Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden geopolitische Ereignisse lange Zeit vor allem als vereinzelte Schocks betrachtet: Sie waren zwar schwerwiegend, als sie eintraten, spielten jedoch nur selten eine wesentliche Rolle für das langfristige Investitionsumfeld. Diese Unterscheidung lässt sich immer schwerer aufrechterhalten. Heutzutage beeinflussen geopolitische Entwicklungen Inflation, Wachstum, Finanzpolitik, Kapitalströme und Marktführerschaft nachhaltiger, wobei die Auswirkungen oft weit über den anfänglichen Schock hinausreichen.

Für Anleger bedeutet dies eine wichtige Veränderung. Die Geopolitik ist nicht mehr nur eine Ursache punktueller Abwärtsrisiken, sondern zunehmend ein treibender Faktor für makroökonomische Entwicklungen. Die eigentliche Herausforderung besteht nun darin, zu erkennen, welche Märkte noch nach den Regeln einer älteren Ordnung bewertet werden, obwohl sich politische Prioritäten, Handelsstrukturen und Kapitalallokation in eine neue Richtung bewegen.

Unserer Ansicht nach sind drei Bereiche von grösster Bedeutung: Energiesicherheit, die Neuausrichtung der Lieferketten sowie Veränderungen bei den Währungsreserven und Fiskalregimen. Gemeinsam verändern sie die Art und Weise, wie Länder und Unternehmen bewertet werden, wie Kapital eingesetzt wird und wo sich die nächsten Investitionsmöglichkeiten ergeben könnten.

Energiesicherheit schafft neue Bewertungsaufschläge

Energiesicherheit hat sich von einem politischen Aspekt zu einer strategischen Notwendigkeit entwickelt. Die letzten Jahre und insbesondere die jüngsten Monate haben erneut klar gemacht, dass der Zugang zu Energie untrennbar mit nationaler Sicherheit, Industriepolitik oder geopolitischem Einfluss verbunden ist. Regierungen sind gezwungen, den Schwerpunkt auf Versorgungssicherheit, Diversifizierung und die Widerstandsfähigkeit des eigenen Landes zu legen, auch wenn dies mit höheren Kosten verbunden ist.

Die Auswirkungen auf die Märkte sind uns klar. Länder und Sektoren, die über strategische Energieressourcen, Exportkapazitäten oder eine bedeutende Infrastruktur verfügen, könnten einen neuen Bewertungsaufschlag erzielen, während diejenigen, die übermässig von konzentrierten externen Lieferungen abhängig sind, möglicherweise mit einem grösseren Bewertungsabschlag rechnen müssen. Europas Bemühungen, die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern, haben schon früh deutlich gemacht, dass Energierisiken schnell neu bewertet werden können, sobald strategische Annahmen nicht mehr zutreffen. In jüngster Zeit haben erneute Sorgen über die Versorgungswege aus dem Nahen Osten gezeigt, wie schnell das Thema Energiesicherheit wieder in den Mittelpunkt der makroökonomischen Debatte rücken kann.

Aus diesem Grund sollten wir Energiegeopolitik nicht ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt kurzfristiger Schwankungen bei Rohstoffpreisen betrachten. Heimische Produktion, Infrastruktur, freie Kapazitäten und sichere Transportwege gewinnen an Bedeutung, wenn Energieanlagen strategisch wertvoller werden als in einer Welt, die vor allem von Effizienz und Kostenminimierung geprägt war.

Ausserdem erweitert sich dadurch die Reihe von Ländern und Anlagen, die Investoren in Betracht ziehen sollten. Rohstoffreiche Volkswirtschaften, die einst am Rande der globalen Kapitalallokation standen, könnten wieder an strategischer Relevanz gewinnen, wenn eine zuverlässige Versorgung höher geschätzt wird. Venezuela zum Beispiel ist nicht nur eine politische Geschichte. In einer Welt, in der Versorgungssicherheit zunehmend im Vordergrund steht, können ungenutzte Förderkapazitäten und Infrastruktur an Bedeutung gewinnen, insbesondere wenn die politischen Rahmenbedingungen für ausländisches Kapital und eine Erholung der Produktion günstiger werden. Hierbei geht es nicht darum, dass jeder Produzent attraktiv wird, sondern dass ein strategisches Engagement im Energiesektor in einer fragmentierten Welt mehr zählen kann als in einer stärker integrierten Welt.

