«Know-how auf neutraler Basis»: KMU-Experte Alain Conte. (Bild: Marc Wetli)

Welches war die letzte Firmennachfolge, die Sie selber aus der Nähe begleitet haben?

Die letzte Nachfolgeregelung, bei der ich persönlich hinzugezogen wurde, hat im familiären Rahmen stattgefunden. Aufgrund des unerwarteten Hinschieds eines Unternehmers musste eine schnelle Lösung für die Firmennachfolge gefunden werden. Die Zielsetzung bestand darin, das Unternehmen an mehrere Familienmitglieder mit sehr unterschiedlichen Neigungen zu übertragen. Ein Teil der Erben war bereits in das Unternehmen integriert und/oder emotional stark daran gebunden; andere wiederum hatten abweichende Lebensziele verfolgt und waren vor allem an einer gerechten finanziellen Aufteilung des Erbes interessiert.
 

Wie können Sie helfen?

Meine Aufgabe als unabhängiger Berater und Vertrauensperson war, zwischen den Erben zu vermitteln und nach Lösungen zu suchen, die die Interessen aller Involvierten bestmöglich berücksichtigen. Die Dringlichkeit und die durch den plötzlichen Todesfall entstandene Gemütsverfassung der Beteiligten haben die Verhandlungen natürlich nicht einfach gemacht. Eine weitere Herausforderung war auch, das Familienunternehmen marktkonform und fair zu bewerten. Daher sind neben analytischen Fähigkeiten und Kreativität auch Kommunikationsgeschick sowie Einfühlungsvermögen und Vertrauenswürdigkeit wichtige Auswahlkriterien für Berater.

Welche Probleme stellen sich typischerweise beim Vererben – beziehungsweise beim Verschenken zu Lebzeiten – von Firmenanteilen?

Das eben genannte Beispiel zeigt exemplarisch, was wir als Berater nicht oft genug wiederholen können: Auch mitten in der Blüte des Lebens ist es nicht zu früh, seine Nachfolge zu organisieren. Eine Unternehmensübergabe ist und bleibt immer eine sensible Angelegenheit. Sie offen und transparent in enger Zusammenarbeit mit allen Beteiligten rechtzeitig zu planen, kann diese schwierige Aufgabe nur vereinfachen. Mithin sind die grössten Herausforderungen emotionaler und psychologischer Natur. Meist besteht der Grundwunsch des Unternehmers, die Firma – oft sein Lebenswerk – innerhalb der Familie weiterzugeben. Dabei beobachten wir häufig, dass nicht alle potenziellen Nachfolger willig oder aber befähigt sind, die Nachfolge anzutreten.

Aus welchen Gründen?

Manchmal bestehen unterschiedliche Interessen, manchmal mangelt es schlicht an der entsprechenden Ausbildung oder dem Fachwissen. Dies einzugestehen und darüber zu reden, ist für alle Beteiligten meist schwierig. Wer nicht übernehmen kann, fühlt sich zum Teil ungerecht behandelt, benachteiligt und übergangen. Derjenige, der die Nachfolge antreten kann, steht dafür unter dem Druck, die Firma einerseits erfolgreich und andererseits im Sinne der Familientradition weiterzuführen. Und natürlich steht auch immer der Vergleich mit dem erfolgreichen Vorgänger im Raum.

«Ehe- und erbrechtliche Regelungen lösen sehr viele Emotionen aus.»

Was kann eine Weitergabe gelingen?

Dazu braucht es das Commitment der ganzen Familie, das der Nachfolger, aber auch das von Nachkommen, welche die Firma nicht übernehmen. Das Ziel des Eigentümers ist in der Regel, alle Erben gleich und fair zu behandeln. Dies ist insbesondere dann nicht so einfach, wenn die Unternehmung das Hauptvermögen der Familie darstellt. Dazu kommt oft die starke Abhängigkeit der Firma von der Person des Eigentümers und Unternehmers. Gerade bei kleineren Firmen ist der Erfolg des Unternehmens meist eng an die Person des Inhabers geknüpft, durch Kunden- und Lieferantenbeziehungen, Finanzpartner, Netzwerk, Erfahrung und Know-how.

