Zeit zum Handeln: Die Globalisierung fordert Unternehmer und Politik. (Bild: Jos Schmid)

Der Niedergang des Industriestandorts Schweiz wurde schon oft heraufbeschworen – und ebenso oft wieder vertagt. Wie ernst ist die Lage?

Hans Grunder: Die Situation, in der wir heute stecken, ist bedrohlicher, als viele glauben. Kurzfristig betrachtet, sind die Auftragsbücher der Schweizer Firmen zwar noch immer relativ gut gefüllt. Was die Zukunft angeht, habe ich hingegen kein gutes Gefühl.

Der Glanz verblasst: Noch vor ein paar Jahren war die Schweiz als Standort für ausländische Unternehmen sehr beliebt. Doch die Zahl der Neuansiedlungen und die der neu angesiedelten ausländischen Unternehmen geschaffenen Arbeitsplätze gehen seit Jahren deutlich zurück.

Was veranlasst Sie zur Skepsis?

HG: Die schleichende Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, die mit der Frankenstärke einhergeht, ist für den Wirtschaftsstandort Schweiz eine Riesengefahr. Zahlreiche Firmen tun dies heute im Stillen, ohne es an die grosse Glocke zu hängen. Ich bezweifle, dass die Öffentlichkeit diesen Exodus bereits in seinem ganzen Ausmass realisiert hat.

Christine Novakovic: Betrachtet man die aktuelle Erwerbstätigenstatistik, so könnte man meinen, dass in den letzten Jahren nichts Schlimmes passiert ist. Man könnte fragen: «Was soll die Aufregung? Es herrscht doch nach wie vor Vollbeschäftigung.» Schaut man sich die Zahlen jedoch genauer an, wird klar, dass die Beschäftigtenzahl in der Privatwirtschaft heute auf dem Niveau von 1991 liegt. Geschrumpft ist vor allem die Industrie. In der öffentlichen Verwaltung dagegen stieg die Zahl der Beschäftigten im gleichen Zeitraum um 41 Prozent. Wir müssen Sorge tragen, dass die Erwerbstätigkeit in der wertschöpfenden Industrie wächst und nicht nur in der Verwaltung sowie im Sozial- und Gesundheitswesen.

HG: Dieser kontinuierliche Aufbau von Verwaltungsstellen bereitet mir grosse Sorgen. Wenn wir es fertigbringen, innerhalb von vier Jahren 26 000 neue Stellen in der Verwaltung zu schaffen, dann bewegen wir uns – salopp gesagt – in Richtung Griechenland. So etwas schlägt sich nieder, und zwar nicht nur in den Lohnkosten des Bundes, sondern auch in der Wirtschaft, welche all die zusätzlich geschaffenen Gesetze und Verordnungen auszubaden hat. Ich halte diese Entwicklung für absolut fatal. Wenn es die Politik nicht schafft, hier das Ruder rasch und bestimmt herumzureissen, sehe ich schwarz für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Schweiz.

Herr Holenstein, teilen Sie diese Besorgnis?

Thomas Holenstein: Absolut. Die anhaltende Frankenstärke macht einer wachsenden Zahl von Exportfirmen ernsthaft zu schaffen. Die betroffenen Unternehmer fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Dabei ist der überbewertete Franken nicht das einzige Problem. Berechtigte Sorgen machen sich viele Unternehmer auch über die bevorstehende Reform der Unternehmenssteuer und den zu erwartenden Fachkräftemangel. Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe von Firmenchefs aufzählen, die ihrer früheren Überzeugung untreu geworden sind und sich von der Schweiz abwenden, um das langfristige Überleben ihres Unternehmens zu sichern.

Schweizer Firmen passen sich den durch die Globalisierung veränderten Rahmenbedingungen an. Werten Sie das nicht positiv?

CN: Wenn sich Firmen der Globalisierung stellen und mit ihrem Geschäft ins Ausland expandieren, verschiebt sich damit auch ihre Wertschöpfungskette. Bestimmte Produktionsschritte finden nicht mehr hierzulande statt, sondern anderswo auf der Welt. Dieser Prozess lässt sich schwer aufhalten. Anstatt darüber zu klagen, sollte man sich in der Politik vermehrt die Frage stellen, wie der heimische Wirtschaftsstandort auch unter den veränderten Rahmenbedingungen prosperieren kann – zum Beispiel über Forschungs- und Entwicklungsausgaben, die weiterhin in der Schweiz getätigt werden, oder über Dividendenausschüttungen und Gewinnsteuererträge, die hier anfallen, obschon die Arbeitsplätze anderswo sind.

Wie gross ist der politische Handlungsbedarf?

