Thought of the Week Resilient, aber nicht immun: Schweizer Industrie im doppelten Stresstest

Die Schweizer Industrie steht vor einem doppelten Stresstest: Höhere US-Zölle belasten einzelne Exportbranchen, während Chinas industrielle Aufholjagd den Wettbewerb in höherwertigen Segmenten verschärft. Dank der starken Position in Pharma, Uhren, Präzisionsinstrumenten und im Bau von spezialisierten Maschinen sowie einer vergleichsweise geringen Exportüberschneidung mit China bleibt die Schweiz jedoch widerstandsfähig und konnte ihre globalen Marktanteile weitgehend halten. Für Anlegerinnen und Anleger eröffnen sich Chancen bei qualitativ hochwertigen Schweizer Industrie- und Exportwerten mit starker Innovationskraft, global diversifizierten Absatzmärkten und soliden Bilanzen. Doch ein Fokus auf die wettbewerbsfähigsten Unternehmen und eine ausreichende Diversifikation scheint uns ein Muss, auch im Schweizer Markt.

von Michael Bolliger 18. Sep 2026

Die Schweizer Industrie steht unter Druck, bleibt aber widerstandsfähig. Höhere US-Zölle und der rasche industrielle Aufstieg Chinas verändern die Spielregeln im Welthandel, wie wir in unserem aktuellen UBS Outlook Schweiz untersucht haben. Das wirkt sich auf Exportmärkte, Margen und Investitionsentscheide aus – und damit auch auf Ihr Portfolio. Zentral scheinen uns folgende Fragen: Wie robust ist das Schweizer Geschäftsmodell und wo eröffnen sich Chancen in einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft?

Die USA bleiben der wichtigste Einzelmarkt für Schweizer Güterexporte, obwohl sich die Zölle seit April 2025 deutlich erhöht haben. Zwischen August und November 2025 stiegen die Tarife auf viele Schweizer Exportgüter zeitweise auf 39 Prozent, während Waren aus der Europäischen Union (EU) im Schnitt nur mit 15 Prozent belegt wurden. Das hat Spuren hinterlassen: In dieser Phase blieben US-Importe aus der Schweiz gegenüber jenen aus der Europäischen Union deutlich zurück. Wir schätzen den kumulierten Exportausfall auf bis zu 3,5 Milliarden US-Dollar – etwa 7 Prozent der US-Importe aus der Schweiz im Jahr 2024 (ohne Gold).

Gleichzeitig relativieren sich diese Schlagzeilen aber, wenn wir etwas genauer hinschauen. Ein grosser Teil der Schweizer Ausfuhren in die USA entfällt auf Pharmazeutika. Diese profitieren häufig von Ausnahmen oder niedrigen Zollsätzen. Insgesamt lag der geschätzte effektive Zollsatz auf US-Importe aus der Schweiz im Höhepunkt bei 13,4 Prozent, zuletzt aber nur noch bei rund 6 Prozent. Zudem sind Teile der bereits bezahlten Zölle nach einem Entscheid des US Supreme Court rückerstattungsfähig – potenziell rund 2 Milliarden US-Dollar, vor allem in Bereichen wie Präzisions- und Medizinalinstrumente, Uhren, Kaffee, Maschinen und elektrische Ausrüstung. Für die betroffenen Branchen bleibt die Lage dennoch anspruchsvoll, für die Schweizer Industrie insgesamt dürfte sie aber bewältigbar bleiben.

Die grössere Herausforderung kommt aus China, auch weil wir hier viel eher eine längerfristige, strukturelle Entwicklung sehen. Das Land baut seine industrielle Basis weiter aus und dringt zunehmend in höherwertige Segmente vor, etwa Maschinenbau, elektrische Ausrüstung, Chemie, Medizintechnik und komplexe Komponenten. Chinas Güterexporte haben zuletzt wieder deutlich zugelegt, während die Importe verhalten blieben. Der Handelsüberschuss erreichte Rekordniveaus. Für Schweizer Unternehmen bedeutet dies mehr Preisdruck, intensivere Konkurrenz in Drittmärkten und, insbesondere in Deutschland, indirekte Effekte über europäische Wertschöpfungsketten, die die wachsende Konkurrenz aus China deutlich stärker spüren als die Schweiz.

Trotzdem agiert die Schweiz weiterhin aus einer Position der Stärke, zumindest im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern. Sie ist hochgradig spezialisiert, etwa auf Pharma, Uhren, Präzisionsinstrumente, hochwertige Maschinen und Nischenprodukte. Die Exportüberschneidung mit China ist deutlich tiefer als etwa bei Deutschland oder Italien. Entsprechend konnten die globalen Exportmarktanteile (ohne Edelmetalle) in den letzten Jahren bei rund 1,2 Prozent gehalten werden – trotz steigender chinesischer Konkurrenz.

Was heisst das für Sie als Anlegerin oder Anleger? Die Schweizer Industrie zeigt Resilienz, ist aber nicht immun. In einer fragmentierteren Weltwirtschaft gewinnen robuste Lieferketten, geografische Diversifikation und gesicherter Marktzugang an Bedeutung. Unternehmen, die die Produktion näher an Endmärkte verlagern (Nearshoring), ihre Präsenz in strukturell wachsenden Nischen ausbauen und konsequent in Innovation investieren, dürften aus unserer Sicht profitieren. Für Anleger dürfte es sich lohnen, diese Kriterien gezielt im Portfolio zu berücksichtigen.

Unser Fazit? Für langfristig orientierte Anleger bleiben qualitativ hochwertige Schweizer Industrie- und Exportwerte attraktiv. Besonders interessant scheinen uns Marktführer mit starker Preissetzungsmacht, hoher Forschungs- und Entwicklungsintensität und global diversifizierten Absatzmärkten. Eine Beimischung solcher Titel zu einem internationalen Portfolio kann helfen, diese robuster gegenüber handelspolitischen Schwankungen und dem strukturellen Wettbewerb aus China zu positionieren. Gerade bei mittelständischen Unternehmen sehen wir aktuell interessante Opportunitäten, um von der Stärke der Schweizer Wirtschaft in einem anspruchsvolleren globalen Umfeld zu profitieren, auch weil diese weiterhin von der zyklischen Erholung in Europa profitieren dürften.

Gleichzeitig sollten Klumpenrisiken in einzelnen Regionen oder Sektoren vermieden werden. Gerade bei den grossen, bekannten Schweizer Bluechips sind solche in vielen Schweizer Portfolios zu finden und machen sie so abhängig von der Entwicklung einzelner Unternehmen. Neben einer breiten Diversifikation in der Schweiz halten wir darum auch internationale Engagements von zentraler Bedeutung für den mittel- bis längerfristigen Anlageerfolg.

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