oder 50 Prozent mit der Mehrwertsteuer finanziert werden sollen …

Cosandey: … diese Frage ist absolut zentral für den Arbeitsmarkt. Eine zu hohe Mehrwertsteuer würgt das Wachstum ab und führt in einen Teufelskreis, der die Sozialwerke unbezahlbar macht.


Die Politik sollte kein bestimmtes Szenario verfolgen.

Jérôme Cosandey

Weisser: Somit muss das System der 2. Säule auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet sein, dort wird das Geld erwirtschaftet. Die Demografie bestimmt den Umfang der Massnahmen, denn sie verursacht die Kosten. Die Demografie würde keine ungeplanten Kosten nach sich ziehen, wenn Parameter wie Rentenalter oder Umwandlungssatz an demografische Grössen wie die Lebenserwartung oder die Anzahl Kinder gekoppelt wären.

An welchem Szenario sollen sich die Politiker orientieren, damit das BVG eine Zukunft hat?

Cosandey: An gar keinem – die Politik sollte bei der BVG-Reform kein bestimmtes Szenario verfolgen. Sonst legt sie sich darauf fest und entwickelt eine dazu passende Lösung. Bei den unzähligen Variablen ist die Wahrscheinlichkeit aber gross, dass sich Technologie und Arbeitsmarkt nicht wie geplant entwickeln, das Szenario also nicht eintritt. Somit wäre das neue BVG von Anfang an Makulatur.

Wie lautet die Alternative zu Szenarien möglicher Entwicklungen?

Cosandey: Eine Debatte über Verbindlichkeit und Flexibilität: Wie lässt sich das Gesetz gleichzeitig klar und griffig und möglichst flexibel gestalten? Das BVG muss so gestaltet sein, dass es sich auf alle künftigen Entwicklungen von Technologie und Arbeitsmarkt anwenden lässt.

Weisser: Grundsätzlich braucht es von der ganzen Gesellschaft mehr Flexibilität. Auch die Politik ist gefordert, anpassungsfähig zu werden und flexible Gesetze zu entwickeln. In Ländern mit flexibleren Systemen übernimmt die Bevölkerung mehr Eigenverantwortung bei der Altersvorsorge. Das sollten wir auch in der Schweiz anstreben. Alle Bürgerinnen und Bürger sollten die Vorsorge selbst in die Hand nehmen.

Wo sehen Sie die Eckpfeiler eines flexiblen BVG?

Cosandey: Die wichtigsten für mich wären 1. kein Koordinationsabzug; 2. kein fixes Rentenalter; 3. Umwandlungssatz im Ermessen der Pensionskassen, nicht des Gesetzgebers; 4. die Möglichkeit, das eigene Guthaben im Fall eines Stellenwechsels bei der letzten Pensionskasse zu lassen – zum Beispiel bei 1e-Plänen –; und schliesslich 5. die freie Pensionskassenwahl.

Weisser: Ich möchte noch ergänzen: 6. Nachkaufmöglichkeiten auch bei der 3. Säule; 7. eine 4. Säule für die Finanzierung der eigenen Pflege im Alter (ich stelle mir ein obligatorisches Konto vor, in das alle über 50 einzahlen); 8. Trennung von Anspar- und Auszahlungsphase, um in der 2. Säule Transparenz zu schaffen; sowie 9. in der 2. Säule versichert bleiben und freiwillige Beiträge leisten können bei Erwerbsunterbrüchen wie Elternschaft, Pflege oder Ausbildung.

Cosandey: Ich kann mir auch vorstellen, während einer Übergangsperiode zweigleisig zu fahren. Die Grenze wäre zum Beispiel das Geburtsjahr 2005. Für alle früher Geborenen würde sich nichts ändern; sie unterstehen dem bisherigen BVG, das als Auslaufmodell weitergeführt wird. Für alle später Geborenen gälte das neue BVG.

Die Kernthesen im Überblick:

  • Der Arbeitsmarkt bestimmt das Konzept der 2. Säule, denn dort wird das Geld erwirtschaftet.
  • Die Demografie beeinflusst die Höhe der Beiträge der 2. Säule, denn sie verursacht die Kosten.
  • Das System des neuen BVG muss flexibel sein, um sich den Veränderungen des Arbeitsmarkts anzupassen.
  • Die fünf Eckpfeiler des neuen BVG:
    • kein Koordinationsabzug
    • kein fixes Rentenalter
    • Umwandlungssatz im Ermessen der Pensionskassen
    • Guthaben kann im Fall eines Stellenwechsels bei der letzten Pensionskasse bleiben
    • freie Wahl der Pensionskasse
  • Ergänzend braucht es:
    • Nachkaufmöglichkeiten bei der 3. Säule
    • eine 4. Säule für die Finanzierung der eigenen Pflege im Alter (obligatorisch für alle über 50 Jahre)
    • Trennung von Anspar- und Auszahlphase in der 2. Säule
    • in der 2. Säule versichert bleiben bei Erwerbsunterbrüchen wie Elternschaft, Pflege oder Ausbildung

Die Vermutung, wonach in der Reformdiskussion die Digitalisierung mit ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt zu kurz kommt, trifft also zu. Allerdings lässt sich die 2. Säule nicht allein mit Blick auf unberechenbare Entwicklungen reformieren – die demografischen Entwicklungen sind so gut wie sicher und müssen mitberücksichtigt werden. Dennoch gehören der Arbeitsmarkt und die Unwägbarkeiten der Technologie mit auf die politische Agenda.

Dr. Veronica Weisser 

Head Retirement & Pension Solutions, UBS

Dr. Veronica Weisser leitet bei UBS den 2020 gegründeten Sektor Retirement & Pension Solutions. Sie studierte Ökonomie und Mathematik in Deutschland, Frankreich und Spanien. Die namhafte Spezialistin für die Schweizer Altersvorsorge hält im In- und Ausland regelmässig Vorträge zur Weltwirtschaft und zu den Finanzmärkten sowie zum Schweizer Vorsorgesystem. Sie arbeitet seit 2006 bei UBS.


Dr. Jérôme Cosandey

Directeur romand, Avenir Suisse

Dr. Jérôme Cosandey ist Directeur romand des Thinktanks Avenir Suisse. Als Forschungsleiter für Tragbare Sozialpolitik zählen Altersvorsorge, Gesundheitspolitik und der Generationenvertrag zu seinen Arbeitsschwerpunkten. Cosandey studierte Maschinenbau, promovierte an der ETH und war danach als Strategieberater bei namhaften Unternehmen tätig. Er hält zudem einen Master der Universität Genf in internationaler Wirtschaftsgeschichte. Seit 2011 arbeitet er bei Avenir Suisse.


Alessandro Brun del Re

Head Relationship Management Institutional Clients, UBS

Alessandro Brun del Re leitet das regionale Relationship Management für institutionelle Kunden von UBS. Mit seinem Team koordiniert er die Entwicklung kundenspezifischer Anlage- und Infrastrukturlösungen und neuer Beratungsmodelle. Für UBS arbeitet er seit 2005, unter anderem im Investmentbanking und im Asset Liability Management. Er ist diplomierter Finanzanalyst und Portfoliomanager und verfügt über einen Master der Universität Luzern.


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