
Während bis vor kurzem Anlegerinnen und Anleger vor allem dem US-Arbeitsmarktbericht oder den Entscheidungen der grossen Zentralbanken entgegengefiebert haben, ist inzwischen ein anderes Ereignis daran, den traditionellen Highlights des Finanzmarktkalenders den Rang abzulaufen: die Veröffentlichung der Quartalszahlen der Technologiefirma Nvidia.
Letzte Woche war es wieder so weit. Nvidia gab seine Resultate für das zweite Quartal bekannt. Das Technologieunternehmen vermeldete einen um 56 Prozent höheren Umsatz als im Vorjahr. Trotzdem verlor die Aktie in der Folge an Boden. Nvidia macht mittlerweile 8 Prozent des US-Aktienmarkts aus, die «Glorreichen Sieben», welche die dominanten US-Technologiefirmen umfassen, gar 35 Prozent. Das illustriert, wie ausgeprägt inzwischen der Optimismus im Hinblick auf die künstliche Intelligenz (KI) ist.
Für diejenigen, die zur Jahrtausendwende die Finanzmärkte verfolgt haben, werden unschöne Erinnerungen an die Dotcomblase Anfang der 2000er-Jahre wach. Die Verbreitung des Internets weckte damals die Hoffnung auf eine durch hohe Produktivitätszuwächse gekennzeichnete «New Economy». Dadurch entstand ein Hype um Internetunternehmen und letztendlich eine Spekulationsblase, die im Jahr 2000 platzte und zu massiven Wertverlusten an den Aktienmärkten führte.
Daraus stellt sich zwangsläufig die Frage, ob uns bei der künstlichen Intelligenz ein ähnliches Schicksal erwartet: Droht uns eine KI-Blase?
Heute sind zwar Parallelen, aber auch klare Unterschiede zur Situation vor 25 Jahren zu beobachten. Einzelne Aktien verzeichnen den gleichen kometenhaften Kursanstieg wie die Titel der Dotcom-Ära. Die Rally der «Glorreichen Sieben» wird aber von einem deutlich höheren Gewinnwachstum unterstützt als damals. Auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der heutigen Technologiegiganten ist deutlich niedriger als bei den Marktführern auf dem Höhepunkt der Dotcomblase. Microsoft, Cisco, Lucent, Nortel und AOL verfügten im Jahr 1999 über ein durchschnittliches KGV – auf Basis der erwarteten Gewinne – von 82x. Dieses war damit deutlich höher als jenes der «Glorreichen Sieben» von 28x in den letzten zwölf Monaten. Aus unserer Sicht spricht damit wenig dafür, dass die Märkte sich heute in einer Blase befinden.
Hinzu kommt, dass eine der typischen Ursachen für das Platzen einer Blase höhere Zinsen sind. In der Dotcom-Ära hob die US-Notenbank Fed die Leitzinsen zwischen Juni 1999 und Mai 2000 um 1,75 Prozentpunkte an, was den Absturz einläutete. Das aktuelle geldpolitische Umfeld unterscheidet sich deutlich von der Situation damals. Wir gehen davon aus, dass die Fed die Leitzinsen in den kommenden Monaten um rund 1 Prozentpunkt senken wird.
KI hat das Potenzial, die Wirtschaft und die Märkte grundlegend zu verändern und eine Wachstumsdynamik zu generieren, an der Anleger mit einem breit diversifizierten Portfolio partizipieren können. Wer noch nicht am Markt engagiert ist, kann allfällige Rückschläge nutzen, um sich am Markt zu beteiligen.
Trotzdem dürfen die Risiken nicht unterschätzt werden. Im Jahr 2000 lösten Investitionskürzungen, Überkapazitäten und enttäuschende Gewinne einen Vertrauensverlust in die «New Economy» aus. Auch bei KI-Aktien besteht kurzfristig das Risiko von Über- und Fehlinvestitionen. Dazu gesellen sich im Moment politische und wirtschaftliche Risiken. Damit kommt der Diversifikation eine elementare Rolle zu, allfällige Rückschläge abzufangen.
Gut zu wissen:
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) gibt an, wie viel Anleger für den aktuellen oder geschätzten Nettogewinn pro Aktie («Gewinn») einer Firma bezahlen («Kurs») und wird in der Regel als Vielfaches des Gewinns ausgedrückt, zum Beispiel bedeutet 15x, dass der Aktienkurs 15-mal den Gewinn beträgt. Ein tiefes KGV ist ein Hinweis auf eine unterbewerte Aktie, ein hohes KGV auf eine überbewertete Aktie. Das KGV von Aktien aus verschiedenen Branchen oder von Firmen mit unterschiedlichem Gewinnwachstum ist schwierig zu vergleichen, weshalb das KGV oft benutzt wird, um festzustellen, ob eine Aktie (oder ein Sektor oder eine Region) im Vergleich zur eigenen Vergangenheit günstig oder teuer bewertet ist.
