
China ist seit Jahren bemüht, seine Abhängigkeit vom Ausland zu reduzieren und die Kontrolle über die eigenen Wertschöpfungsketten zu erhöhen. Der Preis für diese steigende Unabhängigkeit sind Überkapazitäten, die nicht nur in China selbst, sondern auch im Westen sichtbar sind. Für Europa und damit – direkt und indirekt – auch für die Schweiz ist das weit mehr als ein geopolitisches Randthema. Es betrifft die Zukunft von zahlreichen Sektoren, unter anderem auch Industrien wie den Maschinenbau und den Automobilsektor, die für den Wohlstand der ganzen Region entscheidend bleiben.
In den letzten Jahrzehnten hat China seine Importe stetig reduziert und durch heimische Produkte ersetzt. Der Anteil der Importe an der chinesischen Wirtschaftsleistung ist von knapp 30 Prozent auf unter 15 Prozent gefallen. Gleichzeitig hat das Land in vielen Schlüsseltechnologien aufgeholt oder sogar die Führung übernommen, etwa bei Batterien, Solartechnologie, Hochspannungsnetzen oder Komponenten für Robotik und KI-Infrastruktur – und weitere Sektoren werden zweifelsohne folgen.
Für den Westen bedeutet das zweierlei: Zum einen wächst der Wettbewerbsdruck auf etablierte Industrien, weil chinesische Anbieter in immer mehr Segmenten als kostengünstige und technologisch ausgereifte Konkurrenten auftreten. Zum anderen entstehen neue Abhängigkeiten, da China bei einer wachsenden Zahl von Produkten mehr als die Hälfte der weltweiten Exporte stellt – dazu gehören viele Vorprodukte, Maschinen und Ausrüstungen, die für moderne Industrieprozesse unverzichtbar sind.
Das verschärft die handelspolitischen Spannungen: Die USA versuchen seit Langem, ihre Abhängigkeit von chinesischen Importen zu reduzieren. Im Zentrum stehen Zölle und Exportrestriktionen, worauf China seinerseits mit Zöllen und Exportkontrollen reagiert. In Europa ist man sich der Herausforderung ebenfalls bewusst, doch als föderalistisches Konstrukt tut sich die Europäische Union naturgemäss schwerer mit einer einheitlichen, koordinierten Strategie. Entsprechend haben Chinas industrielle Expansion und der Rückgang seiner Importe aus Europa bereits sichtbar zur Erosion der Produktions- und Beschäftigungsbasis in Ländern wie Deutschland und Frankreich beigetragen und dieser Prozess dürfte weitergehen und weitere Industrien betreffen, auch in der Schweiz.
Für die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft mit starker Spezialisierung im hochwertigen Maschinenbau, in Präzisionstechnologie und in Nischen der Automobil- und Zulieferindustrie ist die Ausgangslage ambivalent. Einerseits drohen Margendruck und Marktanteilsverluste, wenn chinesische Wettbewerber in höherwertige Segmente vordringen. Andererseits eröffnen sich aber auch Chancen, gerade in Bereichen, in denen Schweizer Unternehmen besondere Stärken haben, beispielsweise bei hochpräzisen Komponenten, spezialisierten Maschinen und dem Dienstleistungssektor.
Für die hiesige Industrie bedeutet das: Fokus auf Innovation, Effizienz, Diversifikation der Absatzmärkte und enge Einbindung in globale und regionale Wertschöpfungsnetzwerke. Und Chinas Streben nach Unabhängigkeit und seine Exportdominanz sollen nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Inspiration verstanden werden. In Europa wie auch in der Schweiz sollen darum eigene Stärken gesichert und gefördert, bestehende Abhängigkeiten reduziert und neue vermieden werden.
Als Anlegerin oder Anleger sollten Sie diese Entwicklung auch als Strukturwandel verstehen, nicht nur als Risiko. Unternehmen, die ihre Abhängigkeit von einzelnen Märkten und Lieferanten aktiv managen, ihre technologische Differenzierung ausbauen und in Forschung, Automatisierung und Resilienz investieren, dürften besser positioniert sein, in diesem Umfeld zu wachsen. Das spricht dafür, in Unternehmen zu investieren, die technologisch führend sind und in globalen Lieferketten unverzichtbare Funktionen erfüllen, ihre Produktion und Beschaffung geografisch diversifizieren und von der Automatisierung, Elektrifizierung und dem Ausbau der KI-Infrastruktur profitieren. Diverse Qualitätsunternehmen aus Industrie, Technologie und Infrastruktur bieten unseres Erachtens Chancen, von diesem Strukturwandel zu profitieren und gleichzeitig die Risiken zunehmender geoökonomischer Spannungen abzufedern. Dies dürfte aktuell besonders spannend sein, da wir eine zyklische Erholung in Europa beobachten, die sich auch positiv auf die Bewertungen der entsprechenden Aktien auswirken kann. Und natürlich beinhaltet das konsequenterweise auch, selektiv in asiatische Marktführer zu investieren, auch in China.