Locker ist man schneller: Unternehmer und Rennfahrer Jaksch, 48. (Bild: Karl-Heinz Koch)

Sechs Sekunden dauert es, bis der dunkelblaue Dallara GP2 auf 200 Stundenkilometer beschleunigt hat. Noch brutaler aber als die Beschleunigung, die durch die ungepolsterte Carbon-Sitzschale direkt in die Wirbel knallt, ist die Verzögerung. Nur etwa zwei Sekunden dauert es, bis der Wagen von Tempo 200 wieder stillsteht. Der Pilot hängt in solchen Momenten mit dem 4,3-fachen Körpergewicht in den Gurten.

Jeder vernünftige Mensch bekommt es angesichts solcher Urkräfte mit der Angst zu tun. Das ist auch bei Wolfgang Jaksch nicht anders: «Du musst Angst haben, sonst fliegst du spätestens in Kurve zwei raus.» Jaksch sitzt entspannt im Lkw-Anhänger, in dem ausser für zwei Rennwagen auch noch Platz für ein kleines Wohnabteil ist. Wir treffen uns im belgischen Zolder, wo an diesem Wochenende zwei Rennen der Boss-GP-Serie ausgetragen werden. «Boss» bedeutet «big open single seater», also Formel-Boliden mit offen liegenden Rädern und ohne Dach, mit maximalen Motoren.

«Bungee-springen oder Wingsuit-fliegen würde ich nie im Leben.»

Vermögen mit Magnetfeldern

Er sei jedes Mal nervös, wenn er sich in den Rennwagen setze, sagt Jaksch. «Doch sobald ich aus der Box rausfahre, schiesst das Adrenalin ein, dann geht alles automatisch.» Eine gewisse Grundangst aber, die bleibe, und sie sei wichtig, um voll auf die nächste Kurve fokussiert zu bleiben, erklärt er. Wer Rennen fahre, müsse seine Angst überwinden. «Und du kannst die Angst nur überwinden, wenn du sie hast.»

Wie er da sitzt, durchtrainiert, mit modischem Kurzhaarschnitt und kumpelhaftem Habitus, wirkt Wolfgang Jaksch jünger als die 48 Jahre, die in seiner Rennlizenz stehen. Ein rasender Heisssporn, wie man es vielleicht erwarten würde, ist er indes nicht. «Als Rennfahrer musst du total offen sein für alles, musst bereit sein, eine Stunde lang nur zuzuhören, ohne reden zu können – das sind viele nicht.» Hier sieht Jaksch Parallelen zum Geschäftsleben, wo es ebenfalls darum gehe, auf andere zu hören, anstatt immer jeden Fehler selbst machen zu müssen.

Nach einer kaufmännischen Lehre hat sich Jaksch früh selbstständig gemacht, mit Anfang 20 organisierte er in ganz Deutschland Werbeveranstaltungen für den Fuji-Konzern. Mit 26 erkrankte er an Lymphdrüsenkrebs. «Das hat mich total aus der Bahn geworfen, ein Jahr lang war ich dem Tod nahe.» Es sei ein ohnmächtiges Gefühl gewesen, den Ärzten und ihrem Geschick ausgeliefert zu sein. «Ich habe ihnen vertraut, aber ich wollte selbst etwas zu meiner Gesundung beitragen», sagt Jaksch.

So sei er auf die Magnetfeldtherapie gestossen, ein alternativmedizinisches Verfahren, das in der Schulmedizin verpönt ist. («Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich nicht belegt», heisst es bei Wikipedia.) Ihm habe es gutgetan, sagt Jaksch. Er wolle nicht behaupten, dass es an der Magnettherapie liege, aber der Krebs sei bis heute nicht zurückgekommen.

«Am Ende kommt es besser raus»: Jaksch im Dallara GP2 im belgischen Zolder. (Bild: Karl-Heinz Koch)

Keine 30 Jahre alt, gründete Jaksch eine Vertriebsgesellschaft und verkaufte bestehende Magnetfeldtherapie-Systeme. Später designte er eigene Produkte. Nachdem er in Europa etabliert war, gründete er zunächst Ableger in den USA und in Kanada, dann in Singapur und in Hongkong. Seinen privaten und geschäftlichen Sitz verlegte er in die Schweiz. «Wegen der Unternehmensbesteuerung, ganz klar.» Inzwischen beschäftigt die Firma Swiss Bionic Solutions 50 Festangestellte, ihre Magnetfeldgeräte werden von 6500 Vertriebspartnern in der halben Welt verkauft.

