Europäischen Zentralbank (EZB). Bild: Thinkstock


Seit die Weltwirtschaft vor acht Jahren in die globale Finanzkrise gerutscht ist, haben die Zentralbanken noch immer alle Hände voll zu tun, um gegen die Nachwirkungen der Krise anzukämpfen. In Europa stemmt sich Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), mit monatlichen Anleihekäufen von 80 Mrd. Euro gegen eine vermeintlich drohende Deflation. In Japan hat die Zentralbank jüngst nicht nur Anleihen und weitere Vermögenswerte aufgekauft, sondern auch die Zinsen ins Negative gedrückt.

Doch entgegen den Erwartungen wertete der Yen nicht ab, sondern wurde stärker. Eine Reaktion, die bei vielen Beobachtern den Verdacht erhärtet, dass den Notenbanken allmählich die Munition ausgehen könnte. Kritiker argumentieren, dass die jüngsten Massnahmen der Notenbanken und insbesondere Negativzinsen mehr Schaden verursachen als Nutzen stiften. Man denke nur an die dramatischen Folgen von Negativzinsen für die Pensionskassen.

Erfolg der USA lockt Nachahmer

Durchaus erfolgreich – weil sehr früh und aggressiv eingesetzt – waren die unkonventionellen geldpolitischen Massnahmen der Amerikaner. Mit drei Wellen quantitativer Lockerung von 2009 bis 2013 schaffte es die US-Notenbank Fed, die weitgehend illiquiden Kreditmärkte wieder funktionstüchtig zu machen. Mittels massiv reduzierter Zinsen wurden die Anleger in risikoreichere Anlageklassen gedrängt und über Vermögenseffekte der Konsum und die Bauinvestitionstätigkeit wieder angekurbelt. Die US-Wirtschaft erholte sich dank dieser frühen und sehr starken geldpolitischen Medizin vergleichsweise gut.

Dennoch wird inzwischen selbst in den USA mit Blick auf eine mögliche nächste Konjunkturabkühlung hitzig über den Einsatz von Helikoptergeld diskutiert. Auch EZB-Präsident Mario Draghi wurde jüngst mehrfach darauf angesprochen und gefragt, ob die EZB das Konzept prüfe.

Nächste Eskalationsstufe droht

Mit dem Begriff Helikoptergeld wird plakativ die Vorstellung verbunden, dass der Notenbankvorsitzende mit einem Hubschrauber übers Land fliegt und haufenweise Dollar-, Euro- oder eben Schweizer Frankennoten abwirft, die dann von den Konsumenten aufgesammelt und idealerweise gleich für Konsumausgaben verwendet werden.

Würden Notenbanken effektive zu einer derart drastischen Eskalation in der geldpolitischen Stimulierung greifen, täten sie dies natürlich etwas subtiler. Beispielsweise, indem der Fiskus den privaten Haushalten Steuern erlässt oder rückerstattet und die Notenbank die entstehenden Defizite im Staatshaushalt durch den Kauf weiterer Staatsanleihen finanziert.

Damit würden Notenbanken nicht mehr versuchen, die Privathaushalte und Unternehmen einer Wirtschaft indirekt – also über tiefe Zinsen und den Kauf von Vermögenswerten – zu mehr Ausgaben zu verleiten. Vielmehr würden sie direkt die Konsumenten finanzieren, die dann mit einem wesentlichen Teil des geschenkten Geldes ihre Ausgaben tätigen würden. Varianten von Helikoptergeld könnten dafür eingesetzt werden, Firmen zu Investitionen zu animieren oder direkt Infrastrukturprojekte zu finanzieren.

«Geld direkt zu verteilen, ist ein äusserst rabiates Mittel, das unkontrollierbare Inflationserwartungen schüren könnte.»

Daniel Kalt, UBS Chefökonom Schweiz

Gefährlicher Brandbeschleuniger

Geld direkt zu verteilen, ist ein äusserst rabiates Mittel, um die Konsumausgaben anzukurbeln. Denn es könnte bei den Leuten unkontrollierbare Inflationserwartungen schüren: «Wenn ich das Geld heute nicht ausgebe, werden die Anbieter angesichts der offensichtlichen Geldschwemme morgen die Preise erhöhen und die Kaufkraft meiner Geldscheine schwindet rapide», dürften sich die Konsumenten sagen.

Damit wird klar, dass Helikoptergeld auch brandgefährlich sein kann. Mit der schon bisher enormen Geldmengenausweitung haben die Notenbanken vor allem eine Inflation bei den Preisen für Vermögenswerte (Aktien und Immobilien) verursacht. Die Teuerung bei den Konsumgütern ist bislang noch sehr zahm geblieben. Der Ölteppich ist jedoch ausgelegt. Helikoptergeld könnte in diesem Umfeld der zündende Funke sein und wie ein Brandbeschleuniger für ein Ansteigen der Inflation sorgen. Insofern darf Helikoptergeld erst zum Einsatz kommen, wenn der Patient Weltwirtschaft wirklich erneut vor einer Depression stünde.

Ordnungspolitisch bedenklich…

Abgesehen davon gibt es eine Reihe grundsätzlicher Einwände gegen das Konzept. Im Prinzip verteilt der Staat damit in einer ähnlichen Art und Weise Geld, wie er es beim bedingungslosen Grundeinkommen tun würde, über welches das Schweizer Stimmvolk anfang Juni in einer Volksabstimmung zu befinden hat. Wesentlicher Unterschied: Die Finanzierung läuft nicht über dafür notwendige massive Steuererhöhungen, sondern direkt über die Notenpresse der Zentralbank. Diese begibt sich damit aber in eine gefährliche politische Abhängigkeit. Ausserdem dürfte auch die Glaubwürdigkeit einer auf Preisstabilität ausgerichteten Notenbank erheblich leiden.

… und kaum praxistauglich

Nicht zuletzt sind rechtliche Schwierigkeiten mit dem Konzept verbunden. Insbesondere im Euroraum, wo wir es mit einer Währungsunion ohne zugrundeliegende Fiskalunion zu tun haben, ist äusserst fraglich, ob sich Helikoptergeld aus juristischer Optik überhaupt umsetzen lässt. Denn es ist der EZB grundsätzlich verboten, direkt den Staatshaushalt zu finanzieren, was bei einer praxistauglichen Umsetzung von Helikoptergeld wohl unumgänglich ist.

Fazit: Auch wenn Helikoptergeld ein theoretisch denkbares Konzept sein mag, sind in der Praxis erhebliche geldpolitische Risiken sowie rechtliche Hürden damit verbunden.