Herr Müller, Anfang Jahr führten wir ein Interview über das PK-Jahr 2020, damals noch unter ganz anderen Vorzeichen. Wie hat sich die Situation für Ihre Kunden durch die Corona-Krise verändert?

Patrick O. Müller: Der Börsencrash hat seine Spuren hinterlassen. Die negative Anlageperformance – im Schnitt minus 8 Prozent von Januar bis März – liess die Deckungsgrade schrumpfen. Im Grunde genommen beschäftigen unsere Kunden aber nach wie vor die altbekannten Herausforderungen: die Negativzinsen und der Anlagenotstand.

Wie gut waren die Pensionskassen auf diese Krise vorbereitet?

Patrick O. Müller: Durch den Fokus auf eine gute Diversifikation sind Pensionskassen stets auf Krisen vorbereitet, zumindest die grösseren. Die Tragweite der Corona-Krise hat auf der operativen Ebene aber sicher alle überrascht, auch uns.

Frau Bauer, haben die Wertverluste die hohen Renditen des letzten Jahres zunichte gemacht?

Jackie Bauer: Leider ja. Im März ist der Wert der Portfolios unserer Kunden im Schnitt fast so stark eingebrochen wie er 2019 zugenommen hat. Das zeigt, wie wichtig eine langfristige Strategie ist, um kurzfristige Schwankungen abzufedern. Das Jahr ist noch jung aber die weitere Entwicklung sehr ungewiss.

Haben die Finanzmärkte den Schock mittlerweile verdaut, Herr Kalt?

Daniel Kalt: Die Aktienmärkte haben erstaunlicherweise bereits mehr als die Hälfte der Rückschläge wieder wettgemacht. Dennoch ist die Unsicherheit nach wie vor sehr gross. Wir stehen am Anfang der stärksten Rezession seit der Grossen Depression in den 1930er-Jahren. Wie schnell sich die Wirtschaft öffnen und eine Erholung stattfinden kann, hängt von verschiedensten Faktoren ab – vor allem auch davon, wie rasch ein Impfstoff verfügbar ist.

Die Bondmärkte standen dermassen unter Stress, dass die klassischen Korrelationen zusammengebrochen sind.

Daniel Kalt

Welche Anlagen haben am stärksten gelitten?

Daniel Kalt: An den Aktienmärkten waren Rohstoffe, Banken und Tourismus am stärksten betroffen. Auch an den Kreditmärkten kam es zu starken Verwerfungen, getrieben durch den gravierenden Einbruch der Ölpreise. Die Bondmärkte standen wegen der fehlenden Liquidität dermassen unter Stress, dass die klassischen Korrelationen zusammengebrochen sind. Anleihen haben phasenweise ähnlich stark an Wert verloren wie Aktien. Das passiert nur selten.

Gab es auch bei Pensionskassen panikartige Verkäufe, wie man sie bei Privatanlegern beobachten konnte?

Jackie Bauer: Nein. Die aktuellen Daten unterstreichen, dass institutionelle Anleger weit weniger emotional getrieben agieren als private Akteure. Vorsorgeeinrichtungen sind langfristige Investoren. Sie sollten sich von Kursstürzen nicht zu Affekthandlungen bewegen lassen.

Patrick O. Müller: Pensionskassen sind krisenerprobt und wissen: In einer solchen Situation gilt es unbedingt an der strategischen Asset-Allokation festzuhalten. Die Kassen prüfen die taktischen Bandbreiten jedoch laufend. Teilweise wurden Rebalancings durchgeführt, um die Verteilung auf die verschiedenen Anlageklassen wieder ins angestrebte Verhältnis zu bringen. Kurzfristige Massnahmen blieben aber die Ausnahme.

Brachte die Achterbahnfahrt der Märkte denn auch kurzfristige Opportunitäten?

Jackie Bauer: Ende März sind die Zinsen an den Bondmärkten aufgrund von Liquiditätsengpässen teilweise leicht gestiegen. Dadurch eröffneten sich interessante Möglichkeiten. Einige Pensionskassen, die ihre liquiden Mittel aufgrund der zunehmenden Unsicherheit kürzlich erhöht hatten, haben diese Chancen genutzt. Sie setzten überschüssiges Cash ein, um Anleihen mit leicht positiven Renditen zu kaufen.

Die Deckungsgrade liegen im Schnitt wieder auf dem Niveau von Ende 2018.

Patrick O. Müller

Was belastet die Pensionskassen momentan am meisten?

