Bilder: Christian Rintelen

«Kann man die Herausforderungen der Gesellschaft in attraktive Anlagechancen umwandeln? Und lassen sich damit attraktive Renditen erwirtschaften?», fragte UBS auf der Einladung. Das Fazit in aller Kürze: Ja, man kann.

Und wohl die meisten der rund 100 Anwesenden waren nach dem Anlass überzeugt: Ja, man sollte.

Etwas ausführlicher lässt sich der Event vom 11. September 2019 im Zürcher «Kraftwerk» so zusammenfassen:

Warum plötzlich so nachhaltig?

In seiner Keynote nannte Karsten Güttler vom UBS Asset Management vier Gründe für das Wachstum nachhaltiger Anlagen:

  1. Vermeiden von Reputationsschäden durch Anlagen in kontroverse Unternehmen.
  2. Sensibilisierung der Stakeholder und zunehmender gesellschaftlicher Druck.
  3. Wachsender regulatorischer Druck (Beispiel: Schweizer CO2-Gesetz).
  4. Transparenz – Investoren akzeptieren Intransparenz (zum Beispiel von Hedgefonds) je länger, desto weniger.

Der Entscheid für Nachhaltigkeit eröffnet zwei grundsätzliche Stossrichtungen, nämlich a) bewusst nichts Negatives oder b) bewusst Gutes zu tun.

Hauptsache Strategie

Diese beiden Stossrichtungen werden mit 4+1-Ansätzen in nachhaltigen Anlagen umgesetzt – einzeln oder kombiniert:

  1. Spezifische Ausschlüsse – meist produkt- oder normenbasiert wie: keine Waffen und keine Nutzung von Kinderarbeit.
  2. Integration von ESG-Kriterien zur bewussten Bewertung des langfristigen (ESG-)Risikos.
  3. Fokussierung auf bestimmte ESG-Kriterien als positiver Filter (zum Beispiel thematisch auf Wasser oder Klima).
  4. Impact Investing – bewusst messbaren gesellschaftlichen Mehrwert erzielen und gleichzeitig in finanziell attraktive Anlagen investieren.

+1   Stewardship als Ergänzung. Die Aktionärsrechte auszuüben, ist für viele nachhaltig denkende Anleger ein Dilemma: Soll man Aktien von Unternehmen mit nicht nachhaltigen Geschäftspraktiken verkaufen – und damit auf die Möglichkeit verzichten, mittels der Stimmrechte etwas zu verändern? Güttler rät, das «Engagement zu nutzen, um Änderungen einzufordern – und den möglichen Verkauf indirekt als Druckmittel zu verwenden, um die eigenen Forderungen durchzusetzen».

Für welche Strategien man sich entscheide, so Güttler, sei sekundär. Hauptsache, man habe eine – begründete! – Strategie und halte sich auch daran.

Wir investieren philanthropisches Kapital in Modellprojekte, um sie auch für Mainstream-Kapital investierbar zu machen.

Martina Gaus, UBS Optimus Foundation

Finanzielle oder soziale Rendite?

Martina Gaus von der UBS Optimus Foundation präsentierte die Philanthropie als fünften Ansatz. Die Optimus Foundation investiert nach der Devise «Impact first» und stellt die soziale Rendite ins Zentrum. Wie aber misst man in Entwicklungs- und Schwellenländern den Impact in Bereichen wie Kinderschutz, Bildung oder Gesundheit? Mit Modell- und Pilotprojekten will die Stiftung eine unmittelbare positive Wirkung erzielen – zugleich aber auch Daten und Messmethoden generieren, um solche Projekte in einem grösseren Umfang investierbar zu machen. So lasse sich auch mit philanthropischen Investitionen eine moderate finanzielle Rendite erzielen, welche die Stiftung wiederum in andere philanthropische Projekte investiert. Gaus kann sich vorstellen, Impact Investing mit speziellen Blended-Finance-Lösungen auch für weniger risikofreudige Anleger attraktiv zu machen.

