Werden durch COVID-19 herausgefordert: Stefan Brupbacher, Dagmar Jenni und Simon Enderli (von links). Fotos: Nik Hunger

Die Coronakrise hat für jedes Schweizer KMU andere Folgen. Es gibt vereinzelte Gewinner, doch die Schutzmassnahmen des Bundes bringen viele Unternehmen an ihre Grenzen. Rechtsstillstand, Kurzarbeit und eine gehörige Portion Pragmatismus bei der Kreditvergabe sichern den Fortbestand fürs Erste. Durchgestanden ist die Krise damit nicht, im Gegenteil: Die Auswirkungen von Corona halten an. Doch COVID-19 hat auch vielerorts die Umsetzung neuer Ideen beschleunigt – innovative Projekte wurden beinahe über Nacht aus dem Boden gestampft.

Wie sich die Krise auf ihre Branche ausgewirkt hat, erzählen Stefan Brupbacher, Direktor des Industrieverbands Swissmem, Dagmar Jenni, Geschäftsführerin des Detailhandelsverbands Swiss Retail Federation, und Simon Enderli, Präsident des Start-up-Verbands Swiss Entrepreneurs & Startup Association (SWESA).

Herr Brupbacher, was ist in Ihrer Branche geschehen seit dem Ausbruch der Coronakrise?

Die Branche wurde hart getroffen. Es konnten erstens keine Maschinen ausgeliefert und damit auch nicht in Rechnung gestellt werden. Gleiches galt für Servicedienstleistungen. Ohne Messen und Reisen brach zweitens der Verkauf ein, zudem wurden bestehende Verträge storniert. Drittens gab es Ausfälle bei den globalen und Schweizer Zulieferern. Schliesslich galt es, die BAG-Hygienevorschriften umzusetzen. Trotz allem: Unsere Unternehmen blieben – wenn auch reduziert – fast alle operativ. Ausser im Tessin gab es keinen vom Staat verordneten Lockdown. Fazit: Die letzten Monate waren eine enorm fordernde Zeit, doch richtig schwer wird es erst jetzt.

Dem stationären Handel droht eine Konkurswelle“, befürchtet Dagmar Jenni, Direktorin der Swiss Retail Federation.

Frau Jenni, wie läuft es, seit die Geschäfte wieder geöffnet sind?

Es hat sehr gut angefangen. Der Nachholeffekt hat vielen Unternehmen höhere Umsätze als im Vorjahr beschert. Doch das hielt leider nicht an: Kaum waren die Grenzen ins benachbarte Ausland wieder offen, wanderte Umsatz ab, und alles pendelte sich auf dem Niveau von 2019 ein. Mindestens fürs Erste: Denn die Nagelprobe steht dem Detailhandel erst noch bevor. Sie kommt im zweiten Halbjahr, wenn Corona-bedingte Massnahmen wie Rechtsstillstand oder COVID-19-Kredite wegfallen. Es ist eine Konkurswelle zu befürchten. Es zeigt sich: «Cash is King», und der Frage, wie man die Liquidität sichert, kommt eine zentrale Bedeutung zu. Einerseits natürlich intern, aber auch mit Banken, indem man Kreditlinien staffelt und aufgleist, sodass man in der Krise nicht erst verhandeln muss.

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Herr Enderli, wie hat sich der Lockdown auf Start-ups ausgewirkt?

Während es bei gestandenen Betrieben durch Umsatzausfälle teilweise zu Liquiditätsengpässen kam, standen Start-ups häufig vor Problemen wie ausgefallenen oder verschobenen Finanzierungsrunden. Mit der Konsequenz, dass nicht alle Start-ups die Auswirkungen von COVID-19 überleben werden. Mit einem Kahlschlag ist jedoch nicht zu rechnen. Solange die jungen Unternehmen bereit sind, Sparmassnahmen zu akzeptieren, und solange sie noch etwas Benzin im Tank haben, also über Liquidität aus früheren Finanzierungsrunden verfügen, können sie ohne Frage gut durch diese Phase kommen. Problematisch wird es erst dann, wenn die nächste Tranche entgegen allen Erwartungen ausbleibt.

