Überdurchschnittlich viele Patentanmeldungen, hohe Forschungs- und Entwicklungsausgaben, exzellente Ausbildungsstätten und eine hohe Verfügbarkeit von Fachkräften verleihen der Schweiz seit Jahren den Ruf eines Innovationschampions. Doch die Konkurrenz im Ausland schläft nicht: In den letzten Jahren hat sich der Vorsprung auf Länder wie Schweden, Dänemark, Finnland und Deutschland merklich verringert.

Weltläufigkeit als Bumerang

Schweizer Firmen geniessen nicht nur die Vorteile einer hervorragend ausgebauten Infrastruktur am Heimatstandort. Zu ihren traditionellen Stärken gehört auch ein relativ einfacher Zugang zu internationalen Märkten und Ressourcen. Durch die Globalisierung von Innovation und Technologien könnte sich aber gerade die Schweizerische Aussenorientierung als Bumerang erweisen.

Exodus von Forschung und Entwicklung

1989 tätigten Schweizer Firmen bereits stattliche 46 Prozent ihrer Forschungs- und Entwicklungsausgaben (F&E) im Ausland. 2012 waren es schon 54 Prozent. Bedrohliche Folge dieser Entwicklung: Schweizer Firmen geben heute mehr für F&E jenseits der Landesgrenzen aus, als in- und ausländische Unternehmen zusammen in der Schweiz investieren (siehe Infografik).

Die Schweiz sollte für F&E-Investitionen aus dem Ausland attraktiver werden

Einwärts gerichtete F&E-Intensität gegenüber auswärts gerichteter F&E-Intensität, 2012

Quellen: OECD und BFS, in Anlehnung an Dachs et al., 2012

Einwärts gerichtete F&E-Intensität: Ausgaben der ausländischen Privatwirtschaft für F&E-Aktivitäten in der Schweiz im Vergleich zu den gesamten Ausgaben der inländischen und ausländischen Privatwirtschaft für F&E in der Schweiz (inward BERD/total BERD; BERD = Business Enterprise Expenditure on Research and Development). Intensität <25%; entspricht dem internationalen Mittelfeld.

Auswärts gerichtete F&E-Intensität: Ausgaben der schweizerischen Privatwirtschaft für F&E-Aktivitäten im Ausland im Vergleich zu den gesamten Ausgaben der inländischen und ausländischen Privatwirtschaft für F&E in der Schweiz (outward BERD/total BERD). Intensität >100%.

Mehr ausländische Direktinvestitionen

Für den Forschungsstandort Schweiz ist die anhaltende Abwanderungstendenz fatal. Will das Land seine Position als Innovationschampion behaupten, muss es in Zukunft gelingen, vermehrt ausländische F&E-Direktinvestitionen von Unternehmen wie beispielsweise Google anzuziehen.

Öffnung der Innovationsprozesse

Zudem müssen forschungsintensive Firmen im Inland ihre Innovationsprozesse öffnen und damit beginnen, vermehrt in Geschäftsmodellen zu denken. Offene Innovationsprozesse erfordern eine frühzeitige Integration von Kunden und Lieferanten, eine verstärkte Zusammenarbeit mit externen Innovationspartnern und ein gezieltes Zurückgreifen auf internetbasierte Hilfsmittel wie ‹Crowd Sourcing›.

Alleingang nicht mehr möglich

Gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) überlegen es sich zweimal, bevor sie sich externen Partnern öffnen und ihr Knowhow preisgeben. Oftmals zu recht, ist es für sie doch ungleich schwieriger, sensible Technologien effektiv zu schützen und diese Schutzrechte in kostenintensiven Prozessen gegebenenfalls auch durchzusetzen. Ausserdem fehlt es vielen KMU an den nötigen Ressourcen, um externe Wissens- und Technologiequellen strategisch zu nutzen. Tatsache ist aber auch, dass Innovationsprozesse heutzutage oft zu komplex und zu teuer sind, als dass ein Hersteller sie noch alleine durchziehen könnte. In diesem Spannungsfeld gilt es die richtige Balance zu treffen.

Gesucht: innovative Geschäftsmodelle

In einer digitalisierten Welt gehen wirtschaftliche Erfolgsgeschichten tendenziell weniger auf einzigartige Technologien oder Produkte zurück. Stattdessen gründen sie immer öfter auch auf innovativen Geschäftsmodellen: Amazon wurde zum grössten Buchhändler der Welt ohne ein einziges Ladengeschäft. Uber revolutionierte die Taxibranche ohne eigene Taxis oder gar Taxifahrer. Und Skype ist der grösste grenzüberschreitende Kommunikationsanbieter der Welt ohne eigenes Netzwerk.

Schweizer Unternehmen sind traditionell stark in Technologie- und Produktentwicklung, jedoch relativ schwach im Erfinden von neuen Geschäftsmodellen. Will die Schweiz in Sachen Innovation weiterhin top bleiben, sollten Unternehmen vermehrt auch dies in Betracht ziehen.