Moderne Wirtschaftssysteme sind auf Kredite angewiesen. Ob Handel, Investitionen, Bildung, Wohnen und Konsum: vieles wird mit Hilfe von Krediten finanziert. Die weltweite Krise von 2008 fiel aufgrund des Verlustes von Finanzkrediten so bedrohlich aus. Wie in den 30er-Jahren liefen Handelskredite aus, und Unternehmen hatten Mühe, kurzfristige Darlehen zu erhalten. Die Möglichkeit eines strukturellen Zusammenbruchs der Wirtschaft war zeitweise real.

Finanzkredite für Unternehmen sind jedoch nicht die einzige Form von Krediten. Darlehen sind in ganz unterschiedlicher Form vorhanden. Wenn etwa der Lebensstandard von morgen verringert wird, um den heutigen Lebensstandard zu erhöhen, handelt es sich um einen Kredit. Ein Verbraucher nimmt für die Zukunft eine verringerte Kaufkraft hin, um seine gegenwärtige Kaufkraft zu steigern.

«Umweltkredite stellen heute eine Bedrohung der Weltwirtschaft dar.»

Paul Donovan, Global Chief Economist UBS Wealth Management

Doch Kredite können auf jede Form der zeitlichen Verlagerung von Lebensstandards angewendet werden. Auch bei der Umwelt nehmen wir Kredite auf.

Umweltkredite entstehen durch einen nicht nachhaltigen Einsatz von ökologischem Kapital. Wir wissen, dass die Entnahme von Wasser aus einem Grundwasserleiter, die Verbrennung von Öl oder eine Überbewirtschaftung von Ackerflächen zu einer Verringerung der künftigen Lebensstandards führen wird. Diese Verschlechterung der künftigen Lebensstandards nehmen wir in Kauf, um unseren heutigen Lebensstandard zu erhöhen.

Nur: Umweltkredite stellen heute eine Bedrohung der Weltwirtschaft dar. Und diese Bedrohung ist ernster als die Risiken, die Finanzkredite in sich bergen. Die Lebensstandards, von denen wir heutzutage profitieren, könnten zusammenbrechen.

«Wir sind von Ressourcen abhängig, die es morgen nicht mehr geben wird.»

Paul Donovan, Global Chief Economist UBS Wealth Management

In der Schuldenfalle

Für unseren heutigen Lebensstandard verbrauchen wir etwa 150 Prozent der verfügbaren erneuerbaren Energien. Mit anderen Worten: Ein Drittel unseres heutigen Lebensstandards verdanken wir allein Umweltkrediten. Wir sind von Ressourcen abhängig, die es morgen nicht mehr geben wird. Wir handeln wie eine Person, die ihren Lebensstil Jahr für Jahr durch ein Darlehen in Höhe von 50 Prozent ihres Einkommens finanziert.

Das Risiko besteht nun in der möglichen Verknappung des ökologischen Kapitals; mit womöglich weitreichenderen Konsequenzen als bei der Finanzkrise 2008/2009. Eine Kreditverknappung tritt ein, wenn die Zukunft keine Darlehen mehr vergeben kann, um gegenwärtige Lebensstandards zu verbessern.

«Die Auswirkungen ökologischer Grenzen auf den Lebensstandard lassen sich bereits erkennen.»

Paul Donovan, Global Chief Economist UBS Wealth Management

Wenn die Menschen heute nachhaltig leben müssten und nicht mehr als ihr tatsächliches ökologisches «Einkommen» ausgäben, würden die Lebensstandards weltweit um ein Drittel sinken. Wenn man das Bevölkerungswachstum der nächsten dreissig Jahre berücksichtigt, könnten zukünftige Lebensstandards sogar um die Hälfte sinken; sofern sich die Dinge nicht nachhaltig ändern.

Die Auswirkungen ökologischer Grenzen auf den Lebensstandard lassen sich bereits erkennen. Chinas Projekt, im grossen Stil Öl und kohlebefeuerte Kraftwerke zu errichten, scheiterte. Nicht etwa, weil die Öl- und Kohlebestände erschöpft wären, sondern wegen einer Verknappung des zur Kühlung der Anlagen benötigten Wassers. China ist nicht in der Lage, gleichzeitig Elektrizität zu erzeugen und Nahrungsmittel anzubauen. Die Nahrungsmittelproduktion im Westen der USA ist durch Wasserverknappung eingeschränkt. Die Verschmutzung hat in den Grossstädten gesundheitliche Probleme zur Folge, welche die Produktivität verringern und nur mit erheblichem Kostenaufwand korrigiert werden können; wenn überhaupt. Diese Einschränkungen der Wachstumsmöglichkeiten sind lediglich Hinweise auf das mögliche Ausmass der Folgen, die eine «ökologische Kreditkrise» nach sich ziehen könnte.

Die Inanspruchnahme von Umweltkrediten kann so nicht weitergehen. Trotzdem können Lebensstandards beibehalten oder sogar verbessert werden. Wirtschaftswissenschaftler haben eine Lösung gefunden. Sie besteht in einer neuen Art von Wachstum, die auf Innovation und Effizienz ausgerichtet ist. Diese Form des Wachstums könnte unsere Abhängigkeit von Umweltdarlehen reduzieren.

Beim innovativen Wachstum geht es darum, mit weniger Energie mehr Leistung, mit weniger Rohstoffen mehr Produkte zu erzeugen. Genau das ist erforderlich, wenn wir unseren Lebensstandard aufrechterhalten wollen, ohne uns auf Umweltkredite zu verlassen. Die Digitalisierung und die virtuelle Wirtschaft tragen dazu bei. Die ökologischen Kosten für den Besitz eines Musikalbums sind heute geringer als vor zehn Jahren. Vor zehn Jahren haben Verbraucher eine fertige CD gekauft; inklusive Plastik, Verpackung und Transport. Heute laden Verbraucher das Album direkt auf ihren iPod. Downloads sind in ökologischer Hinsicht zwar nicht vollständig kostenlos, doch die innovative, immaterielle Wirtschaft hat den ökologischen Preis für das Beziehen von Musik gesenkt.

«Die naheliegenden Lösungen für die Abwendung der drohenden Umweltkreditkrise heissen Innovation und Effizienz.»

Paul Donovan, Global Chief Economist UBS Wealth Management

Am Beispiel Lebensmittel

Unsere Art, heute mit Umweltressourcen umzugehen, ist von Ineffizienz und Verschwendung geprägt. Nahezu die Hälfte der in den USA produzierten Nahrungsmittel wird weggeworfen. Aber auch im Entwicklungsland Indien wird die Hälfte der Nahrungsmittelproduktion vergeudet. Die indische Vertriebskette ist so ineffizient, dass das Essen verdirbt, bevor es zum Verbraucher gelangt. Die Reduktion von Nahrungsmittelabfällen in beiden Ländern würde den Energie und Wasserbedarf in der Landwirtschaft und in der Nahrungsmittelproduktion massiv reduzieren. Gleichzeitig könnten die Folgen der produktionsbedingten Verschmutzung eingedämmt werden. Effizienz – zum Beispiel über die Verringerung von Abfall – ist gleichbedeutend mit einer verringerten Inanspruchnahme von Umweltkrediten.

Die Menschheit steht vor einer schwerwiegenden Entscheidung. Wir können in ökologischer Hinsicht nicht weiter «auf Kredit» leben und die naheliegenden Lösungen für die Abwendung der drohenden Umweltkreditkrise heissen Innovation und Effizienz.

Paul Donovan

ist Global Chief Economist bei UBS Wealth Management.