HG: Wir haben es mit einer Kumulation von Problemen und Negativnachrichten für die Schweizer Wirtschaft zu tun. Die damit verbundene Unsicherheit ist Gift für den Wirtschaftsstandort – vor allem auch in Bezug auf die Neuansiedlung von Unternehmen. Wichtige Trümpfe der Schweiz wie Rechtssicherheit und Planungssicherheit stechen nicht mehr. In Kombination mit der Währungsproblematik ergibt sich daraus ein gefährliches Gemisch. Vor diesem Hintergrund kann ich nicht verstehen, dass man in Bern diese Fragen auf die lange Bank schiebt und nicht versucht, möglichst schnell Klarheit zu schaffen.

CN: Namentlich die Unklarheit beim Verhältnis zur EU und bei der künftigen Ausgestaltung des bilateralen Wegs hat dazu geführt, dass die Neuansiedlung ausländischer Unternehmen stark zurückgegangen ist. Früher war die Schweiz einer der gesuchtesten Standorte weltweit. Das hat sich in den letzten Jahren geändert, insbesondere weil die Planungssicherheit und Berechenbarkeit auf rechtlicher und politischer Seite abgenommen hat.

Benötigen kleine und mittlere Betriebe in dieser Situation staatliche Hilfe?

TH: Es führt kein Weg daran vorbei, dass eine wachsende Zahl von Schweizer KMU in Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien Fuss fasst und lernt, dort zu lokalen Bedingungen konkurrenzfähig zu produzieren. Ein Teil des Geldes, das sich im Ausland verdienen lässt, fliesst an die Mutterhäuser zurück und ermöglicht es so, Arbeitsplätze in der Schweiz zu erhalten. Hier müsste eine zeitgemässe Standortförderung ansetzen. Das übergeordnete Ziel besteht nicht in der Auslagerung, sondern im langfristigen Erhalt von Arbeitsplätzen in der Schweiz. Dies so zu kommunizieren, dass es weder falsch verstanden noch populistisch ausgeschlachtet wird, erscheint mir allerdings äusserst schwierig.

Wie könnte der Staat die KMU wirkungsvoll unterstützen?

TH: Pfannenfertige Rezepte gibt es keine. Umso mehr sollten wir beginnen, uns Gedanken darüber zu machen. Anstatt wie heute Hunderte von Millionen Franken in ausländische Aktien zu investieren, könnte man etwa die Schweizerische Nationalbank dazu verpflichten, einen begrenzten Teil ihrer Reserven in mittelständische Betriebe im Inland zu investieren. Eine andere Idee wäre die Schaffung von Schweizer Industrieparks im Ausland. Angeschoben durch die öffentliche Hand, könnten sich dort verschiedene Firmen in einem Cluster vereinen und gegenseitig von ihrer Auslandserfahrung, ihren Beziehungen und ihrem länderspezifischen Know-how profitieren.

Wer würde dabei die Moderatorenrolle übernehmen?

TH: Warum nicht die Banken, die über das nötige Know-how und einen riesigen Pool an Spezialisten verfügen? Ich verstehe nicht, warum gerade die Schweiz, die über eine der weltweit am besten entwickelten Finanzindustrien verfügt, es bisher nicht verstanden hat, diese mit der staatlichen Exportförderung zu verknüpfen.

CN: Es stimmt, dass die Schweizer Finanzindustrie im internationalen Vergleich gut aufgestellt ist, vor allem im Investment Banking und im Wealth Management der beiden Grossbanken. Tatsache ist aber auch, dass es in der Schweiz keine einzige Bank gibt – nicht einmal UBS –, die im Firmenkundengeschäft wirklich global agiert. Dies im Unterschied zu etlichen amerikanischen und auch europäischen Mitbewerbern. Wir haben darin eine Lücke erkannt und sind daran, diese zu schliessen. UBS verfügt heute in Hongkong, Singapur, Frankfurt und New York über spezialisierte Teams, die gerade auch für KMU-Kunden den Zahlungsverkehr durchführen sowie Handels- oder Exportfinanzierungen anbieten.

«Die Politik muss sich vermehrt die Frage stellen, wie der Schweizer Wirtschaftsstandort unter den veränderten Rahmenbedingungen prosperieren kann.»

«Der kontinuierliche Aufbau von Verwaltungsstellen bereitet mir grosse Sorgen.»

«Das übergeordnete Ziel besteht nicht in der Auslagerung, sondern im langfristigen Erhalt von Arbeitsplätzen.»

Hans Grunder ist Gründer und Chef des Ingenieurunternehmens Grunder Ingenieure AG. Seit 2007 amtet er als Nationalrat (SVP, dann BDP) und war von 2008 bis 2012 Präsident der BDP.

Thomas Holenstein ist Partner und Chef der Unternehmensberatung Generis AG. 1997 bis 2015 war er Wirtschaftsförderer des Kantons Schaffhausen, der einzige in der Schweiz mit einem privatwirtschaftlichen Mandat. Heute berät er Schweizer KMU bei ihren Aktivitäten in China.

Christine Novakovic leitet nach einer internationalen Bankkarriere bei UBS seit 2011 den Bereich Firmen- und institutionelle Kunden. Seit 2014 ist sie auch Chefin der Investment Bank Schweiz.