Thought of the Week Gold: Zwischen Inflationsängsten und Diversifikation der Geldreserven

Der Goldpreis bleibt unter Druck, vor allem aufgrund der rasch gestiegenen Realzinsen. Mittelfristig erwarten wir aber einen höheren Preis, auch weil Zentralbanken für die strategische Diversifikation ihrer Geldreserven systematisch Gold kaufen. Diese Nachfrage dürfte den Goldpreis stützen und seine Rolle als strategisches Diversifkationselement in einem Portfolio stärken, insbesondere dort, wo Anlegerinnen und Anleger sich Sorgen machen um längerfristige Schulden- und Inflationsrisiken sowie um anhaltende geopolitische Spannungen.

von Michael Bolliger 05. Jun 2026

Gold hat in den vergangenen Monaten zwar an Dynamik verloren, doch das grössere Bild bleibt intakt: Das Edelmetall ist weit mehr als ein klassischer «sicherer Hafen» in geopolitisch unruhigen Zeiten. Zunehmend wird Gold von einem anderen, strukturell wichtigeren Faktor getragen – der robusten Nachfrage der Zentralbanken.

Auf den ersten Blick ist die Interpretation der Goldpreisentwicklung nicht offensichtlich: Obwohl geopolitische Risiken mit dem Krieg im Mittleren Osten hoch bleiben, hat Gold in den letzten Monaten deutlich an Wert verloren. Ein zentraler Grund dafür liegt in der Geldpolitik: Steigende Energiepreise und Inflationssorgen haben die Markterwartungen an die US-Notenbank Fed in kurzer Zeit deutlich verschoben. Wurden vor wenigen Monaten noch Zinssenkungen eingepreist, erwartet der Markt nun, dass die Fed ihren Leitzins bis auf Weiteres unverändert lässt. Die damit verbundenen höheren Realzinsen steigern die Opportunitätskosten eines Vermögenswerts, der selbst keine laufende Rendite abwirft. Diese inverse Beziehung zwischen Gold und Realrenditen – über Jahre der treibende Faktor hinter der Goldpreisentwicklung – hat sich damit zuletzt wieder klar durchgesetzt. Vorausschauend bedeutet das: Solange die Märkte befürchten, dass die Fed bis auf Weiteres restriktiv bleibt, kann sich der Goldpreis nur schwierig erholen.

Sollte sich allerdings zeigen, dass der jüngste Inflationsdruck keine breiten Zweitrundeneffekte auslöst, dürfte die Fed im weiteren Jahresverlauf wahrscheinlich einen moderateren Ton anschlagen und die Lockerung wieder aufnehmen.

Das ist durchaus realistisch, etwa wenn sich die Handelsströme durch die Strasse von Hormus bei einem möglichen Abkommen wieder erholen. Die Realzinsen können aber auch sinken, wenn die Blockade weiter anhält; in einem solchen Risikoszenario ist gut vorstellbar, dass der Druck auf die Konjunktur zunimmt und die Märkte wieder tiefere Leitzinsen erwarten. Im Gegensatz zu 2022 scheinen uns Zweitrundeneffekte aktuell weniger wahrscheinlich, da die Arbeitsmarktbedingungen weit weniger angespannt sind. Ein Umfeld sinkender oder zumindest weniger belastender Realzinsen wäre für Gold ein wichtiger Rückenwind und ein möglicher Katalysator für eine Preiserholung. Wir erwarten, dass der Preis bis Jahresende auf 5500 US-Dollar pro Unze steigt.

Unabhängig davon dürften auch die Zentralbanken weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Sie treten seit Jahren als Käufer von Gold auf und bleiben damit ein wichtiger Stabilitätsanker des Markts. Im ersten Quartal 2026 beliefen sich die Käufe laut Marktberichten auf rund 244 Tonnen. Annualisiert wäre das die vierthöchste Jahresnachfrage seit 1950. Dahinter steht kein taktischer Handel bezüglich des nächsten Preisimpulses, sondern eine strategische Entscheidung: Gold gewinnt als Teil der Währungsreserven an Gewicht, weil es keine Gegenparteirisiken trägt, politisch neutraler wahrgenommen wird und Reserven in einer politisch und geopolitisch fragmentierteren Welt wirksam diversifizieren kann. Diese strukturelle Nachfrage kann einen Boden schaffen, der zyklische Schwächephasen abfedern kann.

Für Anlegerinnen und Anleger ist das entscheidend. Während ETF-Zuflüsse, Futures-Positionierung oder Schmucknachfrage kurzfristig schwanken können, handeln Zentralbanken mit einem langen Horizont. Sie kaufen Gold nicht, weil das Momentum gerade stimmt, sondern weil sich die Architektur des globalen Finanzsystems verändert. Studien des IWFs und anderer Organisationen zeigen, dass Goldreserven bei den Zentralbanken seit der Finanzkrise an Bedeutung gewonnen haben – insbesondere dort, wo sie eine bessere Diversifikation aufgrund von geopolitischen Risiken, Sanktionen und Währungsabhängigkeiten suchen.

Hinzu kommt ein weiterer, oft unterschätzter Treiber: die globale Schuldenlage. Hohe Budgetdefizite und steigende Schuldendienstkosten nähren die Sorge, dass Staatsanleihen in den kommenden Jahren nicht mehr dieselbe Schutzfunktion erfüllen wie früher. Wenn Aktien und Anleihen in Stressphasen weniger verlässlich diversifizieren, gewinnt Gold als realer, nicht von einem Emittenten abhängiger Vermögenswert an Attraktivität. Genau deshalb sehen wir Gold heute nicht nur als Krisenmetall, sondern auch als strategisches Portfoliowerkzeug.

Das heisst nicht, dass der Weg nach oben geradlinig verläuft. Der Goldpreis dürfte auch künftig auf Marktverwerfungen und das Zinsumfeld reagieren. Aber wer Gold nur als Reflex auf Unsicherheit betrachtet, ignoriert den breiteren Kern der Investmentthese: Zentralbanken dürften in den nächsten Jahren mit ihrer schrittweisen Diversifikation der Währungsreserven fortfahren, was den Goldpreis strukturell unterstützen dürfte.

Unser Fazit? Gold sollte nicht nur als taktischer Trade, sondern auch als strategischer Diversifikator betrachtet werden. Gerade in einem Umfeld, in dem die Preise von Aktien und Anleihen wieder stärker positiv korreliert sind und geopolitische Volatilität und fundamentale Sorgen über die Nachhaltigkeit von Staatsschulden das Kalkül der Märkte mitbestimmen, kann Gold eine wichtige Stabilisierungsfunktion im Portfolio übernehmen. Nicht jede Korrektur ist ein Warnsignal. Manche sind vielmehr der Preis dafür, in einen strukturell unterstützten Trend investiert zu bleiben.

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