Mit Mikrofinanzierung lassen sich stabile, nicht korrelierte Renditen erzielen.

Daniel Perroud, BlueOrchard

Zwei Impact-Investment-Häuser, ein Tenor

Daniel Perroud von BlueOrchard und Rochus Mommartz von responsAbility zeigten, wie sich sozialer oder ökologischer Impact mit finanzieller Rendite kombinieren lässt. Ihre Ansätze und Vorgehen unterscheiden sich in vielen Punkten – stimmen aber in den zentralen Aspekten überein. Stark vereinfacht:

  • Die sozialen und ökologischen Herausforderungen in Entwicklungs- und Schwellenländern eröffnen Anlagemöglichkeiten für Impact-orientierte Investoren. Es entsteht eine stabile Nachfrage, weil die Herausforderungen elementare Bedürfnisse betreffen.
  • Reduktion des Länderrisikos durch breite Diversifikation und aufwendige Selektion. Zudem sind die Anlagen nicht korreliert.
  • Geringes Ausfallrisiko – BlueOrchard verzeichnete über 18 Jahre eine durchschnittliche Ausfallrate von jährlich etwa 1 %; sie reduziert sich auf 0,5 % dank einer Wiedergewinnungsrate von 60 %.
  • Erstaunlich hohe Performance. Beide Unternehmen offerieren Anlagemöglichkeiten mit unterschiedlichen Risikoprofilen.
  • Lokale Präsenz und lokales Know-how sind sehr essenziell. Mitarbeitende vor Ort identifizieren und analysieren lokale Partner und stellen sicher, dass diese sich an die Vereinbarungen halten.
  • Impact-Messung ist eine Herausforderung, aber möglich. ResponsAbility fordert Mindestzielgrössen für Anlagen im Bereich Energieeffizienz; lokale Partnerbanken dürfen nur Projekte finanzieren, die auf dieser Grundlage den CO2-Ausstoss um mindestens 20 Prozent reduzieren – was klar messbar ist.

Wer ESG heute nicht auf dem Radar hat, macht etwas falsch.

Vital G. Stutz, GEMINI Sammelstiftung

Die Experten widersprechen sich nicht

Ulla Enne (Nest Sammelstiftung), Elke Schaper (Carbon Delta), Rochus Mommartz (responsAbility), Alexander Stiehler (UBS CIO) und Vital G. Stutz (GEMINI Sammelstiftung) waren sich beim Podiumsgespräch in grundlegenden Fragen weitgehend einig.

Nest verfolgt seit 35 Jahren einen ganzheitlichen, nachhaltigen Ansatz, der seit der Gründung Bestandteil der Anlagerichtlinien ist. Deshalb nickte Ulla Enne zustimmend, als Vital G. Stutz anmerkte, heute würden viele Vorsorgewerke auf Druck ihrer Destinatäre zu nachhaltigen Anlegern – noch vor fünf Jahren sei Nachhaltigkeit nur im Zusammenhang mit der finanziellen Rendite ein Thema gewesen. Die ESG-Kriterien, so Stutz, seien mittlerweile ein Qualitätsmerkmal, zumal die Rendite mit ESG-Anlagen längerfristig höher sei als bei herkömmlichen Anlagen.

Als einen Grund für diesen Wandel nennt Elke Schaper, den Investoren hätten vor fünf Jahren noch fast keine klimabezogenen Risikodaten zur Verfügung gestanden. Heute sei das anders und führe zur häufig gestellten Frage: «Angenommen, unser Portfolio ist eine gute Abbildung der Welt. Gehen wir mit diesem Portfolio dann auf eine 2-Grad-Welt zu – oder auf eine 3,8-Grad-Welt?» Heute lasse sich diese Frage beantworten; auch deshalb habe sich der Klimawandel zu einem wichtigen Investitionsfaktor entwickelt.

ESG ist für uns ein notwendiges, aber kein hinreichendes Kriterium.

