Markus Iofcea, Leiter des UBS Y Think Tanks hat Szenarien für die Zukunft entwickelt. Bild: Balz Murer

Ich würde Sie gerne auf einer Zeitreise ins Jahr 2030 begleiten. Könnten Sie mir dort eine typische UBS-Kundenberaterin und einen durchschnittlichen Kunden charakterisieren?

Markus Iofcea: Nach dem heutigen Forschungsstand werden wir selbst immer mehr Teil vom Netz, aber bis dahin noch nicht vollständig Teil des Netzes sein. Dadurch und durch andere Entwicklungen werden die Kunden und wir in Echtzeit zu deutlich mehr Informationen Zugang haben. Wenn wir nach wie vor davon ausgehen, dass UBS in der Beratung tätig ist, müssen wir besonders darauf achten, dass kein Informationsungleichgewicht zwischen den Kunden und der Beratung entsteht. Ein Beispiel aus der Gegenwart illustriert, wohin die Reise geht: der Fernsehverkäufer bei einem Elektrofachmarkt. Die unzähligen Modelle an der Wand kann er unmöglich kennen, die auch noch alle zwölf Monate erneuert werden. Zudem vergrössert sich dieses Sortiment auch von Jahr zu Jahr, weil der Kunde eine möglichst grosse Auswahl erwartet. Darüber hinaus kommt der Kunde heute vorinformiert ins Geschäft. Eine ähnliche Konstellation präsentiert sich aktuell auch schon Ärzten, bald auch Lehrern und uns. Kunden, denen wir 2030 begegnen, werden sich in ihren Entscheidungsprozessen von künstlicher Intelligenz unterstützen lassen, sie werden sprichwörtlich potenziert. Wir verwenden für diesen Typus Mensch den Begriff «amplified ME». Um dieser Person zu begegnen, muss auch der Kundenberater «amplified» sein, damit kein Informationsungleichgewicht auftritt.

Die Wahrscheinlichkeit ist also gross, dass KI gerade im Banking andere Technologien ersetzen und sich etablieren wird.

MI: Definitiv. Die meisten anderen Themen, die im Moment aktuell sind, werden wir als komplett natürlich ansehen und uns darüber keine Gedanken machen, oder sie existieren bis dahin nicht mehr.

Welche heutigen Technologien werden bald durch andere ersetzt?

MI: Diese Voraussage kann ich nicht machen, weil unser Zeithorizont 20, 30 Jahre in die Zukunft reicht. Machen wir den gleichen Schritt in die andere Richtung, dann landen wir in einer Zeit, in der BTX, Fax, Standardsoftware und Floppy Disks unsere Arbeitswelt prägten. Wer schickt heute noch die Rechnung per Fax? So verhält es sich mit den meisten Sachen, die wir heute verwenden. Die aktuell unentbehrlichen Technologien sind in unserer Optik Zeiterscheinungen; zwar Multimilliarden-Geschäfte (heute), aber immer kürzeren Lebenszyklen unterworfen. In den 40er-Jahren werden Technologien genutzt, die man sich heute gar nicht vorstellen kann. Deshalb blicken wir für unsere Szenarioplanung nicht auf die heutigen Technologieentwicklungen.

Wie zeichnen Sie dann Zukunftsvisionen?

MI: Wir untersuchen Trends in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, folgen erkennbaren Mustern sowie sichtbaren Veränderungen und projizieren diese in verschiedene zukünftige Szenarien. Nehmen Sie das Bevölkerungswachstum, den Klimawandel oder die technologische und medizinische Entwicklung. Die Veränderungen auf Jahresbasis sind vernachlässigbar. Sie fallen uns aber auf, wenn man grössere Zeitsprünge ins Auge fasst. Genau das machen wir, indem wir längere Zeitspannen ausblenden. In unseren Zukunftsszenarien stehen beispielsweise grössere Landmassen wegen des Klimawandels bereits unter dem gestiegenen Meeresspiegel, westliche Gesellschaften kennen dann wegen der Überalterung neue Beschäftigungs- und Altersvorsorge-Formen. Diese Gesellschaften werden nicht davon geprägt sein, dass sie das iPhone 18 besitzen werden.

Sondern, dass sie stark veränderte Bedürfnisse haben.

MI: Absolut. Die Antizipation neuer Bedürfnisse ist Kern unserer Aufgabe. Wir wollen damit feststellen, wie wir unter den völlig neuen Rahmenbedingungen und Lebensumständen für die Menschen in Zukunft relevant sein können. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, wie der Mensch selbst Teil vom Netz wird. Wir fragen uns aber nicht, wie dies geschehen könnte, sondern: Was wäre, wenn wir direkt mit allen Objekten in der Welt kommunizieren könnten und alle Objekte mit uns und untereinander? Bei UBS Y stehen also nicht die konkreten technologischen Entwicklungen im Vordergrund, sondern die Wirkungen, welche sie auf die Gesellschaften haben werden. In anderen Worten, die Unterstützung der Dematerialisierung der physischen Welt. Wir fragen uns daher: Was müssen wir aufgrund solcher Transformation als Firma machen, um relevant im Leben einer Person zu sein?

Welches werden die entscheidenden Parameter in 20, 30 Jahren sein?

