Industrie 4.0 Industrie 4.0 als grosse Chance

ETH-Professor Konrad Wegener über Big Data und das Internet der Dinge.

Prof. Dr. Konrad Wegener leitet das Institut für Werkzeugmaschinen und Fertigung der ETH Zürich. Er erforscht die Optimierung von Werkzeugmaschinen, cyberphysikalische Produktionssysteme und die additive Fertigung. Bild: ETHZ

Alle reden von Industrie 4.0. Warum gerade jetzt, im Jahr 2016?

Konrad Wegener: Es geht um die Verknüpfung der industriellen Fertigung mit dem Cyberspace. Das Resultat nennt sich Internet der Dinge oder Internet of Things (IoT). Eine Schlüsselfunktion nehmen Sensoren ein und diese sind in den letzten Jahren zunehmend günstiger geworden. Was vor zehn Jahren noch Franken gekostet hat, ist heute für Rappen zu haben. Das Gleiche gilt für Prozessoren. Sie werden immer billiger und verbrauchen immer weniger Strom, was den dezentralen Einsatz begünstigt. Und natürlich führt die Ausrufung eines Megatrends unter einem so griffigen Titel wie Industrie 4.0 zu einem sich selbst verstärkenden Effekt. Auf einmal zeigen viele unterschiedliche Entwicklungen in eine gemeinsame Richtung.

Das Internet der Dinge hebt ab

Quelle: Statista 2016

Sie haben die Bedeutung der Sensorik angesprochen. Sensoren liefern Daten, aber keine Informationen …

Wegener: Da liegt der Hund begraben: Big Data ist kein Wert an sich. Entscheidend ist vielmehr, dass ein Unternehmen die Messpunkte an den richtigen Stellen setzt und mit einer intelligenten Software auswertet.

Im Zusammenhang mit der digitalen Transformation wird häufig von Disruption gesprochen. Halten Sie einen disruptiven Wandel auch in der Metall- und Elektroindustrie für möglich?

Wegener: Zunächst einmal ist jede Entwicklung evolutionär. Die Frage lautet nur, wie schnell sie abläuft und wie breit sie unterschiedliche Branchen und Technologien erfasst. Klar ist aber, dass sich auch die Metall- und Elektroindustrie stark wandeln wird. Google baut heute sogar Autos. Was wird Internetunternehmen hindern – so, wie es Uber in der Personenbeförderung macht –, in der Industrie datenbasierte Dienstleistungen anzubieten wie beispielsweise kostengünstige Auswertungen über die Verfügbarkeit von Maschinen und Anlagen? Dann wird die einzelne Maschine zum blossen Rohstoff. Das lukrative Aftersales-Geschäft geht für die Maschinenbauer verloren.

Dazu müssten die Besitzer der Maschinen ihre Daten herausgeben. Ist das realistisch?

Wegener: Im Moment sicher nicht. Aber man muss nur sehen, wie bereitwillig wir im Privatleben Daten gegen kostenlose Dienstleistungen austauschen.

Malen Sie nicht etwas allzu schwarz?

Wegener: Ich denke nicht, nein. Der Prozess der Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Sie und ich, wir sind doch heute schon Cyberphysical Subjects. Und unsere Kinder noch viel mehr. Nehmen Sie denen mal ihren Internetzugang weg, dann erkennen Sie, wie sich unsere traditionelle Industrie aus Sicht der Industrie 4.0 zeigt.

Die Reise vom Kinderzimmer in die Fabriken ist lang …

Wegener: …, aber sie hat schon begonnen, wie uns das Beispiel des 3-D-Drucks belegt. Wer 3-D drucken will, kann sich das Know-how und die Programme für die Fertigung einzelner Teile ganz einfach im Internet besorgen. Und wenn Sie Ihre Teile herstellen lassen wollen, finden Sie Plattformen, auf denen Sie online Angebote einholen und Bestellungen absetzen können.

«Wer 3-D drucken will, besorgt sich das Know-how und die Programme einfach im Internet. »

Wer entwickelt diese Programme und Apps?

Wegener: Jeder kann solche Software ins Internet stellen und ein Geschäft daraus machen. Es müssen weder die Hersteller der 3-D-Druckmaschinen noch deren Betreiber sein. Dieser Trend wird die ganze Produktionstechnik erfassen.

Solche Szenarien sorgen für Handlungsdruck. Was raten Sie den Schweizer Unternehmern?

Wegener: Wenn sich Wertschöpfungsketten verändern, tun sich immer neue Nischen auf. Deswegen ist Industrie 4.0 auch eine Chance! Industrieunternehmen sollten das IoT ernst nehmen und sich über entsprechende technologische Entwicklungen auf dem Laufenden halten.

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