Was ist der mittelfristige Ausblick der MEM-Branche?

Stefan Brupbacher: Viele Firmen, namentlich jene im Projektgeschäft, haben bisher bestehende Aufträge abgearbeitet, aber Neuaufträge fehlen. Allerdings ist jede Subbranche unterschiedlich. Die Automobilzulieferer haben es ganz schwer, während Zulieferer der Medtechindustrie ganz gut durch die Krise kamen. Grundsätzlich profitieren nur wenige MEM-Firmen von COVID-19. Der Grossteil erwartet 2020 einen Umsatzeinbruch von 20 bis 30 Prozent. Unsere Industrie ist aber krisenerprobt, und bereits 2019 war mit dem starken Franken oder dem Handelskrieg USA–China ein schwieriges Jahr. Zudem liegen Zyklen in der Natur des Investitionsgütergeschäfts. Probleme sind somit kein Hemmschuh, sondern ein Antrieb für die Suche nach Lösungen – so ticken Ingenieure.  

Frau Jenni, treibt COVID-19 das Thema Innovation im Detailhandel voran?

Ja, es wurden zahlreiche Ideen und Projekte, deren Umsetzung in Normalzeiten Monate beansprucht, blitzschnell umgesetzt. Der Möbelkonzern IKEA etwa hat «Click&Car», also online bestellen und dann vorbeifahren und abholen, innerhalb von drei Wochen aus dem Boden gestampft. Auch in kleineren Betrieben hat die verordnete Schliessung Kreativität und Agilität geweckt und zu einer grossen Dynamik geführt. Das war Wasser auf meiner Mühle: Nur eine Omni-Channel-Strategie sichert das Überleben des stationären Handels.

Auch die Start-up-Community blieb von den Auswirkungen von COVID-19 nicht verschont. SWESA-Präsident Simon Enderli sieht aber auch Positives.

Herr Enderli, was sind Ihre Erkenntnisse für künftige Geschäftsstrategien von Jungunternehmern?

COVID-19 hat gezeigt, dass der richtige Investor wichtiger ist, als man häufig denkt. Gerade in solchen Krisensituationen geht es darum, einen Partner zu haben, der einem nicht nur finanziell unter die Arme greift, sondern auch das entsprechende Know-how und die Ausdauer mitbringt, um eine Krise durchzustehen. Bis die Erholung kommt und die Finanzierungsvolumen von 2019 wieder erreicht sind, wird es sicher einige Zeit dauern. In diesem Jahr wird die Summe zurückgehen.

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Frau Jenni, erwarten Sie im Detailhandel neue Geschäftsmodelle?

Es werden sich gewisse Geschäftsroutinen ändern. Die Modegeschäfte zum Beispiel hatten das Problem, dass sie Ware abnehmen und zahlen mussten, obschon sie wegen des Lockdowns nichts verkaufen konnten. Da wird man in Zukunft wohl darüber nachdenken, neue Verträge aufzusetzen. Im Mietbereich stellt sich die Frage nach Umsatzmieten. Die Coronakrise hat allen bewusst gemacht, dass man sich generell agiler aufstellen muss, um solche Schocks abzufedern.

„Die Schweizer Industrie hat schon manche Krise überstanden, aber noch keine wie COVID-19“, sagt Stefan Brupbacher, Direktor von Swissmem.

Herr Brupbacher, welche längerfristigen Erwartungen haben Sie für die MEM-Branche?

Das müssen wir abwarten. Viele unserer Mitglieder sind oft in komplexe Produktionsstrukturen eingebunden und können nicht einfach ein neues Geschäftsmodell entwickeln. Unsere Firmen wollen kämpfen und bleiben am Ball. Die vergangenen Monate waren herausfordernd, die kommenden werden noch schwieriger.

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