MI: Vor allem der Klimawandel, die Bevölkerungsentwicklung und der technologische Fortschritt werden die Parameter massgebend definieren. Im Bereich der Klimaentwicklung bleibt der CO2-Ausstoss der zentrale Treiber, der sehr viele Lebensbereiche beeinflussen wird. Andererseits werden wir – wie oben beschrieben – permanent mit dem Netz verbunden sein und von intelligenten und pro-aktiven Begleitern unterstützt werden. Damit meine ich nicht eine passive Unterstützung wie im Falle von heutigen Assistenten wie Cortana, Alexa oder Google Home. Diese werden uns bei allen nur erdenklichen Entscheidungen unterstützen und anleiten. Bis hin zum Banking der Zukunft. Und was, wenn Zugang zu Dingen wichtiger wird als deren Besitz?

Spielen wir das durch: Was wäre, wenn wir uns in eine Welt entwickeln, in der dieses Prinzip gilt?

MI: Das kennen wir heute schon im Bereich der Musik. Immer mehr Menschen bezahlen lieber für den Zugang zu über 20 Millionen Songs als den gleichen Betrag für den Besitz von rund einem Dutzend Songs auf einem Album. Das gleiche gilt für Filme (Netflix) im Unterhaltungsbereich oder Airbnb im Bereich Wohnen. Was bedeutet das für die Bank als Verwalterin von Vermögen und Besitztümern, wenn Besitz immer weniger oder nicht mehr wichtig ist? Mein Team und ich stochern nur dort, wo unsere ins Extreme gesteigerten Szenarien eine Abbruchkante in den gesellschaftlichen Konventionen und Werten freilegen, wo starke emotionale Betroffenheit spürbar ist.

Was würde sich in unserem Alltag verändern, wenn der Zugang zu einem Gut wichtiger wäre als dessen Besitz?

MI: Schauen Sie zum Beispiel bidirektionales Rating an wie im Falle Airbnb oder Uber, wo sich Konsument und Anbieter gegenseitig bewerten. Diese Bewertungen beeinflussen unser Konsumverhalten schon heute. Wenn sich diese Tendenz weiterentwickelt und wir überall Sterne verteilen und selbst welche erhalten, dann werden wir als Konsumenten aufgrund unseres Online-Ratings einer bestimmten Kategorie zugeteilt, die Zugang zu bestimmten Dienstleistungen haben oder eben nicht. Wenn Sie auf solchen Plattformen nicht die geforderte Mindestanzahl an Sternen haben, dann nützt Ihnen auch alles Geld der Welt nichts. Hypothetisch kann es also eine grosse Machtverschiebung geben.

Und was könnte ein solches Reputationssystem für uns bedeuten?

MI: Dass wir in dieser Online-Welt Sozialkapital aufbauen müssen, also unsere digitale Reputation, um unkompliziert und schnell an Dienstleistungen und Produkte heranzukommen. Jemand, der keinen digitalen Fussabdruck hat, der lebt dann in einer «parallelen Welt» und wird an ganz vielen Teilen des gesellschaftlichen Lebens nicht teilnehmen können.

Ist der Konsument bereit, für mehr Mitgestaltungsmöglichkeit im Markt mit seinen Daten zu bezahlen?

MI: Das ist eine zentrale Frage. Vielleicht sind wir auf dem Weg zur transparenten Gesellschaft. Im Extremfall sind nicht nur Anbieter und Konsumenten Teilnehmer in einem solchen Reputationssystem, sondern auch vernetzte Gegenstände: der Kühlschrank, unsere Elektrozahnbürste, ja sogar unsere Wohnung selbst.

In diesem Weltbild der «Access over Ownership» legen mir also Algorithmen ein ideales Verhalten nahe?

MI: Sie müssen sich als eigenen Brand verstehen, den Sie anhand Ihrer Likes, Ihrer Reputation und Ihres digitalen Profils managen. Denn diese digitale Visitenkarte ermöglicht Ihnen den Zugang zu praktisch allem. In einer Untersuchung, die wir gerade machen, versuchen wir zu verstehen, was dieses durch Algorithmen geprägte Umfeld für den freien Willen bedeutet. Die Herausforderung für die kommenden Generationen wird dann diese sein, den eigenen Brand zu verwalten, um meinen von mir gewünschten Freiheitsgrad zu ermöglichen.

Markus Iofcea schloss sein Studium der Informations- und Kommunikationswissenschaft an der Universität in Stuttgart ab. Bevor er 2007 in die UBS AG eintrat, war er Teil des Silicon Valley Lab von IBM in Kalifornien. Während seiner Zeit bei UBS hatte Markus Iofcea bereits mehrere Rollen in verschiedenen Organisationen inne. Im Chief Technology Office war er unter anderem für den Aufbau des UBS IT Research Lab am UBS Hauptsitz in Zürich verantwortlich. In dieser Zeit (2009 bis 2012) beschäftigte er sich mit Big Data und Cloud Computing. Im Anschluss bekam er die IT Leitung bei der Einführung eines der ersten Big Data Systeme der UBS übertragen.

2014 gründete er den UBS Y Think Tank. Dieser ist eine Initiative von Group IT und entwirft Zukunftsvisionen für die UBS. Es ist der erste dedizierte Think Tank der UBS.

Weitere Tätigkeiten und Interessenbindungen
- Mitglied des UBS Sustainability Council
- 6 Jahre SwissTour Direktor, Schweizer Disc Golf Verband

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