Der Tüftler in seinem Element: Valentin Spiess präsentiert erste Studien für ein Vitrinenprojekt. Hinten rechts steht die weisse Kugel des «Universe of Particles» im CERN, links eine Experimentierbox für das «FarbLichtLabor» in Kooperation mit der Zürcher Hochschule der Künste. Am Boden leuchtet ein Prototyp der blauen LED-Bänder in der Messe Basel. Bilder: Dominik Hodel

Er ist neugierig, meidet ausgetretene Pfade und arbeitet am liebsten in interdisziplinären Teams. Ohne Berührungsängste bewegt er sich im Spannungsfeld von Neuen Medien, Kunst und Technologie. Und seine Kundenliste ist beeindruckend: CERN, Coca-Cola, Daimler-Benz, Expo 02, Fondation Beyeler, Messe Basel und Verkehrshaus Luzern, um nur einige zu nennen.

Valentin Spiess hat sich mit seiner 2001 gegründeten Multimediafirma iart auf die Planung und Umsetzung innovativer Kommunikationskonzepte für Ausstellungen, Museen und ausgewählte Architekturprojekte spezialisiert. «Unsere Projekte haben immer ein Publikum», freut sich der 45-jährige Tüftler. «Dieses zu begeistern, fasziniert mich an meiner Arbeit am meisten.»

Welcher Branche sein florierendes Unternehmen zuzurechnen sei, bezeichnet Spiess schmunzelnd als «eine der kniffligsten Fragen überhaupt». Grundsätzlich befasse man sich mit «medialen Inszenierungen», versucht sich der gelernte Elektroingenieur an einer Definition, fügt aber vergnügt hinzu: «Jedes Projekt ist anders, deshalb hängen unsere Lösungen schlussendlich immer vom Einzelfall ab.»

Blick auf das Unsichtbare

Die Belegschaft der Basler Kreativschmiede setzt sich vor allem aus Elektrotechnikern, Softwareentwicklern und Designern zusammen, weshalb sie sich mit einem hoch spezialisierten Ingenieurbüro vergleichen lässt. Zu Spiess’ Credo gehört, dass sämtliche Schlüsselkompetenzen inhouse verfügbar sein müssen. «Das heisst nicht, dass wir alles in Eigenregie machen», präzisiert er. «Aber wir wollen nie in eine Situation kommen, in der uns jemand sagt, etwas sei technisch unmöglich, ohne dies selbst beurteilen zu können.»

Mit seinen Inszenierungen für renommierte Museen und internationale Grossanlässe verfolgt Spiess kein geringeres Ziel, als das Unsichtbare sichtbar zu machen. So entwickelte er mit seinem Team für Sotschi 2014 eine kinetische Fassade, mit der sich Selfies von Olympiabesuchern dreidimensional und in Realtime auf der Aussenhülle eines Gebäudes abbilden liessen. Dann wieder sorgt er im öffentlichen Raum mit ausgeklügelten Lichtinstallationen für Furore oder verzückt Museumsbesucher mit animierten Bedienelementen und interaktiven Vermittlungsinhalten.

Schon als Kind war Spiess ein kleiner Technikfreak, zerlegte Plattenspieler und alte Röhrenfernseher. Durch seinen Bruder, einen bildenden Künstler, kam er mit der Basler Kreativszene in Kontakt. Nach seiner Ausbildung zum diplomierten Elektroingenieur HTL schlug Valentin Spiess zunächst eine Industrielaufbahn ein. Schon bald verlegte er sich aber darauf, Künstler aus seinem Bekanntenkreis bei der technischen Umsetzung ihrer Ideen, insbesondere Videoinstallationen oder Kunst-am-Bau-Projekten zu unterstützen. Nachdem er sich 2001 selbstständig gemacht hatte, gelang Spiess der berufliche Durchbruch an der Landesausstellung Expo 02, wo er an mehreren Grossprojekten beteiligt war.

Der neueste Wurf von iart: die Installation des blauen Globus mit 112 Monitoren an der Ausstellung «Media World» im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern.

