
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat gerade entschieden, die Leitzinsen um 25 Basispunkte zu erhöhen. Nun rückt die Frage in den Vordergrund, ob auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) und die US-Notenbank Fed ähnlich auf den Ölpreisschock reagieren werden. Die Märkte preisen mittlerweile auch für diese Zentralbanken höhere Zinsen ein, doch obwohl der Auslöser derselbe ist, dürften ihre geldpolitischen Antworten unterschiedlich ausfallen. Das kann Implikationen für Anlegerinnen und Anleger haben.
Die Ausgangslage dürfte aktuell für viele Notenbanken ähnlich sein: Solange es im Nahen Osten keine glaubwürdige Perspektive auf eine Deeskalation gibt, bleibt der Weg zu tieferen Energiepreisen verstellt. Zwar reagiert die Inflation nicht in jedem Land gleich sensitiv auf höhere Energiepreise – in der Schweiz beispielsweise ist diese Abhängigkeit sehr tief –, trotzdem dürfte der Druck auf die Zentralbanken, die geldpolitischen Zügel zu straffen, vielerorts zunehmen. Und obwohl der Inflationsschock noch nicht flächendeckend erkennbar ist, hat seine Präsenz in den letzten Wochen zugenommen. In den Köpfen der Konsumenten, Politiker und Anleger.
Die EZB fühlte sich offensichtlich zum Handeln gezwungen, obwohl die Konjunktur in Europa im Moment nur wenig Stärke ausstrahlt. Sie wollte möglicherweise verhindern, dass aus einem Preisschock ein Glaubwürdigkeitsproblem wird, auch weil die Erinnerungen an den Ölpreisschock vom Jahr 2022 noch präsent sind. Vor diesem Hintergrund dürfte ein vorsorglicher Zinsschritt durchaus sinnvoll sein: Ein Schritt, mit dem die EZB signalisiert, dass sie auf steigende Inflationsrisiken reagiert, auch wenn das Wachstumsumfeld fragil bleibt.
In den USA liegt der Fall anders. Auch dort haben die Inflationsrisiken zugenommen und auch dort ist der Einfluss höherer Energiepreise spürbar. Aber die Fed agiert unter einem Doppelmandat – und dieses erfordert eine ausgewogenere Gewichtung zwischen Vollbeschäftigung und Inflation. Trotz der zuletzt starken Arbeitsmarktzahlen ist der Druck auf die Löhne aktuell tiefer als 2022 und das Risiko für Zweitrundeneffekte damit geringer. Im Gegensatz zum Markt, der bis Jahresende einen Zinsschritt einpreist, erwarten wir darum dieses Jahr keine Leitzinserhöhung. Das heisst aber nicht, dass die Marktlage deshalb entspannt wäre: Wie die letzten Wochen gezeigt haben, kann bereits eine Verzögerung der erwarteten Zinssenkungen zu Turbulenzen an den Aktienmärkten führen, Wechselkurse verschieben und Zinsen bewegen.
Für die Schweizerische Nationalbank ist die Ausgangslage unseres Erachtens noch klarer: Hier halten wir eine Veränderung der Leitzinsen für unwahrscheinlich. Das hat vor allem zwei Gründe. Erstens ist die Inflation in der Schweiz tief und die Inflationserwartungen bleiben fest verankert. Zweitens wirkt der starke Franken weiterhin als Puffer gegen den importierten Preisdruck. Damit ist die geldpolitische Ausgangslage für die SNB anders als für die EZB; leicht höhere Inflationserwartungen und etwas Frankenschwäche dürften hier sogar willkommen sein.
Unser Fazit? Die Inflationsrisiken haben zugenommen. Und mit jeder Woche, die ohne glaubwürdiges Friedensabkommen im Nahen Osten vergeht, geraten Zentralbanken in eine schwierigere Position. Dennoch erwarten wir weder von der Fed noch von der SNB eine geldpolitische Änderung und auch die EZB dürfte mit ihren tatsächlichen Zinsänderungen hinter den aktuell erwarteten zwei Erhöhungsschritten bleiben. Die Kommunikation der Entscheide wird ebenfalls relevant sein: Die Fed könnte vorerst argumentieren, dass sie ihre geldpolitischen Zügel nicht lockern wird und damit – zumindest kurzfristig – für höhere Zinsen und eine weitere Dollaraufwertung sorgt. Die SNB dürfte sich dagegen nicht gegen einen schwächeren Franken zur Wehr setzen; dafür ist die Währung zu teuer und die Inflationserwartungen zu tief. Für die Aktienmärkte kann das bedeuten, dass die Zentralbanken vorerst die aktuelle Markteuphorie eher dämpfen, als sie zu unterstützen. Angesichts der drohenden volkswirtschaftlichen Konsequenzen im Falle einer anhaltenden Energiekrise halten wir eine ausgeprägte Straffung der Geldpolitik aber für unwahrscheinlich. Und bei einem Friedensabkommen im Mittleren Osten dürften die Erwartungen für weitere Zinsschritte rasch nach unten revidiert werden. Anleger sind darum unserer Meinung nach gut beraten, auf Phasen mit erhöhter Volatilität gelassen zu reagieren und stattdessen an ihrer Anlagestrategie festzuhalten. Denn an den strukturellen Trends, die unter anderem Richtung höhere Aktienkurse, eines stärkeren Frankens und auch eines wieder erstarkten Goldpreises deuten, dürfte all dies wenig ändern.