Umsatz und Gewinn gibt Jaksch nicht bekannt, aber es müssen stolze Summen sein, denn anders liesse sich sein Hobby kaum finanzieren. Ein gebrauchter Dallara-Bolide kostet etwa 150000 Euro. Ein Frontspoiler, wie er bei einem Abflug von der Piste auch mal kaputtgeht: 15000 Euro. Ein Liter Spezialbenzin (auf einer Runde verbrennen so einige davon): 4 bis 5 Euro. Ein Reifensatz (an einem Rennwochenende verglühen ein bis zwei davon): 1500 Euro. Insgesamt kommen so pro Saison etwa 250000 Euro zusammen.

Wolfgang Jaksch leistet sich das gleich zweimal, denn er ist auch der Sponsor des heimlichen Stars bei den Boss-GP-Rennen: Seine Lebenspartnerin Veronika ist ebenfalls am Start, in einem rosa-violetten Rennwagen. Die 28-jährige Tschechin ist in Zolder einige Zehntel langsamer, auf Facebook aber etwa 14000 Fans voraus.

Auf sein Privatleben angesprochen, sagt Jaksch, er führe ein «buntes Leben, klassische Patchwork-Verhältnisse». Aus einer frühen Ehe gingen zwei inzwischen erwachsene Kinder hervor. Mit zwei weiteren Lebenspartnerinnen aus der Vergangenheit hat er eine dreizehn- und eine mittlerweile vierjährige Tochter. Ein enges Verhältnis pflegt er auch zu seinem Neffen, der die Geschäfte der Schweizer Ländergesellschaft führt.

Der Unfall von Michael Schumacher habe ihn nachdenklich gestimmt, sagt Jaksch. Er habe sich gefragt: «Was passiert, wenn ich nicht mehr bin oder nicht mehr kann? Die Antwort war: Es ist nichts geregelt.» Was mit seinem Erbe und dem Unternehmen passiere, sei bis dahin völlig unklar gewesen. «Das hilft niemandem, nicht der Firma, nicht den Nachkommen.»

«Du musst Angst haben, sonst fliegst du spätestens in Kurve zwei raus.»

Die Familie zuerst

Diese Gedanken hat der Unternehmer auch mit seinem Vertrauensmann bei seiner Hausbank besprochen. Die Bank habe ihn daraufhin umfassend beraten, «auf eine sehr menschliche und feine Art». Die Juristen von UBS Wealth Planning halfen dabei, private und geschäftliche Angelegenheiten zu trennen und ein Testament aufzusetzen, das dann bei der Bank hinterlegt wurde. Das Wichtigste sei ihm dabei «der Fokus auf Nachhaltigkeit. Lieber, alle profitieren auch 10 oder 15 Jahren noch davon als nur ein einziges Mal.» Jakschs Ziel ist, sein Unternehmen als Familienfirma zu erhalten. Alle Beteiligten wüssten nun, dass im Fall der Fälle sein Neffe die Geschäftsführung übernehme.

Es sei durchaus eigenartig gewesen, solche Themen anzusprechen, schliesslich sei er 48 und nicht 78. Viele Leute, auch und vielleicht gerade erfolgreiche Geschäftsmänner, verdrängten Tod und Krankheit. «Aber das bringt ja nix! Du musst dir Gedanken machen, solange du es noch kannst.»

Hier der besonnene Unternehmer, der mit 48 bereits für die Zeit nach dem Ableben vorsorgt, da der Rennfahrer, der durch die Gilles-Villeneuve-Schikane donnert, die zu Ehren des kanadischen Formel-1-Fahrers gebaut wurde, der 1982 an dieser Stelle zu Tode kam. Ein schizophrenes Verhalten? Kaum. Das Risiko, das die Rennfahrer eingehen, ist überschaubar. Die Carbon-Monocoques der GP2-Wagen sind fast unzerstörbar, Unfälle mit ernsten Folgen höchst selten. «Bungee-springen oder Wingsuit-fliegen würde ich nie im Leben», erklärt Wolfgang Jaksch. Er fliege seit Langem jedes Jahr etwa 150000 Meilen, «aber im Flugzeug, da hab ich immer Schiss».

Lektionen aus dem Rennsport

Parallelen zum Geschäftsleben: Jaksch. (Bild: Karl-Heinz Koch)

Das Qualifying steht an. Die Mechaniker schieben die Rennwagen aus der Box. Einer wuchtet eine im Heck steckende Kurbel herum, der V8 scheint zu explodieren. Der Rennsportnovize erhält zwei Lektionen. Erstens: Rennwagen haben keinen elektrischen Anlasser (zu schwer) – ein abgewürgter Motor bedeutet den «sudden death». Zweitens: Im Gegensatz zu Formel-1-Autos, die durch Downsizing und Hybridtechnik zu surrenden Elektrorasenmähern domestiziert wurden, machen die GP2-Autos der Hobbyfahrer noch richtigen Lärm, wobei jeder Wagen seinen eigenen, charakteristischen Klang hat.