Kultur des Experimentierens

«Es interessiert mich, neue Wege zu gehen», verkündet der Daniel Düsentrieb der Schweizer Ausstellungsszene, dessen aufstrebendes Ingenieurbüro inzwischen mehr als 40 Spezialisten beschäftigt. Am Anfang eines Auftrags sei oftmals unklar, worum es eigentlich geht, verrät Spiess. Diese Unbestimmtheit lasse sich nur mit einer «agilen Vorgehensweise» managen. Neben intellektueller Neugier und Offenheit sei dafür de facto eine Kultur des Experimentierens erforderlich. «Wir probieren aus, testen, forschen und entwickeln so schrittweise etwas Neues, das die Projektvision optimal zur Geltung bringt.»

Um Kreativität zu fördern und den Gründerspirit der wachsenden Firma zu erhalten, setzt Spiess auf eine flexible projektorientierte Organisationsform mit flacher Hierarchie und selbstverantwortlichen Teams, die sich dynamisch formieren und je nach Projektstand verändern lassen. «Wir sind dazu verdammt, das Rad immer wieder ein Stück weit neu zu erfinden», räumt der Chef von iart ein. «Nur wenn wir Lösungen präsentieren, die über den Status quo hinausgehen, bleiben wir konkurrenzfähig.»

«Nur mit Lösungen, die über den Status quo hinausgehen, bleiben wir konkurrenzfähig.»

Valentin Spiess, Gründer iart

Kollaborative Innovation

Zukunftsweisend ist auch sein jüngstes Vorhaben. Mit dem Ziel, ein «Kompetenzzentrum für kollaborative Innovation» zu betreiben, hat Spiess die Tochterfirma Fluxdock AG ins Leben gerufen, die sich in zwei Stockwerken des neuen Transitlagers eingemietet hat. Von den insgesamt 80 Arbeitsplätzen im Fluxdock beansprucht iart etwa die Hälfte für sich. Die übrigen können von Klein- und Mittelbetrieben langfristig oder projektbezogen gemietet werden.

«Wir gehen davon aus, dass es bei Schweizer KMU ein grosses, kaum ausgeschöpftes Innovationspotenzial gibt», erklärt der vielseitig begabte Chefingenieur. Und genau dieses Potenzial will er mit Fluxdock anzapfen. «Mit unseren Methoden und Prozessen schaffen wir eine Plattform, die es KMU ermöglichen soll, über Firmen und Branchen hinweg zusammenzuarbeiten.»

Nicht nur als Visionär und Verkäufer unkonventioneller Ideen weiss dieser Mann zu überzeugen. Valentin Spiess ist auch ein talentierter Redner, Motivator und Brückenbauer. «Die Vermittlungsaufgabe steht im Zentrum meiner beruflichen Tätigkeit», bekräftigt er. Gekonnt vermittelt er tagtäglich zwischen Ausstellungsmachern, Architekten und Bauherren – und versöhnt so erfolgreich Kunst und Kommerz.

MegaFaces in Sotschi 2014

Dreidimensionale Selfies von Olympiabesuchern werden an der kinetischen Fassade des MegaFaces-Pavillons im Olympiapark von Sotschi nachgebildet. Diese erste grossflächige 3-D-LED-Wand der Welt ist eine digitale, skulpturale und architektonische Innovation von iart in Zusammenarbeit mit dem Londoner Architekten Asif Khan.

  • 18 × 8 Meter grosses bewegliches «Nagelkissen»
  • 11 000 teleskopische Zylinder mit leuchtenden LED-Kugeln
  • 3-D-Selfies 3500% grösser als die Originale
  • 3-D-Fotoautomaten in Sotschi und ganz Russland
  • Eröffnung: 7. Februar 2014
  • Auftraggeber: MegaFon, Russland
  • 11 internationale Awards, unter anderem Media Architecture Biennale Awards 2014 und Cannes Lions Innovation Grand Prix 2014