Umbau von Lieferketten für mehr Widerstandsfähigkeit

Eine zweite Veränderung besteht darin, dass man sich ganz allgemein von dem einseitigen Streben nach den niedrigsten Kosten abwendet. Jahrelang wurden globale Lieferketten im Hinblick auf Effizienz, Konzentration und Just-in-Time-Lieferung optimiert. Dieses Modell senkte zwar die Kosten, führte aber auch zu einer erhöhten Anfälligkeit. Wiederholte Störungen – von der Pandemie über Kriege bis hin zu Exportkontrollen und Handelsbeschränkungen – haben die Risiken einer Abhängigkeit von einer begrenzten Anzahl von Produktionsstandorten, Transportwegen und kritischen Vormaterialien deutlich gemacht.

Infolgedessen gewinnt Widerstandsfähigkeit als treibende Kraft bei der Kapitalallokation zunehmend an Bedeutung. Unternehmen und Regierungen diversifizieren ihre Lieferanten, sorgen für Redundanzen in der Logistik und investieren in neue Produktions- und Verarbeitungsstandorte für strategisch wichtige Güter. Dieser Wandel umfasst das gesamte Ökosystem rund um die Fertigung: Rohstoffe, Zwischenprodukte, Verkehrsinfrastruktur, Weiterverarbeitung und Lagerung.

Im Zuge der Neuausrichtung von Lieferketten fliesst Kapital tendenziell in Länder, die strategische Relevanz mit politischer Glaubwürdigkeit, einer gut ausgebauten Infrastruktur und der Fähigkeit verbinden, neue Investitionen produktiv zu nutzen. Polens Rolle beim IT-Offshoring in Europa, Indiens wachsende Bedeutung in globalen Produktionsnetzwerken sowie steigende Investitionen in Rohstoffe und Industriekorridore in Teilen Lateinamerikas und Afrikas weisen alle in dieselbe Richtung.

Die Globalisierung wird im Wesentlichen neugestaltet, nicht abgeschafft. Kapital fliesst nach wie vor über Grenzen hinweg, jedoch zunehmend in Länder und Regionen, die Widerstandsfähigkeit, Kompatibilität und Flexibilität bieten, anstatt lediglich die niedrigsten Kosten zu gewährleisten. In diesem Sinne werden wahrscheinlich die Länder die Gewinner sein, die am besten dafür gerüstet sind, eine Welt zu bedienen, die Versorgungssicherheit ebenso hoch schätzt wie Effizienz.

Chancen könnten sich dort ergeben, wo sich Märkte nur langsam angepasst haben. Argentinien könnte beispielsweise davon profitieren, wenn sich die Glaubwürdigkeit der Politik verbessert und gleichzeitig die Nachfrage nach Investitionen in strategische Ressourcen und die Industrie steigt. In Teilen Afrikas südlich der Sahara ist das Spektrum an Möglichkeiten breiter, aber auch selektiver: Die Ressourcenausstattung spielt zwar eine Rolle, doch ebenso wichtig sind Regierungsführung, Logistik, Energieversorgung und die Fähigkeit, in der Wertschöpfungskette aufzusteigen, anstatt lediglich Rohstoffexporteur zu bleiben.

Diversifizierung der Reserven und fiskalischer Druck

Ein dritter Kanal ist die schrittweise Veränderung von staatlichen Reserven und fiskalischen Rahmenbedingungen. Der verstärkte Einsatz von Sanktionen und finanziellen Beschränkungen hat deutlich gemacht, dass Reservewerte in einer zunehmend fragmentierten Welt nicht völlig neutral sind. Dies hat insgesamt zu einem stärkeren Interesse an der Diversifizierung von Reserven geführt, unter anderem in Gold, Sachwerte und ausgewählte Nicht-Dollar-Anlagen.

Die Auswirkungen sind erheblich. Auch wenn der US-Dollar nach wie vor die dominierende globale Reservewährung ist und dies voraussichtlich auch auf absehbare Zeit bleiben wird, sind schon geringfügige Veränderungen von Bedeutung. Selbst langsame Veränderungen im Reserveverhalten können im Laufe der Zeit Auswirkungen auf die offiziellen Kapitalflüsse, die Währungsnachfrage und die relative Attraktivität bestimmter Vermögenswerte haben.

Gleichzeitig trägt die geopolitische Rivalität zu höheren öffentlichen Ausgaben in den Bereichen Verteidigung, Energiesicherheit und Industriepolitik bei. Dies kann das Wachstum in ausgewählten Sektoren fördern, aber auch die Haushaltslage zusätzlich belasten und die Inflationsaussichten erschweren. Mit anderen Worten: Die Geopolitik verändert den allgemeinen makroökonomischen Policy-Mix. Anleger müssen daher die Bilanzen der Staaten, die Laufzeitprämien und die Währungsdynamik genauer unter die Lupe nehmen.

