Dr. Peter Schildknecht, Christine Novakovic, Prof. Rolf Wüstenhagen. Bilder Jos Schmid.

Die angestrebte Energiewende sehen viele als Chance für die Schweizer KMU – viele aber auch als Risiko. Wo liegen die Chancen?

Rolf Wüstenhagen: Ich sehe die Energiewende als gesellschaftliches Aufbruchssignal, das den Weg für Innovation und Wandel ebnet. Meine Hoffnung ist, dass daraus weitere Beispiele von Unternehmen entstehen, die sich erfolgreich transformieren und im Bereich Cleantech positionieren wie beispielsweise Stadler Rail oder Gurit. Beides sind produzierende Unternehmen, die sich sehr stark auf neue Geschäftsfelder fokussierten und heute weltweit führend und profitabel sind.

Christine Novakovic: Wir haben jetzt die Chance, First Mover zu werden. Das erfordert eine Politik, die versteht, dass man die Unternehmen nicht alleinlassen darf und ihnen helfen muss. Es braucht ein Volk, das zum Mitmachen bereit ist und wie die Unternehmen einen effizienten Umgang mit Energie lernt. Es gibt aber kaum ein Thema, das auf ein funktionierendes Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft so sehr angewiesen ist wie die Energiewende. Und die Schweiz war immer extrem stark darin, solche Ziele im Dialog zu erreichen.

Peter Schildknecht: Was die Energieeffizienz betrifft, sind die energieintensiven Betriebe bereits First Mover. Ihr ureigenes Interesse sind niedrige Produktionskosten. Das gilt insbesondere für mein Unternehmen, zu welchem auch die Perlen Papier AG gehört. Wir brauchen dort etwa 630 Gigawattstunden Strom pro Jahr. Kostet die Kilowattstunde einen Rappen mehr, steigen die Energiekosten im Papiergeschäft demzufolge um 6,3 Millionen Franken pro Jahr. Für einen Haushalt entspricht der Rappen vielleicht 40 oder 50 Franken jährlichen Mehrkosten. Bei diesen Grössenunterschieden liegt es auf der Hand, dass wir uns geringe Energiebeschaffungspreise und eine effiziente Energienutzung zum Ziel gesetzt haben. Eine grosse Anzahl Massnahmen konnten wir bereits erfolgreich umsetzen. Dafür brauchen wir aber keinen Staat, der mit Subventionen in den Markt eingreift.

Die Energiewende kostet viel, weil mit hohen Subventionen eingegriffen wird.

Dr. Peter Schildknecht

Halten Sie Subventionen für ein probates Mittel, um die Energiewende einzuleiten?

Novakovic: Ja und nein. Einerseits sollten Subventionen nur eingesetzt werden, um Verhaltensänderungen herbeizuführen. Sie sollen die Gesellschaft in eine andere Richtung lenken und es ihr insgesamt erleichtern, andere Wege einzuschlagen. Aber es darf nicht langfristig etwas unterstützt werden, was nicht wettbewerbsfähig ist.

Wüstenhagen: Subventionen sind nicht das eleganteste, aber ein wirksames Mittel zur Anschubfinanzierung einer neuen Technologie und vor allem zur Korrektur von externen Kosten. Davon haben wir im Energiebereich immer noch zu viel, besonders bei der Kernenergie und dem CO2-Ausstoss, denn der Klimawandel wird uns langfristig hohe Kosten bescheren. Finanzielle Anreize für erneuerbare Energien sind der indirekte Weg, diese externen Kosten zu internalisieren. Insofern ist der Tag, an dem die externen Kosten des CO2-Ausstosses vollständig internalisiert sind, auch der Tag, an dem man mit der Förderung der erneuerbaren Energien aufhören kann.

Schildknecht: Nachhaltigen Wandel erreicht man nicht durch Subventionen, sondern durch Innovation und Unternehmertum. Sobald der Staat mit Subventionen in einen Markt eingreift, verzerrt er den Wettbewerb. In Deutschland haben wir gesehen, wie die starke Subventionierung der alternativen Energieformen zu massiven Überkapazitäten führte. Als Folge sind die Strompreise unter ihre Entstehungskosten gefallen. Nun diskutieren wir heute in der Schweiz, ob wir die Wasserkraft subventionieren sollen, um sie am Leben zu erhalten. Einmal gesprochen, jagt eine Subvention die nächste. Deswegen sollte sich der Staat möglichst weit heraushalten und sich darauf beschränken, einen offenen Wettbewerb mit gleich langen Spiessen sicherzustellen.

Der grösste Umbruch, der uns bevorsteht, ist die Elektromobilität.

Prof. Rolf Wüstenhagen

Die Energiewende wird höhere Energiekosten zur Folge haben. Wie können die Unternehmen diese kompensieren?

