
Europäische Aktien sind für Anlegerinnen und Anleger selten Dreh- und Angelpunkt einer strategischen Vermögensallokation. In einem ausgewogenen CHF-Portfolio beispielsweise liegt ihr strategisches Gewicht bei lediglich rund 3 Prozent. Das ist kein Zufall: Aus globaler Sicht bleibt Europa im Vergleich zu den USA – und zunehmend auch zu Asien – kleiner, weniger wachstumsstark und in zentralen Zukunftssektoren weniger relevant. Wer langfristig Vermögen aufbaut, sollte europäische Aktien deshalb nicht überbewerten. Gleichzeitig wäre es aber ebenso falsch, sie zu ignorieren. Gerade weil die strategische Ausgangsposition bescheiden ist, können taktische Opportunitäten in Europa einen spürbaren Mehrwert bieten, sofern sie selektiv und diszipliniert umgesetzt werden.
Und aktuell spricht einiges dafür, europäische Aktien wieder genauer anzuschauen. Erstens hat sich die konjunkturelle Ausgangslage verbessert. Sinkende Inflationsraten, stabilere Energiepreise und eine weniger restriktive Geldpolitik schaffen ein freundlicheres Umfeld für Unternehmen und Konsumenten. Sogar die Wirtschaftszahlen haben unlängst wieder positiv überrascht, nachdem sie zuletzt wegen des Konflikts im Nahen Osten hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind. Zweitens dürfte sich die Gewinnentwicklung verbreitern. Die jüngste Rally wurde stark von einigen wenigen Titeln und vom Enthusiasmus rund um künstliche Intelligenz getragen. Doch die nächste Phase könnte breiter abgestützt sein, insbesondere wenn sich Frühindikatoren in der Industrie weiter stabilisieren und Investitionen wieder anziehen.
Besonders interessant bleiben europäische Industriewerte. Sie profitieren von mehreren strukturellen Trends: dem Ausbau von Stromnetzen, der Elektrifizierung, Reindustrialisierung, den Verteidigungsausgaben und der Infrastruktur rund um Rechenzentren. Auch ausgewählte Konsumwerte verdienen Aufmerksamkeit. Hohe Sparquoten, steigende Realeinkommen und eine mögliche Erholung im Luxussegment können die Nachfrage stützen. Hinzu kommen die jüngsten Entwicklungen in Deutschland: Nach Jahren der Wachstumsschwäche könnten höhere Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung sowie eine zyklische Erholung der Industrie den Gewinnausblick verbessern. Für Schweizer Anleger ist zudem wichtig, dass europäische Engagements eine gewisse Diversifikation gegenüber dem heimischen Markt bieten, der stärker von defensiven Qualitätswerten geprägt ist.
Dennoch bleibt Europa mit strategischen Herausforderungen konfrontiert. Die Eurozone leidet weiterhin unter strukturell niedrigem Trendwachstum, ungünstiger Demografie, fragmentierten Kapitalmärkten, einem beachtlichen Reformbedarf, einer hohen Regulierungsdichte und einer geringeren Innovationsdynamik. Energieabhängigkeit und geopolitische Verwundbarkeit sind zwar geringer als noch vor wenigen Jahren, aber bei Weitem nicht verschwunden. Zudem kann die Fiskalpolitik nur dann nachhaltig unterstützen, wenn sie wachstumsfördernd eingesetzt wird und nicht bloss bestehende Haushaltslasten vergrössert. Gerade Verteidigungsausgaben sind diesbezüglich eher problematisch. Auch die Unternehmenslandschaft bleibt heterogen: Neben global führenden Nischenchampions gibt es viele Unternehmen mit begrenzter Preissetzungsmacht und niedriger Produktivität.
Unsere Schlussfolgerung lautet deshalb: Anleger sollten europäische Aktien durchaus auf dem Radar haben. Sie spielen aber in einem diversifizierten Portfolio eine eher untergeordnete Rolle. Eine neutrale strategische Gewichtung ist weiterhin angemessen; wer jedoch taktisch agieren möchte, kann selektiv auf Bereiche setzen, in denen strukturelle Nachfrage, politische Unterstützung und verbesserte Gewinnerwartungen zusammenkommen. Industriewerte, ausgewählte Konsumtitel, Qualitätstitel in der Schweiz und Deutschland sowie Unternehmen mit Bezug zu Verteidigung, Automatisierung, Elektrifizierung und künstlicher Intelligenz erscheinen dabei besonders interessant. Entscheidend ist, Europa nicht als homogenen Block zu kaufen, sondern gezielt die Nutzniesser des Wandels zu identifizieren. Dann kann selbst eine kleine Allokation einen relevanten Beitrag zur Portfoliorendite leisten.