Thought of the Week KI-Investitionen bleiben, KI-Anwendungen kommen

Die jüngste Gewinnentwicklung an den Aktienmärkten wurde stark von Investitionen in künstliche Intelligenz getragen, insbesondere im US-Markt und im Halbleitersektor. Gleichzeitig liegen die Gewinne deutlich über ihrem langfristigen Trend, während die Bewertungen historisch betrachtet noch im Rahmen sind – ein Spannungsfeld, das Sorgen über die Nachhaltigkeit der aktuellen Profitabilität weckt. In den kommenden Jahren dürfte das Wachstum der KI-Investitionen hoch bleiben, sich aber verlangsamen. Zudem könnten Margen unter Druck geraten und Abschreibungen stärker ins Gewicht fallen. Entscheidend für die Märkte dürfte sein, ob es gelingt, den Fokus von der aktuellen, investitionsgetriebenen Phase in eine Phase breiterer, produktivitätssteigernder KI-Anwendungen zu wechseln. Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das unserer Meinung nach: bestehende Positionen diversifizieren und aktiv managen sowie gezielt jene Unternehmen suchen, die KI nutzen, um Effizienz zu steigern und neue Geschäftsmodelle zu erschliessen.

von Michael Bolliger 25. Sep 2026

In den vergangenen Quartalen schienen die Unternehmensgewinne in den grossen Aktienindizes nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Ein wesentlicher Treiber waren Investitionen in künstliche Intelligenz (KI). Viele Anlegerinnen und Anleger fragen sich nun, ob wir es mit einer neuen Blase zu tun haben – weniger bei den Bewertungen, sondern eher bei den Erwartungen an das künftige Gewinnwachstum. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen, wie die Märkte den allfälligen Übergang von der Investitions- zur Anwendungsphase von KI verkraften könnten.

Die Gewinne je Aktie im S&P 500 sind in den letzten Jahren deutlich schneller gewachsen als die Gesamtwirtschaft. Ein grosser Teil dieses Anstiegs geht direkt oder indirekt auf KI-Investitionen zurück. Gleichzeitig bewegen sich die Bewertungen – gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis – im historischen Rahmen, während die Gewinne selbst klar über ihrem langfristigen Trend liegen. Das weckt die Sorge, dass ein Teil dieser Profitabilität nicht dauerhaft sein könnte.

Der KI-Boom hat in diesem Jahr fast die Hälfte des Gewinnwachstums im S&P 500 erklärt. Zugleich mehren sich die Signale, dass dieser Rückenwind an Kraft verlieren könnte: strengere Regulierung von KI-Modellen, zunehmende Konkurrenz – auch aus China – sowie höhere Kapitalkosten. Die Ausgaben für Rechenzentren, Chips und Infrastruktur dürften zwar weiter steigen, doch das Wachstum dieser Investitionen wird sich voraussichtlich verlangsamen. Hinzu kommt, dass höhere Abschreibungen in den kommenden Jahren stärker auf die Gewinne drücken könnten. Aus kräftigem Rückenwind könnte daher bis 2028 ein moderater Gegenwind werden.

Besonders deutlich zeigt sich die Sonderkonjunktur im Halbleitersektor: Die Gewinnmargen liegen hier auf historisch hohen Niveaus von rund 70 Prozent. Sollten Wettbewerb und Preisdruck zunehmen, könnten die Margen in Richtung ihres längerfristigen Durchschnitts fallen – mit spürbaren Folgen für die Gewinne. Zusätzlich haben Bewertungsgewinne auf Beteiligungen die ausgewiesenen Gewinne grosser Technologiekonzerne aufgebläht – ein Effekt, der in den kommenden Jahren ebenfalls nachlassen dürfte.

Steht der KI-Boom damit vor dem Ende? Wohl kaum. Entscheidend dürfte sein, wie gut die Märkte den Übergang verkraften von der aktuellen Phase, in der vor allem Investitionen die Gewinne treiben, hin zu einer Phase, in der produktivitätssteigernde KI-Anwendungen in der Breite der Wirtschaft ankommen. Global sind die Unternehmensgewinne zuletzt im Durchschnitt um rund 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen – und das nicht nur im Tech-Sektor, sondern über Länder und Branchen hinweg. Diese breite Gewinnbasis schafft Spielraum für weitere Investitionen, aber auch für steigende Beschäftigung und Löhne.

Unser Fazit? Dass das Tempo der KI-Investitionen irgendwann nachlassen wird, ist wahrscheinlich. Angesichts der Bedeutung dieser Ausgaben für die Weltwirtschaft dürften die Märkte in den nächsten Quartalen sensibel auf Nachrichten zu KI-Investitionen, Margen und Regulierungen reagieren. Trotzdem sehen wir weiterhin attraktive Chancen – zunehmend auch ausserhalb des Technologiesektors. Unternehmen, die KI nutzen, um Kosten zu senken, Prozesse zu automatisieren und neue Geschäftsmodelle zu erschliessen, könnten zur nächsten Kohorte möglicher Profiteure gehören. Für Anleger spricht vieles dafür, ihr KI-Engagement aktiv zu bewirtschaften, breit zu diversifizieren und nicht nur auf die etablierten «KI-Champions» zu setzen. So können die Chancen steigen, auch von der nächsten Phase des KI-Zyklus zu profitieren – selbst wenn der Weg dorthin zeitweise holpriger werden könnte.

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