
Anlegerinnen und Anleger aus Europa und dem Nahen Osten sind nach wie vor mit einem komplexen Anlageumfeld konfrontiert. Die unmittelbaren Sorgen gelten der Dauer und dem Ausmass von Unterbrechungen der Energieversorgung im Nahen Osten. Doch selbst wenn der Iran-Konflikt ein Ende findet, werden hartnäckige Fragen wieder aufkommen, welche Unternehmen durch die Disruption der künstlichen Intelligenz gestärkt oder geschwächt werden. Das gilt auch für die Sorgen hinsichtlich der weiteren Entwicklung und Tragbarkeit der Staatsschulden.
Das Basisszenario des Chief Investment Office (CIO) lautet, dass die Aktienmärkte das Jahr höher schliessen und die Anleiherenditen niedriger liegen werden. Wir bleiben jedoch wachsam, was mögliche negative Wechselwirkungen betrifft: Anhaltend höhere Ölpreise könnten das Wachstum bremsen, die Renditen steigen lassen sowie fiskalpolitische und Bonitätsbedenken verschärfen. Auf kurze Sicht werden die ölpreissensitiven Teile der Weltwirtschaft am meisten betroffen sein. Die breiter angelegten wirtschaftlichen Auswirkungen einer Ölverknappung hängen jedoch vom Konsumentenverhalten und der erwarteten Dauer des Schocks ab. Wenn die Ölpreise für länger als sechs Monate über USD 120 je Barrel verharren, könnte dies ernsthafte Folgen für die Inflation und das Wachstum haben, insbesondere in Europa und in Asien. Eine fiskalpolitische Unterstützung könnte den Schlag abfedern, was jedoch zu Lasten der Haushaltsdefizite ginge.
In einem positiven Szenario würde eine Kombination aus militärischen und politischen Massnahmen die Schifffahrt wiederherstellen, während die regionale Eskalation verhalten ausfallen und sich die Schäden an der Energieinfrastruktur in Grenzen halten würden. Ein negatives Szenario würde sich hingegen durch anhaltende Instabilität und beharrliche Unterbrechungen der Ölversorgung auszeichnen, was schwerwiegendere Folgen für die Märkte hätte.
Anstatt sich für ein einziges Ergebnis zu positionieren, sollten sich Anleger der Region unseres Erachtens auf mehrere Marktentwicklungen vorbereiten und sich mit den Auswirkungen auf ihre individuellen finanziellen Ziele und die Portfolios auseinandersetzen, mit denen sie diese Ziele erreichen wollen.
Entwicklung eines Aktionsplans
Diversifiziert bleiben
Diversifikation ist nach wie vor der Grundpfeiler robuster Portfolios. Das CIO empfiehlt ein breiteres Aktienengagement über Sektoren, Regionen und Anlagestile hinweg. Dazu gehört, über US-Technologie hinauszublicken, globale Industriewerte und US-Versorger aufzustocken und das Engagement in Asien, Japan und China auszubauen sowie nach zuverlässigeren Erträgen zu suchen. In den USA bevorzugen wir auch das Gesundheitswesen, zyklische Konsumgüter und Finanzwerte. Für Anleger mit konzentrierten Positionen scheint uns jetzt die Zeit gekommen, zu diversifizieren und neu zu gewichten.
Rohstoffe stellen unseres Erachtens eine wichtige Absicherung gegen Inflation und Angebotsschocks dar. Insbesondere Gold dürfte seine Rolle als geopolitische Absicherung wieder aufnehmen, da die Nachfrage der Zentralbanken und Befürchtungen angesichts der steigenden globalen Verschuldung das Edelmetall stützen. Industriemetalle wie Kupfer bieten ein Engagement in die Themen Elektrifizierung und Energiewandel. Wir halten an einer breiten Rohstoffallokation fest und bevorzugen ein aktives Management, um Abweichungen auf Sektorebene und einige der besonderen Komplexitäten von Rohstoffanlagen zu meistern.