Patrick O. Müller: Eindeutig die sinkenden Deckungsgrade. Im Schnitt liegen diese nun wieder auf dem Niveau von Ende 2018. Die negative Performance könnte dazu führen, dass manche Kassen in Unterdeckung geraten. Sammelstiftungen müssen sich überlegen, wie sie damit umgehen, wenn kleinere Anschlüsse in Liquiditätsprobleme geraten.

Jackie Bauer: Hinzu kommt, dass die viele Pensionskassen für das letzte Jahr relativ hohe Zinsen gewährt haben. Das ist neben den Renditeeinbussen eine zusätzliche Belastung für die Deckungsgrade.

Rechnen Sie in diesem Jahr also mit tieferen Zinsen?

Jackie Bauer: Ja. Die Pensionskassen werden alles daransetzen, um die Deckungsgrade soweit wie möglich zu stabilisieren, ohne ausserordentliche Massnahmen ergreifen zu müssen. Deshalb sollten wir für dieses Jahr nur mit der Mindestverzinsung rechnen.

Welche Pensionskassen trifft die Krise besonders hart?

Jackie Bauer: Vor allem bei den öffentlich-rechtlichen Kassen werden wir vermehrt Unterdeckungsfälle sehen, da die Deckungsgrade hier bereits relativ tief waren. Bei den privatrechtlichen Kassen hingegen lagen sie vor der Krise im Schnitt bei über 110 Prozent. Die meisten von ihnen dürften sich über 100 Prozent halten können, wenn auch nur knapp.

Die wohl grösste Herausforderung ist der Spagat zwischen kurzfristig verlangten Massnahmen und langfristig orientierten Investitionen.

Jackie Bauer

Welche Risiken stufen Sie für die Branche derzeit am höchsten ein?

Jackie Bauer: Die wohl grösste Herausforderung ist der Spagat zwischen kurzfristig verlangten Massnahmen und langfristig orientierten Investitionen. Pensionskassen sind durch die regulatorischen Vorschriften gezwungen, auf die Performance-Einbussen unmittelbar zu reagieren. Gleichzeitig müssen sie den Versicherten aber auf Jahrzehnte hinaus Leistungen versprechen. Die sinkenden Deckungsgrade verschärfen diese Problematik zusätzlich. Sammelstiftungen und kleinere Kassen sind davon stärker betroffen.

Patrick O. Müller: Deshalb gehe ich davon aus, dass die Konsolidierung anhalten wird. Die Professionalisierung auf der Anlageseite ist im aktuellen Umfeld wichtiger denn je. Kleinere Kassen werden sich wahrscheinlich vermehrt Sammelstiftungen anschliessen.

Regierungen und Zentralbanken stützen die Wirtschaft mit allen Mitteln. Welche Folgen hat das für festverzinsliche Anlagen?

Daniel Kalt: Die starke Rezession wird in den nächsten ein bis zwei Jahren deflationär wirken. Die Inflation wird tief bleiben und damit auch die Zinsen. Das hängt auch mit den Anleihekaufprogrammen der Zentralbanken zusammen, die mittlerweile nicht mehr nur qualitativ hochwertige Papiere kaufen, sondern zunehmend auch auf Segmente mit tieferen Ratings zurückgreifen. Das verzerrt Preise und Renditen von Anleihen und stellt Pensionskassen, die stark in festverzinslichen Anlagen investiert sind, vor grosse Herausforderungen.

Wie können Pensionskassen damit umgehen?

Jackie Bauer: Sie werden den technischen Zins weiter senken müssen, was den Deckungsgrad zusätzlich belastet und sie in einigen Fällen zu Sanierungsmassnahmen zwingt. Ausserdem werden die Vorsorgeeinrichtungen die gesetzlichen Freiheiten weiter ausreizen, doch der Handlungsspielraum ist sehr beschränkt. Die Corona-Krise macht noch deutlicher, dass eine Reform dringend nötig ist.

Die Corona-Krise macht noch deutlicher, dass eine Reform dringend nötig ist.

Jackie Bauer

Welche Lösungsansätze sehen Sie?

Jackie Bauer: Die gesetzlichen Umwandlungssätze sind gemessen an der Lebenserwartung und dem aktuellen Rentenalter zu hoch. Die Anpassung des Mindestumwandlungssatzes steht ohnehin seit längerem zur Diskussion, wie auch eine Erhöhung des Rentenalters. Handlungsbedarf sehe ich aber auch bei den Beitragssätzen und dem Eintrittsalter. Eine Senkung des Koordinationsabzugs würde zudem Personen besserstellen, die Teilzeit arbeiten.

Der Bundesrat hat Ende 2019 einen Vorschlag für die BVG-Reform in Vernehmlassung gegeben. Wie beurteilen Sie diesen?