Welche Aspekte sind konkret zu regeln?

Ehe- und erbrechtliche Regelungen lösen bei der Aufsetzung der Nachfolgeregelung sehr viele Emotionen aus. Sie sind aber unabdingbar für eine erfolgreiche Weitergabe innerhalb der Familie. Bleiben diese ungeklärt, sind Konflikte nahezu programmiert. Und diese betreffen sowohl die Familie wie auch das Unternehmen. Die Diskussionen drehen sich häufig um den fairen aktuellen oder künftigen Unternehmenswert, der nicht zuletzt einen grossen Einfluss auf zivilrechtliche Ausgleichspflichten haben kann. Eine unabhängige Unternehmensbewertung und eine gemeinsame Definition in einem Erbvertrag können diesen Konflikt lösen.

Wo liegen die wichtigsten steuerrechtlichen Stolpersteine?

Eine unentgeltliche Weitergabe an direkte Nachkommen löst in den meisten Kantonen keine Erbschafts- oder Schenkungssteuern aus und ist insofern grundsätzlich unproblematisch. Wird die Firma an einen weiter entfernten Verwandten oder an einen Aussenstehenden vererbt oder verschenkt, sehen viele Kantone im Interesse der Unternehmensfortführung zusätzliche – an Auflagen gebundene – Entlastungen auf der Erbschafts- und Schenkungssteuerseite vor. Falls Gewinne über mehrere Jahre im Unternehmen verbleiben, also nicht ausgeschüttet worden sind, sollte die steuerliche Behandlung im Kontext der Weitergabe genauer angeschaut werden. Kritischer gestalten sich dagegen Themen rund um die private Finanz- und Vorsorgeplanung des Firmeninhabers. Ein privater Kapitalaufbau geniesst bei Unternehmern oftmals nicht erste Priorität, vielmehr steckt ihr ganzes Vermögen in der Firma. Das macht eine Lösung für die hinterbliebenen Familienangehörigen nicht einfach. Deshalb sollten die vorhandenen Möglichkeiten zur Trennung von Firmen- und Privatvermögen über Pensionskasse, dritte Säule, private Anlagen und Immobilien frühzeitig adressiert, längerfristig aufgebaut und genützt werden.

Wie lassen sich Probleme entschärfen?

Sehr wichtig ist, wie gesagt, die frühzeitige Auseinandersetzung mit der Nachfolge der Firma, der Einbezug aller Familienangehörigen und natürlich der potenziellen Nachfolger. Eine offene Kommunikation fällt nicht immer leicht, kann aber sehr helfen. Auf der technischen Seite ist es wichtig, dass ehe- und erbrechtliche Regelungen getroffen werden, eine private Vorsorgeplanung vorgenommen wird, also Geschäfts- und Privatvermögen getrennt werden. Es gilt auch, operative Abhängigkeiten zu minimieren oder zu lösen. Es kann sehr hilfreich sein, unabhängige Experten beizuziehen, die emotional nicht involviert sind und ihr Know-how auf neutraler Basis einbringen können.

Welche Beratungs-Dienstleistungen bietet die UBS in dem Zusammenhang an?

Wir können den ganzen Nachfolgeprozess begleiten, von der Planung und Vorbereitung über die Weitergabe bis hin zur Vorsorge-, Ruhestands- oder Anlageplanung nach der Weitergabe. Unsere Dienstleistungen umfassen konkret Beratungen zu Erb-, Steuerrecht und Finanzplanung. Dazu kommen Unternehmensbewertungen, punktuelle Beratung zu Firmenvermittlungen und Transaktionen wie auch umfassende Beratungen im Bereich Unternehmensfusionen und -verkäufe (Mergers & Acquisitions, M&A), sofern ein Verkauf an Dritte angestrebt wird. Wir bieten aber auch Käuferfinanzierungen an. Zudem das klassische Firmenkundengeschäft und Vermögensmanagement.