Staatsanleihen, insbesondere im kurz- bis mittelfristigen Segment, können Diversifikation und Erträge bieten. Trotz der jüngsten Abverkäufe würden Benchmarkrenditen wahrscheinlich fallen, falls die Krise überwunden wird oder sich die Wachstumssorgen verschärfen.
Bei alternativen Anlagen halten wir diversifizierende Strategien in Hedge Funds wie Discretionary Macro, Relative Value und Equity Market Neutral für besonders vorteilhaft. Diese könnten insbesondere für Anleger aus dem Nahen Osten interessant sein, deren «Diversifikationsvorteil» durch das Halten von höheren US-Dollar-Beträgen begrenzter ist. Langfristig orientierte Anleger, die sich über eine erneut steigende Inflation Sorgen machen, sollten auch private Infrastruktur in Betracht ziehen, deren langfristige Cashflows an die Inflation gebunden sind und periodisch neu festgelegt werden.
Alternative Anlagen sind mit spezifischen Risiken behaftet, was auch Illiquidität umfasst. Anleger müssen in der Lage und bereit sein, diese Risiken zu tragen.
Marktrisiken absichern
Die Volatilität wird wahrscheinlich erhöht bleiben, da die Märkte die Auswirkungen höherer Energiepreise, des KI-Wettbewerbs und des Stresses an den Anleihenmärkten verarbeiten. Anleger sollten Absicherungen in Betracht ziehen, um das Risiko von Verlusten bei Aktien, Währungen und Rohstoffen zu begrenzen. Dazu könnten der Einsatz strukturierter Strategien mit Kapitalerhaltungsmerkmalen, ein angemessenes Engagement in hochwertigen Anleihen und Allokationen in Gold gehören.
Frühjahrsputz bei Aktienpositionen
Das CIO hält Aktien insgesamt weiterhin für «Attraktiv», legt jedoch Wert auf regionale und sektorale Diversifikation. Wir haben europäische Banken von «Attraktiv» auf «Neutral» herabgestuft. Nach einer starken Performance sind die Bewertungen weniger überzeugend und die Anlegerpositionen überlaufen. Selbst bescheidene negative Überraschungen – ob gesamtwirtschaftlich oder sektorspezifisch – könnten ausgeprägtere Korrekturen auslösen, während Positionen aufgelöst werden. Zwar bleiben die Gewinndynamik und das Kapitalniveau solide, das Risiko-Rendite-Profil hat sich jedoch verschlechtert. Anleger mit einem übermässigen Engagement in europäischen Banken sollten eine Verringerung ihrer Positionen in Betracht ziehen. Wir bevorzugen stattdessen «führende europäische Unternehmen» aus verschiedenen Sektoren, wie Verteidigungstitel, um ein Engagement in strukturelles Wachstum und Diversifikation zu erhalten.
Auf einen kurzfristig stärkeren US-Dollar ausrichten
Da die Nahostkrise anhalten könnte, ist eine Positionierung für eine kurzfristige Aufwertung des US-Dollars möglicherweise eine wirksame Absicherung für Anleger mit dem Euro als Basiswährung. Der US-Dollar profitiert in der Regel von Zufluchtskäufen bei geopolitischem Stress und Marktunsicherheit. Positionen, die Gewinne erzielen, wenn der US-Dollar aufwertet, können Verluste anderswo im Portfolio abfangen, wenn der Konflikt anhält oder sich ausweitet.
Zwar ist die Zukunft ungewiss und die Risiken sind erhöht, jedoch ist die Empfehlung des CIO eindeutig: Bleiben Sie investiert, diversifizieren Sie und sichern Sie sich ab. Der Versuch, Marktkorrekturen zeitlich abzupassen, führt oft zu verpassten Chancen und erhöhten Risiken. Wenn Anleger Konzentrationsrisiken steuern, in Qualitätsanleihen, Rohstoffe, Gold sowie alternative Anlagen investieren und gezielt Positionen kürzen, falls dies angemessen ist, können sie aktuelle Herausforderungen meistern und Portfolios positionieren, um zukünftige Chancen zu nutzen – selbst wenn es zu erneuter geopolitischer Unsicherheit kommen sollte.