Nach drei Runden nimmt der Lärm ab, von infernalisch auf extrem laut. Einer ist von der Strecke abgekommen, weshalb alle anderen Fahrer mittels der gelben Flagge in die Boxengasse beordert werden. Wolfgang Jaksch schüttelt den Kopf. «Zu viel Verkehr, ich musste dauernd bremsen», ärgert er sich. Seine beste Runde hat ihm nur den fünften Startplatz eingebracht.

Wenig später sitzt er mit Teamchef Ingo Gerstl und zwei Renningenieuren vor einem Laptop. Die Männer analysieren das Video, das eine am Dallara befestigte Go-Pro-Kamera aufgenommen hat, und die Telemetriedaten. Die Technik ist gnadenlos. Jede noch so kleine Lenkbewegung, jedes zu frühe Antippen der Bremse wird registriert. «Da verlierst du jetzt komplett den Speed», kommentiert der Teamchef eine Szene, bei der Jaksch eine Kurve allzu direkt angesteuert hat. «You feel fast because you fight», kritisiert einer der Ingenieure – Jaksch weiss: Wer kämpfen muss, fährt zu langsam. Locker ist man schneller. Die Lektionen auf der Rennstrecke, meint er, helfen auch im Business. So entscheide er heute viel öfter als früher aus dem Bauch heraus. «Auch wenn die Fakten am Anfang vielleicht dagegen sprechen. Am Ende kommt es besser raus.» Faszinierend sei, seine eigene Psychologie über ein Rennwochenende hinweg zu beobachten. Früher oder später komme immer der Moment, «wo es dir den Magen staucht. Du glaubst, du kannst nichts. Aber dann gibt es auch wieder den Moment, da ist es einfach nur geil, da überlegst du sonst gar nicht viel.» Das, so erfahre er dann, sei die schnellste Runde gewesen.

Vorsorgeauftrag – im Fall des Falles

Wichtige Punkte, die man regeln sollte, solange man urteilsfähig ist.

Wer, wie Wolfgang Jaksch, eine Firma führt, trägt Verantwortung weit über die eigene Person hinaus. Gegen die Risiken des Lebens ist er aber nicht gefeit: Ein unvorhersehbarer Unfall kann die Handlungsfähigkeit schwer einschränken oder ein Schlaganfall kann das Gehirn ausser Gefecht setzen. Bei seinem Kundenberater Roger Tanner von UBS in Zug fragte der Unternehmer nach: Was passiert mit der Firma, falls ich plötzlich nicht mehr urteilsfähig bin?

Die Antwort: Wenn man nicht vorgesorgt hat, kann das Unternehmen leicht zu einem Fall für die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) werden. Diese ist für die Vermögensbelange von urteilsunfähigen Personen zuständig. Ein Schreckensszenario für Wolfgang Jaksch. Er wusste genau, dass gegebenenfalls sein Neffe die Firma übernehmen sollte.

Was also tun? Das neue Erwachsenenschutzrecht, das seit Anfang 2013 in Kraft ist, hat das Instrument eines «Vorsorgeauftrags» geschaffen. Darin kann man, solange man urteilsfähig ist, festhalten, was passieren soll, wenn man die Urteilsfähigkeit plötzlich verliert. Der Vorsorgeauftrag ist also eine Art «Patientenverfügung» in nicht medizinischen Belangen:

  1. Personensorge: Festgehalten wird, wer für die Pflege, die medizinische Betreuung oder den persönlichen Kontakt zuständig ist. Darunter fällt auch der Entscheid über die Unterbringung in einem Pflegeheim.
  2. Vermögenssorge: Wer hat unter welchen Voraussetzungen Zugriff auf das Vermögen? Wie wird der Lebensbedarf finanziert? Aber auch, im Fall von Unternehmern: Wer übernimmt die Verantwortung für die Firma?
  3. Vertretung im Rechtsverkehr: Wer vertritt die Person vor Behörden und Gerichten?

Damit ein Vorsorgeauftrag gültig ist, muss er entweder komplett von Hand geschrieben oder notariell beurkundet sein. Er kann beim Zivilstandsamt registriert werden und, wie die Patientenverfügung, jederzeit geändert oder widerrufen werden.

(Text: Florian Schwab)