Kleine Farmen für jede Stadt

Fisch und Gemüse vom städtischen Flachdach: Die Vordenker der Farmhäuser von Urban Farmers sind Forscher der ZHAW.

Auf dem Dach des Basler Lokdepots produziert Urban Farmers Fisch und Gemüse, die in der Migros Dreispitz verkauft werden. Frische Fische gehen auch an mehrere Basler Restaurants.

«Es läuft», ist CEO Roman Gaus vom Erfolg des jungen Unternehmens begeistert. Die 2011 von ihm und Andreas Graber gegründete Urban Farmers ist heute mit zehn Mitarbeitenden schon in der Schweiz, den Beneluxländern und den USA vertreten. Urban Farmers entwickelt, verkauft und betreibt Farmhäuser, die dank ihrem geschlossenen Wasserkreislauf nahezu überall in einer Stadt aufgebaut werden können. Flachdächer eignen sich wegen der Lichtverhältnisse besonders gut.

Basler Farmproduktion geht an Migros und Gourmettempel

Als Pilotprojekt entstand 2013 im Lokdepot Basel das erste Farmhaus. Die 250 Quadratmeter grosse Anlage liefert eine Jahresproduktion von fünf Tonnen Gemüse und 850 Kilogramm Fisch. Das entspricht dem Jahresbedarf von 100 Menschen in der Schweiz. Verkauft werden die Produkte im MParc Dreispitz. Ausserdem beziehen die Restaurants Schmatz, Schifferhaus und Osteria Acqua Gemüse und Fisch aus der Urban-Farmers-Plantage.

Fisch und Gemüse punkten mit Geschmack und Frische

«Die Kunden-Feedbacks aus dem Testverkauf bei der Migros Basel waren hervorragend und sehr ermutigend», erinnert sich Gaus. Vor allem der eigentliche USP – Frische und Geschmack – hätten die Konsumenten besonders überzeugt. Binnen Kurzem habe man über 50 Prozent der Kunden als Stammkunden gewinnen können. Die Preise lagen dabei teilweise sogar bis zu 20 Prozent über denen vergleichbarer Bio-Produkte aus dem normalen Migros-Sortiment. Auf der Farm in Basel arbeiteten in den vergangenen zwei Jahren auch mehr als 20 Praktikanten aus verschiedenen Staaten. Zwei davon wechselten bereits ins Team von Urban Farmers, einige studieren jetzt an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft (ZHAW) in Wädenswil und wollen nach ihrem Studienabschluss zur Firma zurückkehren.

Aquaponics-Farm braucht im Alltag fast nur Licht, Wasser und Energie

«Geschlossene Kreisläufe sind ökologisch sehr wertvoll», sagt Andreas Graber, Forschungsdirektor von Urban Farmers. Die Farmhäuser nutzen die sogenannte Aquaponics-Technologie, an der er während seiner langjährigen Forschungstätigkeit an der ZHAW forschte. Damit eine Aquaponics-Farm Lebensmittel liefert, sind lediglich Tageslicht, Wasser, Strom, Fischfutter, Pflanzen und Fische nötig.

Salatpflanzen wachsen hydroponisch – also ohne Boden – heran. Sie ernähren sich vom «Abwasser» der Fischtanks und reinigen es gleichzeitig.

Der Begriff Aquaponics ist aus den Wörtern «Aquakultur» (Fischzucht in Wasserbecken) und «Hydroponic» (Pflanzenzucht im Wasser, Hydrokultur) zusammengesetzt. Die Pflanzen erhalten das durch die Ausscheidungen der Fische mit wichtigen Nährstoffen angereicherte Wasser. Diese Stoffe sind für die Fische teilweise giftig, werden aber von Pflanzen und dort siedelnden Mikroorganismen aufgenommen. Dann fliesst das Wasser wieder in die Fischtanks. Auf diese Weise können die Pflanzen mit bis zu 90 Prozent weniger Wasser gedeihen, als wenn sie in Erdreich wurzeln würden. Während den Pflanzen keine weiteren Nährstoffe verabreicht werden müssen, erhalten die Fische ein rein pflanzliches Futter. Und obwohl Fische und Pflanzen so das gleiche Wasser nutzen, schmecken die Tomaten keineswegs nach Fisch.

KTI-Projekt setzt Forscherteam auf grundsätzliche Fragen an

Am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR) der ZHAW in Wädenswil wurde seit 1994 am Aquaponic-Konzept geforscht. Ranka Junge, Leiterin der Fachstelle Ökotechnologie, erklärt: «Urban Farmers ist als Spin-off aus dieser Entwicklungsarbeit entstanden». Nach der Firmengründung ging die Zusammenarbeit weiter, die ZHAW wurde zur wichtigen Forschungspartnerin der jungen Firma, um die Aquaponic-Gewächshäuser zur Marktreife zu entwickeln. Dies geschah im Rahmen eines von der Eidgenössischen Kommission für Technologie und Innovation (KTI) geförderten Projekts. Ohne dieses Projekt wären die anderen Investoren nicht eingestiegen.

Jungfische in der Anlage werden mit pflanzlichem Granulat gefüttert. Die Futterzugabe ist einer der wenigen externen Einflüsse in einem sonst geschlossenen Kreislauf.