Am Puls der Firmenkunden: Alain Conte. (Bild: Marc Wetli)

Man liest immer wieder, viele Schweizer Firmen hätten ein personelles Nachfolgeproblem. Was sind die Gründe?

Häufigster Punkt ist, wie erwähnt, das zu späte Anpacken oder das Aufschieben der Nachfolgethematik. Oftmals unterscheiden sich zudem das Fremd- und das Eigenbild des Eigentümers in Bezug auf Unternehmenswert und -potenzial sehr stark. Es wird im Weiteren oft sehr emotional, wir erleben immer wieder Phänomene wie das Nicht-loslassen-Können des Eigentümers sowie die fehlende Fähigkeit oder das mangelnde Interesse des Wunschnachfolgers. Es gibt Fälle, in denen eine Firma schlicht nicht transferierbar ist, aufgrund der hohen Abhängigkeit vom langjährigen Eigentümer, aufgrund fehlender Geschäftsperspektiven oder ungenügender Ertragskraft. Eine grosse Hürde stellt auch die Finanzierbarkeit der Übernahme dar oder aber die Sicherung des privaten Lebensstandards nach der Übergabe.

Welche Herausforderungen stellen sich bei der Finanzierung der Käufer?

Handelt es sich beim Käufer etwa um ein anderes Unternehmen, stellen wir unsere Finanzierungsüberlegungen auf die kombinierte Ertragskraft beider Unternehmen ab. Dabei geht es um klassische Unternehmens- beziehungsweise Übernahmefinanzierungen. Bei einem familieninternen Verkauf – der Vater übergibt zum Beispiel an den Sohn oder die Tochter – sollten sehr früh geeignete Transaktionsstrukturen geprüft werden. Dasselbe gilt auch bei einem Management-Buy-out, wenn das Management die Firma übernimmt. Da der Übernahmepreis nicht zu 100 Prozent durch Kredite finanziert werden kann, ist bei diesen Varianten vielfach die zentrale Frage, wie der Nachkomme oder das Management das für die Übernahme notwendige Eigenkapital bereitstellen kann.

«Häufigster Punkt ist das zu späte Anpacken oder das Aufschieben der Nachfolgethematik.»

Welche Lösungsansätze gibt es?

Da gibt es etwa den von uns als Bank bereitgestellten Übernahmekredit. Er stellt letztlich auf die Ertragskraft des Unternehmens ab. Erneut gilt: Je früher man diese Themen mit der notwendigen Expertise diskutiert und aufgleist, desto besser lässt sich die Gesamtlösung für den Vererbenden und die Erben optimieren.

In den letzten Jahren sind immer mehr Personen immer rascher zu Vermögen gekommen. Welche Einstellung haben solche Selfmademen und -frauen zum Thema Vererben?

Diese Frage lässt sich nicht generell beantworten. Unbestritten ist: Ein Unternehmen, das über Jahre hinweg aufgebaut, durch gute und schlechte Jahre navigiert wurde, besitzt einen ungemein hohen emotionalen Stellenwert im Leben der Gründer. Ohne diese Identifikation, die Leidenschaft und den permanenten inneren Antrieb wäre das Unternehmen ja vielfach gar nicht dort, wo es zum Zeitpunkt der Nachfolgeregelung steht. Loszulassen, die Verantwortung wirklich abzugeben, nicht mehr mitzuentscheiden, ist ein lebensverändernder Schritt. Aber es gibt ganz viele Beispiele, wo dies ausgezeichnet geklappt hat.

Alain Conte

Alain Conte leitet seit 2013 das Firmenkundengeschäft von UBS Switzerland AG. Er kam über eine Banklehre Anfang der 80er-Jahre zum damaligen Bankverein und kennt das Geschäft mit Unternehmenskunden aus zahlreichen operativen und leitenden Funktionen.