Rochus Mommartz, responsAbility

Die dritte Rendite

Wie schnell das Pendel in Richtung nachhaltiger Anlagen umschlug, illustrierten die Ausführungen von Alexander Stiehler: Seit 2014 die «Green Bond Principles» verabschiedet wurden, erreiche die Nachfrage fast jedes Quartal ein neues Allzeithoch; allein zwischen Januar und August 2019 sei der Markt um mehr als 150 Milliarden USD gewachsen. Stiehler erweiterte die Renditepalette um eine dritte Dimension – bei nachhaltigen Anlagen komme zur finanziellen und sozialen noch eine persönliche Rendite: die Möglichkeit, nach eigenen Wertvorstellungen investieren zu können.

Allerdings, so Mommartz, könnten die bestehenden Impact-Ansätze nicht beliebig skaliert werden: «Ein Wachstum im zweistelligen Bereich ist sehr wohl möglich, doch können über Private-Debt- und Private-Equity-Ansätze nicht plötzlich mehrere Milliarden zusätzlich absorbiert werden … no way!»

Stutz sieht die regulatorischen Vorgaben für BVV2-Anlagen als eigentlichen Hemmschuh. «Plain Vanilla»-Anlagen seien bequem und würden nicht hinterfragt. Investiere eine Vorsorgeeinrichtung aber etwa in nachhaltige Infrastrukturprojekte, müsse sie sich gemäss BVV2 rechtfertigen – für ihn muss daher gerade Infrastruktur eine eigenständige BVV2-Anlageklasse werden. Zudem müsse der gleiche Regulator die Planbarkeit gewährleisten: Heute riskiere man, dass der Regulator die rechtlichen Grundlagen ändert – zum Beispiel für Fotovoltaik oder Windparks –, weshalb dann das Investment in einen Windpark plötzlich nur noch die Hälfte wert sei. Das halte Pensionskassen davon ab, durch Investitionen nachhaltige Energieprojekte zu fördern.

Nachhaltigkeit ist das Spiegelbild eines gesellschaftlichen Konsenses, der sich entwickelt.

Karsten Güttler, UBS

Dem Flegelalter entwachsen

In seiner Zusammenfassung verglich Karsten Güttler nachhaltige Anlagen mit einem jungen Erwachsenen, der die Adoleszenz hinter sich habe und dem man Verantwortung aufbürden könne, «denn ihm gehört ja die Zukunft». Seine fünf wichtigsten Erkenntnisse aus dem Event:

  1. Klima, Klima, Klima!
  2. Die UN-Nachhaltigkeitsziele
  3. Performance nachhaltiger Anlagen ist vergleichbar oder gar besser
  4. Trend vom rein ausschlussbasierten Prinzip hin zu Engagement und Impact Investing
  5. Kein Konflikt zwischen nachhaltigen Anlagen und BVV2

Es referierten und diskutierten:

Karsten Güttler, UBS Asset Management Sustainable & Impact Investing

Martina Gaus, UBS Optimus Foundation

Daniel Perroud, BlueOrchard

Rochus Mommartz, responsAbility

Alexander Stiehler, UBS CIO

Elke Schaper, Carbon Delta – an MSCI Inc. Company

Ulla Enne, Nest Sammelstiftung

Vital G. Stutz, GEMINI Sammelstiftung

Die Location passt

Schon das Gebäude ist gelebte Nachhaltigkeit: Zwischen 1930 und 1934 vom Zürcher Stadtbaumeister Hermann Herter erstellt, wurde das denkmalgeschützte «Unterwerk Selnau» 2000 stillgelegt. In der ehemaligen Transformatorenhalle werden heute nicht mehr Zehntausende Volt in Niederspannung umgewandelt, sondern kreative Ideen in konkrete Projekte. Der eindrückliche Bau beherbergt nämlich das Museum für konkrete Kunst («Haus Konstruktiv») und den «Impact Hub Zürich». Und so schliesst sich der Bogen: Die rund 100 Gäste des Anlasses liessen sich von der eindrücklichen Kulisse inspirieren – und metaphorisch daran erinnern, dass es auch bei nachhaltigem Investieren noch viel Luft nach oben gibt.

 

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