So wurden der Bau der Basler Anlage und die dort betriebene Forschung von der KTI und der Christoph Merian Stiftung mit rund 2 Mio. Franken unterstützt. Die KTI finanzierte in diesem Rahmen ein 15-köpfiges Forscherteam 18 Monate lang. Dieses bestand aus Mitarbeitenden des IUNR, des Instituts für Lebensmittel- und Getränkeinnovation (ILGI) und des Instituts für Angewandte Simulation (IAS). Im Mittelpunkt stand die Entwicklung einer softwaregesteuerten Anlagenkontrolle, aber auch die Auswahl geeigneter Pflanzen- und Fischsorten ebenso wie die Standardisierung der Betriebsabläufe.

Forscher und Unternehmer mit Reibungsflächen

«In diesen 18 Monaten begleitete uns die ZHAW beim Science-to-Market-Prozess», sagt CEO Roman Gaus. Die Zusammenarbeit zwischen Unternehmern und Forschern verlief natürlich nicht immer reibungslos. Die Denkansätze beider Personengruppen seien doch recht unterschiedlich, stellt Gaus fest. So seien auch die effektiv bestehenden Leistungsanreize recht verschieden. Das bestätigt Ranka Junge: Forscher würden vor allem Antworten auf wissenschaftliche Fragen suchen. «Unser Leistungsanreiz ist die Anerkennung im wissenschaftlichen Umfeld», meint sie. Unternehmer würden sich dagegen mehr auf die Marktfähigkeit eines Produkts und den erhofften kommerziellen Erfolg fokussieren.

Wenn es zu einer von solchen Kontroversen beherrschten Situation kam, war es laut Gaus wichtig für effiziente Fortschritte, dass er sich und den Teammitgliedern erreichbare Ziele setzte und auf die nachhaltig hohe Motivation der Beteiligten achtete. Junge stellt die Bedeutung von gegenseitigem Respekt und sorgsamer Kommunikation in den Vordergrund: «Man muss sich immer wieder an der Sache orientieren», sagt sie. Forscher und Unternehmer würden nun mal eine recht unterschiedliche Sprache sprechen sprechen. Doch die Ergebnisse des Entwicklungsprozesses seien für beide Seiten wertvoll. Das Unternehmen erhalte eine klare Produktdefinition als Voraussetzung für den Businessplan, die ZHAW habe ihr Profil im attraktiven Forschungsfeld Urban Farming weiter geschärft.

Den Haag bekommt ein Farmhaus ganz oben

Die jüngsten Nachrichten sind ebenfalls eine Belohnung für das Engagement aller Partner bei Urban Farmers: Im September 2015 stellten vor allem niederländische Investoren weiteres Geld bereit. Insgesamt soll für 2,7 Mio. Euro im niederländischen Den Haag ein zweites Farmhaus gebaut werden. Genau wie sein Pendant im Basler Lokdepot soll es vor allem die Tauglichkeit des Aquaponics-Konzepts für die industrielle Lebensmittelproduktion unter Beweis stellen.

Das Salatfeld der Zukunft? Moderne Städte haben viele Plätze für Farmhäuser. Auf den Flachdächern ist es vor allem auch schön hell.

Allerdings wird das Farmhaus in Den Haag wesentlich grösser als die Basler Anlage. Das neue Projekt entsteht auf einem ehemals vom Elektronikkonzern Philips genutzten Gebäude in exponierter Stadtrandlage. Der neue «Times Square of Urban Farming», wie das Projekt auf der Webseite von Urban Farmers angekündigt wird, schwebt über mehr als zehn Stockwerken Gewerbefläche in luftiger Höhe. Auf über 1500 Quadratmeter Gesamtfläche tummeln sich künftig flinke Fische und grüne Pflänzchen. Die Umbauarbeiten haben schon begonnen. Im ersten Quartal 2016 sollen Pflanzen und Fische Einzug halten. Die Produktionskapazität der Farm wird mit über 50 Tonnen Gemüse und 20 Tonnen Fisch pro Jahr angegeben. Damit lassen sich 6000 Menschen im Direktverkauf versorgen; die Warenmenge würde aber auch für 60 Restaurants oder 10 Supermärkte ausreichen.

Urban Farmers: Ab der fünften Farm Gewinne machen

Allerdings ist auch das Farmhaus in Den Haag für Gaus nur ein einzelner Schritt auf dem langen Weg in die Zukunft: «Wir haben noch fünf realisierungsreife Projekte in der Pipeline und viele Ideen für die nächsten Jahre», stellt er fest. Während heute vor allem Restaurants und Detailhändler zum Kundenkreis von Urban Farmers gehören, möchte man in Zukunft auch direkt an Endverbraucher verkaufen. Ein Franchisemodell zur weiteren Verbreitung des Konzepts wird zwar derzeit nicht angeboten, doch könnte das laut Gaus durchaus eine Möglichkeit für Märkte wie den Mittleren Osten sein. Für die überwiegend privat finanzierte Firma hat Wachstum momentan die höchste Priorität. Spätestens ab der fünften in Betrieb befindlichen Farm will man Gewinne erzielen.

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