Thought of the Week Übernachfrage nach Rechenzentren – auch in der Schweiz

Die strukturelle Übernachfrage nach Rechenzentren macht auch vor der Schweiz nicht halt: Die Kapazität kommerzieller Rechenzentren hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt und der Stromverbrauch steigt deutlich. Gleichzeitig begrenzen das Energieangebot, knappe Standorte, hohe Infrastrukturkosten und Regulierung das Angebot. Für Anlegerinnen und Anleger eröffnet dies Chancen, da Rechenzentren von wachsender Nachfrage und knappen Ressourcen profitieren können, erfordert aber auch ein Bewusstsein für technologische und politische Risiken. Deshalb und auch angesichts der begrenzten Marktgrösse hierzulande erscheint uns ein internationales Engagement vorteilhaft, um das Portfolio ausreichend zu diversifizieren.

von Michael Bolliger 31. Jul 2026

Wenn Sie vom KI- und Cloud-Boom profitieren möchten, kommen Sie unserer Ansicht an Rechenzentren kaum vorbei. Künstliche Intelligenz, Cloud-Dienste und die Digitalisierung unseres Alltags haben eines gemeinsam: Sie brauchen enorme Rechenleistung – und damit Rechenzentren. Was früher ein Nischenthema für IT-Spezialisten war, ist heute ein zentraler Baustein der digitalen Infrastruktur.

In der Schweiz ist der Markt für Rechenzentren in den letzten Jahren stark gewachsen. Gemäss Bundesamt für Energie (BFE) hat sich die Kapazität kommerzieller Rechenzentren zwischen 2020 und 2026 mehr als verdoppelt und liegt heute bei rund 340 Megawatt. Gleichzeitig ist der Stromverbrauch der Rechenzentren auf etwa 2,1 Terawattstunden im Jahr 2024 gestiegen – nahe am gesamten Stromverbrauch der Stadt Zürich, der bei rund 2,7 Terawattstunden liegt. Anders formuliert: Die Nachfrage nach Rechenleistung ist bereits heute hoch – und dürfte in den kommenden Jahren noch deutlich weiter steigen.

Treiber dieser Entwicklung sind vor allem die Verlagerung von IT-Infrastrukturen in die Cloud und der rasante Aufstieg von KI-Anwendungen. Viele Unternehmen geben eigene Serverräume auf und beziehen Rechenleistung aus der Cloud. Hinzu kommt, dass internationale Technologiekonzerne wie Google, Amazon oder Microsoft ihre Präsenz in der Schweiz ausbauen, während Branchen wie Finanzdienstleister, Versicherungen und Pharmaunternehmen mehr Rechenleistung benötigen. Die Schweiz punktet dabei mit politischer und wirtschaftlicher Stabilität, einer gut ausgebauten Glasfaserinfrastruktur, einem geringen Naturkatastrophenrisiko und einem eigenständigen Datenschutzregime. Auch das Potenzial für die Erschliessung von neuen Energiequellen ist ein Plus. Das macht den Standort für Betreiber und damit auch für Anlegerinnen und Anleger attraktiv.

Rund 60 Prozent der bestehenden Kapazität entfallen auf die Region Zürich–Aargau–Schaffhausen, gemäss einer Studie der Immobilienfirma CBRE. Seit 2020 wurden allein im Kanton Zürich Baubewilligungen für Rechenzentren im Umfang von geschätzt 730 Mio. CHF erteilt, in Aargau über 600 Mio. CHF und in Schaffhausen rund 90 Mio. CHF. Trotzdem dürfte das Angebot mit der Nachfrage kaum Schritt halten. Der Ausbau von leistungsfähigen Strom- und Glasfaseranschlüssen ist teuer und dauert lange, geeignete Standorte sind knapp und zusätzliche regulatorische Auflagen und politische Hürden – etwa zur Nutzung von Abwärme oder zur Erschliessung von (erneuerbaren) Energiequellen – sind oft schwer überwindbar. Ähnlich wie bei vielen anderen KI-Themen dürfte also auch hierzulande das Angebot an neuer Rechenleistung der Nachfrage bis auf Weiteres hinterherhinken, mit möglichen negativen Auswirkungen auf Produktivität und Kosten. Für den Wirtschaftsstandort Schweiz kann das eine Herausforderung sein, da viele Unternehmen aufgrund der hohen Kosten und der starken Währung auf Effizienzgewinne angewiesen sind.

Für Anleger bedeutet die strukturelle Übernachfrage grundsätzlich Rückenwind: Rechenzentren haben in den letzten Jahren weltweit überdurchschnittliche Wertzuwächse erzielt und die Knappheit von Strom- und Netzanschlüssen stützt die Attraktivität bestehender Anlagen. Gleichzeitig erfordert das Segment hohe laufende Investitionen in die technische Infrastruktur, etwa um leistungsstärkere Serverracks für KI-Anwendungen zu ermöglichen. Entsprechend wichtig ist eine sorgfältige Auswahl der Anlagen und Betreiber.

Unser Fazit? Der KI-Trend macht auch vor der Schweiz nicht halt – mit positiven Aspekten wie Innovation, Effizienzgewinnen und neuen Geschäftsmodellen, aber auch mit Herausforderungen. Insbesondere die Debatte über die (nachhaltige) Energieproduktion in der Schweiz dürfte sich aufgrund der steigenden Bedürfnisse nach mehr Rechenleistung akzentuieren. Für Anleger in der Schweiz kann ein Engagement in Rechenzentren ein spannender Baustein im Portfolio sein. Solche Anlagen haben typischerweise eine geringe Volatilität, funktionieren aber als Einkommensquelle in der Regel deutlich besser als Anleihen. Für Anleger, die mit den entsprechenden Risiken umgehen können, bieten sie damit eine gute Ergänzung zu Anleihen. Angesichts der begrenzten Marktgrösse und der diversen Risiken erscheint uns eine internationale Diversifikation allerdings als ein Muss.

Disclaimer