Thought of the Week Capex-Taper-Tantrum

Künstliche Intelligenz (KI) dürfte ein strukturelles Anlagethema bleiben, getragen von steigender Adoption, besseren Modellen und anhaltend wachsenden Infrastrukturinvestitionen. Nach der starken Rally steigen jedoch die Anforderungen an Kapitaldisziplin und die Sensibilität für Bewertungen. Ein Rückgang oder schon ein langsameres Wachstum der KI-Investitionen könnte für höhere Volatilität sorgen. Anlegerinnen und Anleger sollten unserer Ansicht nach investiert bleiben, aber selektiv und aktiv vorgehen sowie gut diversifizieren.

von Michael Bolliger 10. Jul 2026

Viele KI-Aktien haben auch in der ersten Jahreshälfte sehr gut funktioniert und wir sehen für das KI-Thema auch über die nächsten zwölf Monate ein zweistelliges Renditepotenzial. Nach der starken Kursentwicklung vieler Titel müssen Anlegerinnen und Anleger unserer Meinung nach aber selektiver investieren. Im Wesentlichen sehen wir zwei Trends, die die Märkte bewegen: Einerseits sorgt die steigende Verbreitung KI-basierter Lösungen und Applikationen für Rückenwind, während das steigende Risiko eines «Capex-Taper-Tantrums» ein relevantes Risiko ist. Der Begriff «Capex-Taper-Tantrum» wird in Anlehnung an den Begriff «Taper Tantrum» verwendet, der im Mai 2013 entstand, als die US-Notenbank Fed überraschend ankündigte, ihre milliardenschweren Anleihenkäufe zu drosseln, und damit für Nervosität und Sorgen an den Märkten sorgte.

Grundsätzlich bleibt der Ausblick solide, auch weil die fundamentalen Trends in der Branche robust sind. Laut OpenRouter ist der wöchentliche Token-Verbrauch in diesem Jahr bereits um rund das Achtfache gestiegen. Gleichzeitig verdoppeln sich die Fähigkeiten von KI-Systemen gemäss METR-Analyse etwa alle vier Monate. Hält dieses Tempo an, könnten führende KI-Labore innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre in die Nähe rekursiver Selbstverbesserung kommen.

Auch bezüglich der Bewertungen scheint uns die Situation weniger dramatisch, als das oft behauptet wird, mit einigen Ausnahmen. Bei den Aktien im Halbleiterbereich beispielsweise sehen die Bewertungen nicht nach einer Blase aus. Die erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnisse liegen heute bei rund 26x – weit entfernt von den rund 150x am Höhepunkt des Dotcom-Zyklus. Wie ist das möglich, angesichts der enormen Gewinne der letzten Monate? Schlicht und einfach, weil das Gewinnwachstum bisher weitgehend mit der Kursentwicklung Schritt gehalten oder sie sogar teilweise übertroffen hat.

Dennoch dürfte die Dauerhaftigkeit und das Ausmass der KI-Investitionen zunehmend den Ausblick für die Branche beeinflussen: Während in den vergangenen drei Jahren vor allem das rasante Wachstum beim Bau von neuen Rechenzentren die Kurse nach oben getrieben hat, spielen in diesem Jahr in erster Linie Engpässe und die daraus resultierenden Preissteigerungen eine grössere Rolle. Daran dürfte sich auch in den kommenden Monaten wenig ändern: Die Speicherpreise könnten im dritten Quartal um 30 bis 40 Prozent gegenüber dem Vorquartal steigen und damit die Konsenserwartung von 10 bis 15 Prozent erneut übertreffen. Da auch in anderen Bereichen mit höheren Preisen zu rechnen ist, könnten die Kosten für KI-Server weiter steigen. Wir prognostizieren KI-Capex von USD 820 Mrd. im Jahr 2026 und USD 990 Mrd. im Jahr 2027 und wären nicht überrascht, wenn die tatsächlichen Zahlen einmal mehr höher ausfallen würden. Insgesamt erwarten wir also weiterhin hohe Ausgaben in KI-Infrastruktur.

Gleichzeitig stellt sich aber die Frage, wie es nach diesem Investitionszyklus weitergehen kann. Wir erwarten, dass der operative Cashflow der Hyperscaler bereits im dritten Quartal 2026 von den Cash-Capex-Anforderungen überholt werden könnte. Will heissen: Zusätzliche Investitionen dieser Unternehmen (und vieler anderen, kleineren Firmen ebenfalls) müssten dann vermehrt über Fremd- und Eigenkapital finanziert werden, da nicht mehr genügend freie Mittel generiert werden, um die Ausgaben zu decken. Das kann für Volatilität sorgen, insbesondere auch während der Sommermonate, wenn die Liquidität generell etwas tiefer ist.

Gleichzeitig dürfte die jüngste Schwäche der Aktien der Hyperscaler dazu führen, dass diese teilweise dem Druck nach mehr Kapitaldisziplin nachkommen. Zusammen mit Sorgen über Unternehmensausgaben für KI und Token-Kosten könnte dies die Bewertungsmultiplikatoren bei Halbleitern und KI-Hardware belasten. Deshalb haben wir während der jüngsten, von Speicherwerten getragenen Rally Ende Juni teilweise Gewinne in Halbleiter- und Hardwarepositionen mitgenommen – vor allem bei kleineren und mittelgrossen Unternehmen, deren Bewertungen anspruchsvoller geworden waren.

Trotz dieser Reduktion bleiben wir aber gegenüber dem Nasdaq 100 um rund 16 Prozentpunkte übergewichtet im KI-Bereich. Mit anderen Worten: Wir bleiben konstruktiv für Halbleiter und KI-Hardware, werden nach der starken Kursentwicklung aber selektiver. Einen Teil der Erlöse haben wir auch in defensivere Technologiebereiche umgeschichtet, beispielsweise in Zahlungsnetzwerke und Rechenzentrums-REITs.

Unser Fazit: KI dürfte ein attraktives Anlagethema bleiben, aber sollte nicht mehr eine Position sein, bei der Anleger darauf setzen, dass das Momentum positiv bleibt und sie passiv dem Markt folgen können. Die Gewinne sind zwar real, die Adoption nimmt zu und das langfristige Potenzial ist erheblich. Gleichzeitig steigt aber der Ruf nach Kapitaldisziplin und die Sensibilität der Investoren. Zusammen sprechen diese Entwicklungen unserer Meinung nach für einen aktiven, disziplinierten Anlageansatz, mit ausreichender Diversifikation. Anleger sollten im KI-Segment investiert bleiben – aber selektiver, breiter abgestützt und mit klarerem Blick auf die Herausforderung um den Capex-Taper-Tantrum. Ausserdem gilt es festzuhalten, dass wir auch ausserhalb des KI-Bereichs zahlreiche Opportunitäten sehen. Mit den sinkenden Energiepreisen dürften sich die verbleibenden Stagflationsängste zunehmend verflüchtigen und damit Raum bieten, dass sich die Aktienrally der ersten Hälfte auch auf andere Sektoren ausweiten kann.

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