Bierrevoluzzer: Philip Bucher (rechts) und sein Geschäftspartner Jörg Schönberg wollen die Art und Weise verändern, wie wir Schweizer Bier konsumieren und über das Gebräu reden – eine sanfte Bierrevolution. (Bilder: Jos Schmid)

«Kristallklar, kupferrot, malzig, blumig in der Nase und feinherb im Geschmack», preist Philip Bucher die Vorzüge von Chopfab Amber, einem Spezialitätenbier aus seiner aufstrebenden Kleinbrauerei. «Dieses Bier passt zu fast jedem Hauptgang, zu Geflügel genauso wie zu rotem Fleisch, zu Risotto und Käsegerichten», empfiehlt der Gründer und Geschäftsführer der Winterthurer Doppelleu Brauwerkstatt AG.

In Rekordzeit hat sich der ETH-Ingenieur als Bierproduzent einen Namen gemacht. Gerade mal drei Jahre sind vergangen, seit er den Entschluss fasste, eine aussichtsreiche Industriekarriere an den Nagel zu hängen. Buchers Ziel: auf eigenes Risiko und eigene Rechnung unternehmerisch tätig zu werden. Er sollte es nicht bereuen. Seit dem Produktionsstart im Frühjahr 2013 wächst der Umsatz seiner Start-up-Brauerei zweistellig – viel schneller als geplant. Mit dem Resultat, dass sich der vom Erfolg überrundete Jungunternehmer bereits dazu veranlasst sieht, in eine zweite, wesentlich grössere Brauanlage zu investieren.

Erlesener Aromahopfen, modernste Produktionsanlagen, ein deutscher Braumeister und vor allem eine ausgeklügelte Marken- und Marketingstrategie: Philip Bucher setzt mit seiner Brauwerkstatt Doppelleu in Winterthur konsequent auf aussergewöhnliche Qualität. (Bilder: Jos Schmid)

Dabei ist Philip Bucher einer, der gewöhnlich nichts dem Zufall überlässt. «Ich habe mir lange überlegt, in welchem Bereich ich ein Unternehmen aufbauen wollte», verrät der heute 41-jährige Firmeninhaber. In jungen Jahren hatte Buchers Interesse ganz den naturwissenschaftlich-technischen Fächern gegolten. Aufgewachsen im Kanton Zürich, hatte er sich nach der Matura für ein Maschinenbaustudium an der ETH entschieden und sich anschliessend auf Betriebs- und Produktionswissenschaften spezialisiert. «Vieles, was man wissen muss, um eine Fabrik zu betreiben, konnte ich mir im Studium aneignen: vom Betriebslayout über die Logistik bis hin zur Automatisierung der Prozesse und zum Programmieren der Software.»

Nach seiner akademischen Ausbildung, die er mit einer Doktorarbeit über «Innovationsmanagement» krönte, verdiente sich Bucher beim Werkzeughersteller Hilti die Sporen.

«Unmöglich, dass ein Bier mir der Bezeichnung Chopfab aus dem Ausland kommt. Genau solche Finessen sind am Ende entscheidend.»

Der Traum von der eigenen Firma

Dann wechselte er zu Geberit, dem weltweit führenden Anbieter von Sanitärinstallationen, wo er die Funktion des Marketingleiters übernahm. «Mit einem Team von 35 Spezialisten habe ich vom Konzernhauptsitz in Jona aus alle weltweiten Geberit-Kampagnen konzipiert, entwickelt und ausgerollt», berichtet der heutige Bierfabrikant rückblickend nicht ohne Stolz. Ein hochinteressanter, gut bezahlter Job mit zahlreichen Auslandsreisen. Ein tolles Team, engagierte Mitarbeiter und ein ausgesprochen charismatischer Chef. Warum gibt man einen derartigen «Traumjob» freiwillig auf? «Es war schon immer mein Wunsch, eines Tages meine eigene Firma zu leiten», begründet Bucher. «Deshalb arbeitete ich eine Zeit lang für gut geführte Unternehmen mit starken Marken und guter Profitabilität. Mein Ziel war es, dort möglichst vieles aufzuschnappen, zu lernen und zu verinnerlichen.»

