Karsten Güttler. Bild: Christian Rintelen

Interview mit Karsten Güttler über nachhaltige Investitionen

In den letzten Jahren war das Thema nachhaltige Anlagen omnipräsent. Kein Wunder, entfallen doch gemäss Swiss Sustainable Finance mittlerweile über 30 Prozent der institutionellen Anlagen in der Schweiz auf diese Kategorie. Für Dr. Karsten Güttler, Anlagespezialist Nachhaltigkeit beim UBS Asset Management, ist die Ursache für den Hype eher in der medialen Aufmerksamkeit zu suchen und weniger im Klimawandel oder anderen Umweltthemen an sich. Wir sprachen mit ihm über Ursachen und Wirkungen, Chancen und Risiken von nachhaltigen Investitionen.

Herr Güttler, sind nachhaltige Anlagen eine Modeerscheinung, die wieder vorbeigehen wird?

Wie heisst es doch so schön? Prognosen sind immer schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen … Dennoch glaube ich nicht, dass nachhaltige Anlagen so schnell wieder verschwinden werden.

Und warum nicht?

Weil Nachhaltigkeit als Konzept nichts Neues ist. Der Begriff stammt aus der Forstwirtschaft des 18. Jahrhunderts. Für Waldbesitzer war schon damals klar, dass sie nicht mehr Bäume fällen durften, als dass nachwachsen – andernfalls zerstörten sie langfristig ihre Lebensgrundlage. Nachhaltigkeit war also ein Risikoaspekt. Neben dem zentralen Thema von Risiko und Rendite ist Nachhaltigkeit bei Anlagen eine Frage der Saldobetrachtung der positiven und negativen Auswirkungen. Nachhaltigkeit oder «ESG» machen diesen nichtfinanziellen Saldo einfach explizit und transparent; er wurde aber von langfristig orientierten Pensionskassen schon früher einbezogen.

Nachhaltigkeit ist eine Frage der Saldobetrachtung

Und doch sprach noch vor 20 Jahren niemand von «nachhaltigen Anlagen»

Noch vor nicht allzu langer Zeit waren institutionelle Anleger vor allem daran interessiert, die ganz grossen «Unfälle» zu vermeiden und ihr Verlustrisiko zu beschränken. Man dachte sehr kurzfristig und hangelte sich von Quartalsbericht zu Quartalsbericht. Längerfristige Risikofaktoren wie Intransparenz, Mehrheitsstimmrechte, Produktsicherheit und ähnliche Aspekte nahm man häufig als gegeben hin und bemühte sich nicht aktiv um eine Verbesserung.

Was hat sich daran geändert?

Die eigentliche Innovation von ESG sind das E und das S; G wie Governance stand schon länger im Fokus. Im Vergleich zu früher haben vor allem die Umwelt – Stichwort: Klima – und soziale Aspekte an Bedeutung gewonnen. Die Klimaregulierung in der Schweiz, das CO2-Gesetz, ist ein starker Treiber der E-Dimension. Auch die Behandlung von Problemen durch sogenanntes «Engagement» hat stark zugenommen. Doch die Dinge verändern sich vergleichsweise langsam – dafür aber stetig.

Das müssen Sie uns erklären.

Institutionelle Anleger verwalten rund 80 Prozent aller Vermögen. Grosse Vorsorgeeinrichtungen sind wie Supertanker; sie können nicht auf einem Bierdeckel wenden, sondern brauchen viel Zeit für eine Kurskorrektur. Doch einmal in Fahrt, wird nicht gestoppt. Das erklärt auch, warum in den letzten Jahren immer mehr Gelder nachhaltig angelegt wurden – viele Supertanker auf den Schweizer Vorsorgegewässern haben ihre Kehrtwende schon vor einiger Zeit eingeleitet, und nun wird sie sichtbar. Damit verbunden ist auch eine Verunsicherung. Bislang mussten die Entscheider erklären, warum sie in nachhaltige Anlagen investieren – nun sollen sie sich plötzlich für das Gegenteil rechtfertigen.

Supertanker brauchen Zeit für eine Kurskorrektur

Zahlen lügen nie, heisst es – was sagen sie?

Für eine neutrale Darstellung beziehe ich mich nicht auf unser eigenes Research, sondern auf den weltweit grössten unabhängigen Vermögensverwalter. Blackrock analysierte konventionelle und ESG-Aktienanlagen für die Sechsjahresperiode 2012–18. Verglichen wurden wesentliche Parameter wie Performance, Volatilität, Maximalverlust, KGV und Sharpe Ratio für die Märkte USA, entwickelte Welt ohne USA sowie Schwellenländer.

Und wer hat gewonnen?