Daniel Kalt: Der Vorschlag strebt viele der Punkte an, die Jackie Bauer genannt hat. Doch er stösst auch auf grossen Widerstand, weil die Renten der Übergangsgenerationen über Lohnabzüge der Erwerbstätigen aufgebessert werden sollen, was dem Finanzierungsprinzip der zweiten Säule krass widerspricht. Ein Ausgleich durch Lohnprozente würde zu einer Vermischung von zwei Vorsorgesystemen führen: dem Kapitaldeckungsverfahren der beruflichen Vorsorge und dem Umlageverfahren der 1. Säule. Es braucht aber einen Lösungsansatz der das Prinzip der 2. Säule stärkt. Nur so erreichen wir langfristig ein gesundes Drei-Säulen-Vorsorgesystem.

Welche langfristigen Konsequenzen hat die Corona-Krise für die Vorsorgesysteme?

Daniel Kalt: Die Generationenverträge werden weiter unter Druck geraten. Die wachsende Staatsverschuldung ist für die kommenden Generationen eine grosse Bürde. In der Schweiz waren wir vor der Corona-Krise mit einer Schuldenquote von knapp 40 Prozent des BIP noch in einer relativ komfortablen Situation. Auch nach der Krise dürften wir das Maastricht-Kriterium von 60 Prozent noch erfüllen. Doch in Italien liegt die Quote schon heute bei 135 Prozent und auch die USA marschieren mit grossen Schritten in diese Richtung. Solche Schuldenberge machen es noch schwieriger, die bereits bestehenden Finanzierungsprobleme in den Vorsorgesystemen zu lösen.

Die Krise war ein Warnsignal, dass die Digitalisierung auch in der PK-Landschaft voranschreiten muss.

Patrick O. Müller

Was lehrt uns die Krise?

Jackie Bauer: Wir haben mit aller Deutlichkeit gesehen, wie wichtig eine langfristige Strategie und vor allem auch eine gute Diversifizierung sind. Im März ging die Schere zwischen den grösseren und den kleineren Kassen deutlich auseinander. Alternative Anlagen wie Infrastruktur, Private Equity oder Hedge Funds wirkten in dieser turbulenten Zeit stabilisierend. Das kam vor allem den grösseren Kassen zugute, die in diesem Bereich mehr Engagement zeigen.

Patrick O. Müller: Zudem war die Krise ein deutliches Warnsignal, dass die Digitalisierung auch in unserer Branche voranschreiten muss. Pensionskassen sind nach wie vor stark von physischen Dokumenten abhängig und die Umstellung auf Homeoffice war für viele eine grosse Herausforderung. Auf diesem Weg möchten wir unsere Kunden künftig noch mehr unterstützen, nicht zuletzt deshalb, weil wir ihnen mit digitalen Lösungen zu mehr Kosteneffizienz in der Administration verhelfen können.

Patrick O. Müller leitet seit Dezember 2017 das Segment Institutional Clients und zusätzlich seit Januar 2020 den Bereich Global Asset Servicing. Er begann seine Karriere 2006 im Aktiengeschäft der UBS Investment Bank. Nach Führungspositionen innerhalb Swiss Equity Sales und Sales Trading, wurde er 2016 zum Leiter Cash Equities Switzerland ernannt und Mitglied des Global Cash Equities Management Committee. Patrick O. Müller hält einen Bachelorabschluss von der ZHAW sowie einen MBA der Strathclyde Business School, zudem ist er ein Alumnus des Harvard Business School GSM Executive Program.

Jackie Bauer ist Ökonomin und Vorsorgeexpertin und leitet im UBS Chief Investment Office den Bereich Retirement & Public Policy Research. Sie begann ihre Karriere 2013 bei UBS und arbeitete vor ihrer aktuellen Tätigkeit in der Strategieentwicklung für das Wealth Management sowie im Portfoliomanagement. Jackie Bauer verbrachte ihr Bachelorstudium in Australien, USA und UK, bevor sie den Master an der Universität Zürich absolvierte. Sie verfügt ausserdem über einen Titel als Chartered Financial Analyst (CFA).

Daniel Kalt ist seit 2011 Chefökonom Schweiz und seit 2012 zudem Regional Chief Investment Officer Schweiz. Er stiess 1997 als Ökonom für die Schweizer Wirtschaft zu UBS. Von 2000 bis 2003 leitete er die Abteilung Strategieentwicklung des Credit Portfolio Managements. 2003 wurde er zum Leiter des Swiss Economic Research ernannt. 2006 folgte die Ernennung zum Leiter des Global Economic Research von Wealth Management. Daniel Kalt hat an der Universität Zürich Wirtschaft studiert und danach ein Doktorat an der Universität Bern absolviert.

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