Thought of the Week Weltordnung im Wandel: Energie und Ernährung

Der anhaltende Krieg im Mittleren Osten hat die Öltransporte durch die Strasse von Hormus drastisch reduziert, aber ohne bislang eine schwere Rezession auszulösen. Dieser Zustand ist jedoch nicht nachhaltig: Die Lagerbestände sind vielerorts stark geschrumpft, die Gasreserven in Europa liegen deutlich unter den Vorjahren und steigende Düngerpreise sowie El Niño belasten die landwirtschaftlichen Erträge. Für Anlegerinnen und Anleger bleiben Energie- und Nahrungsmittelpreise damit ein zentraler Treiber von Inflation und Wachstum. Neben klassischen Engagements im Energie- und Rohstoffsektor sehen wir vor allem bei Investitionen in Energieinfrastruktur, Agrartechnologie und innovativen Lösungen entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette attraktive langfristige Chancen.

von Michael Bolliger 28. Aug 2026

Der Krieg im Mittleren Osten dauert nun schon über 180 Tage. Obwohl die Energieexporte aus der Region fast zum Stillstand gekommen sind, gibt es bislang wenige Anzeichen für eine ernsthafte Krise. Die Energiepreise sind gestiegen, besonders Ölderivate wie Diesel, Heizöl und Kerosin, doch nur wenige Indikatoren deuten auf eine Wachstumsverlangsamung hin; vielerorts beobachten wir sogar eine Beschleunigung. Bemerkenswert ist das insbesondere, weil die Exporte durch die Strasse von Hormus um etwa 75 Prozent – von rund 21 Millionen Barrel pro Tag auf aktuell rund 5 Millionen Barrel pro Tag – gesunken sind. Weltweit liegt das Ölangebot laut Internationaler Energieagentur (IEA) bei rund 102 Millionen Barrel pro Tag; betroffen ist also rund ein Fünftel des globalen Angebots.

Daraus ergeben sich zwei Fragen: Wie lässt sich die moderate Reaktion erklären und müssen wir in den kommenden Wochen oder Monaten mit gravierenderen Folgen rechnen, falls sich keine baldige Einigung zwischen den Kriegsparteien abzeichnet?

Für die Beantwortung der ersten Frage müssen wir mehrere Faktoren berücksichtigen: China konnte seine Käufe um rund vier Millionen Barrel pro Tag reduzieren, weil es über Jahre grosse strategische Ölreserven aufgebaut hat. Auch viele andere Länder bauen Lagerbestände ab. Zusätzlich haben die USA ihren Output erhöht, auch um mehr Öl nach Europa exportieren zu können. Anders als in China sind die Reserven vielerorts jedoch bereits stark dezimiert und dürften unseres Erachtens nur noch wenige Wochen reichen. Die Raffinerien haben ihre Nachfrage gegenüber dem Vorjahr um rund fünf Millionen Barrel pro Tag gedrosselt. Diese Reduktion erklärt, warum die Preise für Diesel und Benzin bislang stärker gestiegen sind als Rohölpreise. Das spüren vor allem die Konsumenten und damit auch die Wähler; entsprechend dürfte die Preisinflation in diesem Bereich bei den US-Zwischenwahlen ein prominentes Thema sein. Allerdings haben Schiff-zu-Schiff-Transfers und alternative Pipeline-Routen einen Teil der Lieferunterbrüche abgefedert.

Bedeutet dies, dass in den kommenden Wochen oder Monaten weitere Preisanstiege drohen? Klar ist: Der Status quo ist nicht nachhaltig. Der Spielraum beim Anzapfen strategischer Reserven scheint ausserhalb Chinas weitgehend ausgereizt und der Aufbau alternativer Infrastruktur für Produktion, Verarbeitung und Transport dauert lange. Zudem wäre sie ein relativ einfaches militärisches Ziel, sollte die Führung in Teheran eine Eskalation anstreben, um bessere Konzessionen für ein Abkommen zu erhalten. Eine solche Eskalation wäre für Präsident Trump politisch teuer, doch auch die Alternativen – etwa dem Iran faktisch die Kontrolle über die Meerenge zu überlassen, Sanktionen aufzuheben oder eingefrorene Gelder freizugeben – hätten politische Kosten. Daher ist nicht auszuschliessen, dass der Konflikt länger dauert und die Energiepreise die Märkte weiter bewegen können.

Relevant ist auch der Blick ins Jahr 2027. Die Gasspeicher für den nächsten Winter liegen ebenfalls tief; in Deutschland betragen die Gasspeicher derzeit nur 48 Prozent, vor einem Jahr waren es 65 Prozent und 2022 zum gleichen Zeitpunkt 75 Prozent. Diese Defizite lassen sich nicht rasch decken und erhöhen das Risiko, dass höhere Energiekosten selbst nach einem Ende des Konflikts relevant bleiben. Neben Energie sind viele weitere Güterexporte von der Blockade betroffen, etwa Rohstoffe für landwirtschaftliche Düngemittel. Schon der Ukrainekrieg und die Sanktionen gegen Russland haben Angebot und Preise bei Stickstoff-, Phosphat- und Kalidüngern belastet; durch den Krieg im Iran dürften die Preise weiter steigen. Höhere Preise führen dazu, dass weniger gedüngt wird, besonders in Schwellenländern, was die Erträge in den Folgejahren beeinträchtigen dürfte. Hinzu kommt das aktuelle El-Niño-Jahr, das vielerorts Ernten dezimieren dürfte.

Die Implikationen für Anlegerinnen und Anleger sind vielfältig. Sie umfassen makroökonomische Entwicklungen wie Inflations- und Wachstumsrisiken – mit Potenzial für höhere Aktienkurse im Falle einer Normalisierung, aber auch für eine Korrektur, sollten die Energiepreise erneut steigen. Neben Investitionen im Energiesektor und Rohstoffen bieten vor allem auch Anlagen in Energieinfrastruktur und entlang der Wertschöpfungskette im Lebensmittelbereich interessante Opportunitäten.

Der Krieg im Mittleren Osten wird hoffentlich bald enden, doch die Art, wie wir Lebensmittel produzieren, verarbeiten und konsumieren, verändert sich strukturell. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette entstehen neue Technologien – von der Landwirtschaft bis zum Abfallmanagement. Dazu zählen vernetzte Geräte, autonome Traktoren, pflanzenbasierte Fleischalternativen und Indoor-Farmen. Hinzu kommen stickstofffixierende Getreidesorten mit geringerem Düngereinsatz, Futtermittel aus Insekten und Algen sowie Fleisch und Fisch aus Laborzucht. Auch die Digitalisierung prägt den Sektor seit Jahren und KI dürfte diese Entwicklung weiter beschleunigen. Relevante Themen sind hier digitale Rückverfolgbarkeit, Logistik- und Planungsplattformen zur Verringerung von Lebensmittelverschwendung sowie «Food-Hailing»-Apps und personalisierte Ernährungsempfehlungen, die Konsumverhalten und Bewusstsein für Gesundheit und Umwelt verändern. Diese strukturellen Entwicklungen dürften auch längerfristige Chancen für Anleger bieten.

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