Für den US-Markt endet der Vergleich unentschieden. Bei der entwickelten Welt ohne USA haben ESG-Anlagen in allen Aspekten die Nase minim, bei den Schwellenländern etwas deutlicher vorn. Blackrock widerlegt damit das Cliché, Nachhaltigkeit sei zwar gut fürs Gewissen, aber schlecht für die Rendite. Und auch das Risiko ist bei ESG nicht zwingend grösser.

Also sind nachhaltige Anlagen nach ESG besser?

Was heisst «besser»? Finanziell besser, besser für die Umwelt oder besser für die Reputation? Die Blackrock-Analyse zeigt nur, dass zumindest aus finanzieller Hinsicht nichts gegen ESG-konforme Anlagen spricht. So, wie es kein wirksames Heilmittel ohne Nebenwirkungen gibt, verhält es sich auch bei Anlagen – egal, ob konventionell oder nachhaltig. Man muss den Beipackzettel gut studieren. Stellen Sie sich vor, Schweizer Pensionskassen würden nur in Windkraftanlagen investieren. Das wäre zwar ESG-konform, wegen den Nebenwirkungen vermutlich aber nicht mehr nachhaltig.

Nachhaltige Anlagen sind wie Medikamente mit Risiken und Nebenwirkungen

Wie entscheiden Sie, welche Anlage «besser» ist?

Ich entscheide das gar nicht, sondern zeige Optionen auf. Jeder institutionelle Anleger hat seine eigenen Vorstellungen, wie er nachhaltig investieren will. Die Palette der Anlagemöglichkeiten ist mittlerweile sehr breit, man könnte von «Fifty Shades Of Green» sprechen. Werturteile zu fällen, ist weder meine Aufgabe noch die von UBS. Vielmehr stellen wir dem Kunden die Werkzeuge zur Verfügung, mit denen er nach seiner eigenen Vorstellung und seinen eigenen Zielen nachhaltig anlegen kann.

Kann die Finanzindustrie das Klima verbessern?

Wir Finanzintermediäre stehen im Brennpunkt bei der Kapitalallokation. Mit unserem Research und unseren Werkzeugen sehen wir uns als «Enabler» für institutionelle und private Anleger. Wir zeigen zum Beispiel auf, welche KMU besonders interessante und innovative Technologien entwickeln, um den CO2-Ausstoss zu reduzieren. So können Pensionskassen je nach ihrer Nachhaltigkeitsstrategie beispielsweise gezielt in Technologien investieren, die sie zuvor gar nicht auf dem Radar hatten.

«Morgen ist uns wichtig»

Am 11. September 2019 veranstaltete UBS einen Fachanlass über nachhaltige Investitionen, an welchem Karsten Güttler das Keynote-Referat hielt und die Podiumsdiskussion moderierte. Der Artikel «Nachhaltig anlegen oder Wirkung erzielen?» fasst den Event zusammen und vermittelt eine Übersicht der breiten Palette an nachhaltigen Investitionsmöglichkeiten für institutionelle Anleger.

Was bringt die Zukunft?

Nehmen wir als Beispiel das neue CO2-Gesetz. Noch ist der Inhalt nicht beschlossen. Klar ist aber, dass es institutionelle Anleger stark beeinflussen wird. Regulatorische Lenkung macht Unternehmen mit «schmutzigen» Technologien weniger attraktiv. Das ist nicht nur gut fürs Klima, sondern im Umkehrschluss auch für alle Unternehmen mit «sauberen» Lösungen. Anleger werden also nicht einen Preis für nachhaltige Anlagen bezahlen, sondern für nicht nachhaltige. Das wird die Nachfrage nach ESG-konformen Investitionen weiter verstärken. Irgendwann wird dieser Paradigmenwechsel vollzogen sein, und Anleger werden sich rechtfertigen müssen, wenn sie in nicht nachhaltige Unternehmen investieren. So dürften ESG-konforme Anlagen in nicht allzu ferner Zukunft zur neuen Normalität werden. Sie werden dadurch zwar an medialer Aufmerksamkeit verlieren, dafür aber an Relevanz gewinnen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Über Karsten Güttler

Als «Senior Investment Specialist» bei UBS Asset Management ist Karsten Güttler mitverantwortlich für die Entwicklung innovativer Lösungen im Bereich nachhaltige Anlagen und Impact Investing. Eine ähnliche Funktion bekleidete er früher beim UBS Wealth Management.

Karsten Güttler arbeitet seit 2011 für UBS; zuvor war er für ein führendes Beratungsunternehmen und andere Grossbanken tätig. Er absolvierte eine Banklehre, ist Diplomkaufmann und promovierte an der RWTH Aachen in Wirtschaftswissenschaft.

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