Nachdem die Idee, eine Spezialitätenbrauerei zu gründen, herangereift war und Bucher auch schon etliche Modellrechnungen angestellt hatte, weihte er im Herbst 2011 den langjährigen Freund Jörg Schönberg in ­seine Pläne ein. Schönberg, damals Vertriebsleiter eines Zürcher Medienhauses, war für die Bierbrauidee sofort Feuer und Flamme.

Marktnische mit Riesenpotenzial

Ihre Aufgabenteilung im gemeinsam gegründeten Unternehmen erklärt Bucher so: «Wir sind Geschäftspartner und treffen alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam. Jörg verantwortet hauptsächlich den Vertrieb, ich die anderen Unternehmensbereiche.»

Was die Produkte betrifft, orientieren sich die beiden konsequent an den boomenden Märkten für Bierspezialitäten – den sogenannten Craft-Bieren, wie man sie heute in grosser Zahl in den USA, Skandinavien und Belgien findet. Geschmacklich unterscheiden sich diese innovativen Erzeugnisse vom globalen Standard «Lager hell» insbesondere durch die Verwendung von Aromahopfen. Dieser verleiht dem Bier einen überraschend fruchtigen Geschmack – und eröffnet eine Marktnische mit riesigem Wachstumspotenzial.

Den Nerv der Zeit getroffen

«Betrachtet man die Entwicklung und Dynamik ausländischer Biermärkte, so musste unser Modell auch in der Schweiz fast unausweichlich funktionieren», sieht sich der promovierte ETH-Ingenieur rückblickend bestätigt. Kommt dazu: Produkte aus der Region zu konsumieren, entspricht heute einer mehrheitsfähigen Haltung, während es anonyme Importerzeugnisse in der Konsumentengunst eher schwer haben. Seine florierende Brauwerkstatt sei in verschiedener Hinsicht genau das Gegenteil eines gesichtslosen Grosskonzerns, argumentiert Bucher. «Wir sind ein inhabergeführtes Schweizer Unternehmen. Und unser Produkt trägt einen typisch schweizerischen Namen. Unmöglich, dass ein Bier mit der Bezeichnung Chopfab aus dem Ausland kommt. Genau solche Finessen sind am Ende entscheidend.»

Revolution des Bierkonsums

Unterschiedliche Aspekte hätten ihn schlussendlich zum Bier geführt, erklärt der Jungunternehmer seine Hinwendung zum Gerstensaft. Besonders gefalle ihm die Beschäftigung mit einem «emotionalen Produkt». Einem Genussmittel, bei dem sich die Präferenzen der Kundschaft beeinflussen lassen: zum Beispiel durch einen gezielten Markenaufbau, die Namensgebung oder eine originelle Verpackung.

Was Philip Bucher und seinem Kompagnon längerfristig vorschwebt, ist eine sanfte nachhaltige Revolution. «Es ist unser Wunsch, die Art und Weise zu verändern, wie Schweizer Bier konsumieren und auch über Bier reden. Wir möchten den Wandel, der in diesem Markt gegenwärtig zu greifen beginnt, mit unseren Produkten mitprägen und beschleunigen.»

Vom Erfolg überrollt 

Nach einem Maschinenbaustudium an der ETH Zürich begann Philip Bucher, 41, seine Berufskarriere bei Hilti und arbeitete sich danach bei Geberit zum Leiter des globalen Marketings hoch. 2012 kündigte er seine Kaderstelle und gründete mit seinem langjährigen Kollegen Jörg Schönberg die Doppelleu Brauwerkstatt AG in Winterthur. Anfang 2013 lief die Produktion an, im März startete der Verkauf – mit durchschlagendem Erfolg: Im April 2013 wurde Doppelleu offizieller Bierpartner der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft. Wenige Monate nach dem Verkaufsstart stiess die erste Brauanlage an ihre Kapazitätsgrenze von 6000 Litern pro Tag. Anfang 2014 fand das obergärige Chopfab Eingang in die Regale von Coop in der Region Zürich und im Frühjahr 2014 erhielt Doppelleu das Qualitätslabel «SEF. High-Potential KMU». Das inhabergeführte Start-up wächst umsatzmässig zweistellig und beschäftigt 14 Mitarbeitende.