Schildknecht: Die Energiewende kostet viel, weil mit hohen Subventionen eingegriffen wird. Zudem bedingt der Ausbau der erneuerbaren Energien auch die Anpassung der Netzinfrastruktur. Das kostet ebenfalls mehrere Milliarden Franken, was die Energiekosten weiter in die Höhe treibt. Am Schluss müssen das immer die Konsumenten oder die Unternehmen berappen. Als energieintensives und als einzig verbleibendes Unternehmen in der Schweiz, welches Pressepapiere herstellt, können wir keine höheren Energiekosten tragen als unsere direkten Konkurrenten im benachbarten Ausland. Dies wäre ein weiterer Wettbewerbsnachteil im internationalen Markt.

Novakovic: Die höheren Kosten müssen mit Effizienzsteigerungen in den Produktionszyklen und -prozessen kompensiert werden. Dort besteht die Hebelwirkung – ähnlich wie bei UBS. Wir können die Energieeffizienz unserer Gebäude noch so sehr verbessern: Es ändert nichts daran, dass die Bank die meiste Energie in den Rechenzentren verbraucht. Also müssen wir für die Senkung des Energieverbrauchs dort investieren.

Wüstenhagen: Einverstanden, für die Unternehmen geht es darum, die Produktion kosten- und energieeffizient zu gestalten. Man muss sich aber auch darüber Gedanken machen, wie wir mit gewissen Risiken umgehen, die im Moment noch schlummern, aber die stärker werden. Naturkatastrophen werden aufgrund des Klimawandels tendenziell zunehmen. Diese Risiken muss man mit einrechnen. Vor allem muss man etwas dagegen unternehmen.

Welche Massnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz werden die Schweizer Wirtschaft am meisten verändern?

Wüstenhagen: Der grösste Umbruch, der uns bevorsteht, ist die Elektromobilität. Etwa ein Drittel der CO2-Emissionen entsteht im Verkehr und bezüglich des Energieverbrauchs sind wir hier praktisch komplett abhängig vom Ausland. Zudem hat ein Verbrennungsmotor einen Wirkungsgrad von 15 bis 20 Prozent. Derjenige eines Elektromotors liegt bei 80 bis 90 Prozent – ist also um das Drei- bis Vierfache effizienter. Hier liegt enormes Potenzial, besonders wenn man Elektroautos mit erneuerbaren Energien betreibt.

Novakovic: 87 Prozent der Bestandteile des ersten in Massenproduktion gefertigten amerikanischen Elektroautos stammen von der Firma LG. Wir kennen die Marke LG von Fernsehern und Monitoren, aber nicht aus der Automobilindustrie. Das heisst: Die Elektromobilität wird einen starken Einfluss auf die Auto- und Zulieferindustrie haben und grosse strukturelle Verschiebungen mit sich bringen. Das bietet ebenfalls ein enormes Potenzial.

Schildknecht: Die zunehmende Elektromobilität wird grosse Veränderungen in der ganzen Wertschöpfungskette auslösen. Allerdings bedeutet ein Ausbau der Elektromobilität auch einen steigenden Stromverbrauch. Die Energiestrategie 2050 geht aber davon aus, dass unser Stromkonsum bis 2035 um 13 Prozent sinken wird. Dennoch werden die erneuerbaren Energien den fehlenden Strom aus der Kernkraft bis dahin nicht in vollem Umfang ersetzen können. Deshalb werden wir künftig eine noch grössere Auslandsabhängigkeit haben, weil wir mehr Strom importieren müssen.

Wie unterstützt UBS ihre Kunden dabei, die Herausforderungen der Energiewende zu meistern?

Novakovic: Wenn Kunden ihre Energieeffizienz verbessern wollen, unterstützen wir entsprechende Investitionen mit vergünstigten Finanzierunglösungen. Im Jahr 2018 möchte ich unsere Kunden vom papierlosen Büro überzeugen und ihnen alle Dokumente nur noch digital zusenden. Für jeweils 50 Kunden, die wir konvertieren, werde ich einen Baum pflanzen. Es geht vor allem darum, dass man darüber spricht und sich Gedanken macht – nicht nur um das eigene Unternehmen, sondern um etwas, was darüber hinausgeht.

Dr. Peter Schildknecht leitet seit 2009 die Geschäfte der international tätigen CPH Chemie + Papier Holding AG. Das Unternehmen hat mehrere Geschäftsbereiche und produziert unter anderem auch Zeitungs- und Magazinpapier.

Prof. Rolf Wüstenhagen ist führender Experte der Schweiz für alle Fragen zur Energiewende. Der Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St. Gallen (IWÖ-HSG) vertrat die Schweiz von 2008 bis 2011 im Autorenteam des Weltklimarats (IPCC). Von 2011 bis 2015 war er Mitglied des Beirats zur Energiestrategie 2050.

Christine Novakovic unterstützt und begleitet ihre Kunden als Leiterin des Firmenkundengeschäfts von UBS Schweiz auf ihrem Weg durch die Energiewende. 2018 hat sie sich zum Ziel gesetzt, ihre Kunden vom papierlosen Büro zu überzeugen.