Wo Alpha entsteht

Für Anleger liegt die nachhaltigere Chance oftmals darin, die politischen Kurswechsel, die Reaktionen bei den Investitionsausgaben, die Neuausrichtung des Handels und die strategische Neubewertung zu erkennen, die auf bedeutende geopolitische Entwicklungen folgen.

Die Märkte reagieren häufig schnell auf grosse Ereignisse, doch die längerfristigen Auswirkungen auf Kapitalanlagen ergeben sich in der Regel aus den Anpassungen, die diese Ereignisse in Gang setzen. Dies kann bedeuten, zu erkennen, wann strategische Vermögenswerte eine höhere Bewertung verdienen, wann sich die Aussenwirtschaftsposition eines Landes aufgrund sich verändernder Handelsströme verbessert oder wann fiskalische und finanzierungsbezogene Schwachstellen wichtiger werden, als vom Konsens erwartet.

Einfach ausgedrückt: Geopolitik wird zur Quelle von Alpha, wenn bedeutende Entwicklungen mehr bewirken als nur Volatilität – sie wird zu einer Alpha-Quelle, wenn sie zur Schaffung einer Welt beiträgt, die von den Märkten noch nicht vollständig eingepreist wurde.

Warum die Schwellenländerperspektive wichtig ist

Hier ist unserer Ansicht nach die Schwellenländerperspektive besonders wertvoll. Wer in Schwellenländer investiert, muss Länder seit langem ganzheitlich betrachten: Dabei spielen nicht nur Wachstum und Inflation eine Rolle, sondern auch die Aussenhandelsbilanz, die Abhängigkeit von ausländischem Kapital, die Rohstoffabhängigkeit, die institutionelle Stärke, die Glaubwürdigkeit der Politik, das Sanktionsrisiko sowie die politischen Zwänge bei wirtschaftlichen Entscheidungen. In vielen Fällen war die Unterscheidung zwischen Makroanalyse und politischer Analyse nie besonders klar.

Diese Faktoren gewinnen auch über Schwellenländer hinaus immer mehr an Bedeutung. Industrieländer sehen sich zunehmend mit Fragen konfrontiert, mit denen sich Anleger in Schwellenländern schon seit Jahren auseinandersetzen: Wie widerstandsfähig ist die Aussenwirtschaftsposition eines Landes? Könnte eine expansive Fiskalpolitik die Märkte verunsichern? Wie wichtig ist die Glaubwürdigkeit der Politik, wenn sich die Finanzierungsbedingungen verschärfen? Inwiefern kann die Handelsabhängigkeit zu einer geopolitischen Schwachstelle werden? Und können politische Entscheidungen die Attraktivität ganzer Sektoren oder Länder für Investoren verändern?

Wir glauben, dass dies insbesondere in einer Welt gilt, in der die Industriepolitik wieder an Bedeutung gewinnt, Lieferketten neu gestaltet werden, die Energieabhängigkeit erneut zu einem strategischen Faktor geworden ist und Sanktionen ein aktiveres Instrument der Staatsführung darstellen. Unserer Ansicht nach sollten Anleger weniger Zeit auf die Annahme verschwenden, dass Industrieländer vor diesen Belastungen geschützt sind, und stattdessen mehr Zeit darauf verwenden, Industrieländer mit Hilfe eines in Schwellenländern bereits gewohnten Rahmens zu untersuchen, der Politik, Strategie, Finanzierung, Anfälligkeit gegenüber externen Einflüssen und Bewertung miteinander verknüpft.

Letztendlich ist die Geopolitik nicht mehr nur eine Ursache kurzfristiger Schwankungen. Sie hat sich zu einer stärkeren Kraft entwickelt, von der Inflation, Wachstum, Politik und Kapitalallokation beeinflusst werden. Von Anlegern verlangt dies eine breitere Perspektive bei Investitionen. Die eigentliche Chance liegt darin, zu erkennen, wo sich die Märkte nach wie vor an Annahmen aus einer stabileren und von Effizienz getriebenen Welt orientieren, obwohl die Investitionslandschaft derzeit durch Sicherheit, Resilienz und Fragmentierung neu geprägt wird. An dieser Stelle verwandeln sich geopolitische Umbrüche von einem Risiko, das zu bewältigen ist, in eine Chance, die es zu verstehen gilt.

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