
Die erste Jahreshälfte liegt hinter uns. Bemerkenswert ist nicht, dass es Turbulenzen gab, sondern wie widerstandsfähig die Märkte geblieben sind. Da viele Themen auch in der zweiten Jahreshälfte relevant bleiben dürften, ist jetzt ein guter Zeitpunkt für einen kurzen Rück- und Ausblick.
Geopolitische Spannungen haben auch im bisherigen Jahresverlauf die Märkte geprägt. Die Reaktionen waren heftig, aber wie so oft nicht dauerhaft. Anlegerinnen und Anleger, die etwa die Ereignisse im Nahen Osten ignorierten, dürften das rückblickend kaum bereuen. Auch in der zweiten Jahreshälfte dürfte die Volatilität an den Märkten ein Thema bleiben: Der fragile Friedensprozess im Nahen Osten, neue Zölle oder die US-Zwischenwahlen kommen als mögliche Ursachen infrage. Nachhaltig beeinflussen dürften sie die Märkte aber kaum.
Zweitens fällt auf, wie gut die Wirtschaft den Energiepreisschock bis jetzt verkraftet hat. Ein Teil davon war glückliches Timing: Die Arbeitsmärkte sind momentan weniger angespannt als 2022. Zugleich sind Lieferketten flexibler geworden und Konsumenten wie Unternehmen gehen besser mit Preisschwankungen und Unterbrüchen um. Staaten und Firmen haben in Energiesicherheit, Infrastruktur, Lagerhaltung und regionale Diversifizierung investiert und dies nicht nur im Energiebereich: Der Zugang zu Halbleitern, Medikamenten, kritischen Rohstoffen, Technologie und Absatzmärkten ist für viele Regierungen zur strategischen Priorität geworden. Dieser Trend dürfte weit über die zweite Jahreshälfte hinaus Bestand haben und weitere Investitionschancen bieten.
Drittens hat das Jahr 2026 erneut bestätigt, dass Zentralbanken der vielleicht wichtigste Taktgeber für die Märkte bleiben. Die Inflationsrisiken sind nicht vom Tisch, doch wir sind zuversichtlich, dass der Markt diese Risiken derzeit eher über- als unterschätzt – und damit auch die Wahrscheinlichkeit höherer Zinsen. Sinkende Zinsen könnten damit in der zweiten Jahreshälfte ein positiver Treiber für viele Anlageklassen werden.
Neben den Zentralbanken hat auch KI die Marktstimmung geprägt. Die Märkte beurteilen Chancen und Risiken inzwischen kritischer als in den letzten Jahren. Einerseits haben die grossen US-Technologiekonzerne mit ihren Investitionen bekräftigt, wie sehr sie gewillt und fähig sind, den Ausbau dieser Schlüsseltechnologie voranzutreiben. Langfristig dürfte das für viele von ihnen gewinnbringend sein. Doch sinkende freie Cashflows und geringere Mittel für Aktienrückkäufe belasteten zuletzt die Aktienkurse dieser Firmen. Andererseits profitierten aber jene Unternehmen stark, die die benötigte Infrastruktur zur Verfügung stellen. Solche divergierenden Performancetrends könnten auch in den kommenden Quartalen über Erfolg und Misserfolg an den Börsen entscheiden und damit weiterhin dafür sorgen, dass aktive Anlagestrategien bessere Erfolgsaussichten haben als passive Investments.
Zu guter Letzt stand das erste Halbjahr auch im Zeichen von Börsengängen (IPOs), Kapitalerhöhungen und Aktienrückkäufen. Solche Aktivitäten werden auch als Warnsignal gelesen; ein starker Emissionsmarkt deutet auf Euphorie hin. Gleichzeitig erscheint das IPO-Volumen aber weniger extrem, wenn man es relativ zur heutigen Marktgrösse betrachtet. Und auch wenn einige Technologiekonzerne derzeit auf Aktienrückkäufe verzichten, verfolgen viele andere Unternehmen weiterhin solche Strategien. Zusätzliches Kapitalangebot entsteht zudem häufig dort, wo Firmen investieren, wachsen und Kapazitäten aufbauen. Für die zweite Jahreshälfte dürfte darum vor allem die Frage zählen, ob die Märkte diese Investitionen als sinnvoll erachten. Steigern sie die Aussichten für Umsätze und Gewinne, dürfte sich auch das benötigte Kapital mobilisieren lassen.
Unser Fazit? Das erste Halbjahr hat gezeigt: Märkte können schlechte Nachrichten verkraften, wenn Gewinne, Wachstum und die Geldpolitik genügend Unterstützung bieten. Im zweiten Halbjahr dürfte diese These erneut getestet werden. US-Zwischenwahlen, geopolitische Spannungen und der nächste Abschnitt des KI-Investitionsbooms sprechen für mehr Volatilität. Doch Volatilität ist oft der Preis, den Anleger für langfristige Opportunitäten bezahlen. Die wichtigste Lehre lautet deshalb: Anleger müssen nicht jedem Sturm ausweichen, sondern mit Weitsicht navigieren.