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Helikoptergeld

| Posted by: Daniel Kalt | Tags: Daniel Kalt

Acht Jahre nach Beginn der globalen Finanzkrise sind die Zentralbanken noch immer damit beschäftigt, die Nachwirkungen der Krise einzudämmen. In Europa stemmt sich der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi mit monatlichen Anleihekäufen von 80 Mrd. Euro gegen eine vermeintlich drohende Deflation. In Japan hat die Notenbank jüngst neben ihren Anleihekäufen und weiteren Vermögenswerten die Zinsen ins Negative gedrückt. Doch entgegen den Erwartungen wertete der Yen nicht ab, sondern wurde stärker. Eine Reaktion, die bei vielen Beobachtern den Verdacht erhärtet, dass den Notenbanken allmählich die Munition ausgehen könnte.

Kritiker argumentieren, dass die jüngsten Massnahmen der Notenbanken und insbesondere Negativzinsen mehr Schaden verursachen als Nutzen stiften und das zusätzlich geschaffene Geld nicht den Weg in die Realwirtschaft findet. Man denke nur an die dramatischen Folgen von Negativzinsen für die Pensionskassen.

Durchaus erfolgreich – weil sehr früh und aggressiv eingesetzt – waren die unkonventionellen geldpolitischen Massnahmen der Amerikaner. Die US-Notenbank Fed hat es von 2009 bis 2013 mit drei Wellen quantitativer Lockerung geschafft, die weitgehend ausgetrockneten Kreditmärkte wieder funktionstüchtig zu machen, über massiv reduzierte Zinsen die Anleger in risikoreichere Anlageklassen zu drängen sowie über Vermögenseffekte Konsum und Bauinvestitionstätigkeit anzukurbeln. Die US-Wirtschaft hat sich in der Folge dank dieser frühen und sehr starken geldpolitischen Medizin vergleichsweise gut erholt und wäre an dem Punkt angelangt, an dem bei einer anhaltend positiven Wirtschaftsentwicklung die unkonventionellen geldpolitischen Massnahmen allmählich zurückgefahren werden könnten. Mit behutsamen Zinserhöhungen versucht die US-Fed das Zinsniveau allmählich zu normalisieren. Und wenn die Fed darauf verzichtet, die laufend fällig werdenden Anleihen auf ihrer Bilanz erneut zu refinanzieren, könnte sie so über die Zeit die enorme Dollarliquidität, die sie seit 2009 ins System gepumpt hat, schrittweise wieder zurückfahren.

Trotz dieser Pläne zu einer allmählichen Normalisierung der Geldpolitik sind sich viele Beobachter bewusst, dass der Aufschwung in den USA inzwischen bereits seit sieben Jahren anhält und damit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die US-Konjunktur irgendwann in eine nächste rezessive Phase gerät. Insofern verwundert es nicht, dass inzwischen selbst in den USA mit Blick auf eine mögliche nächste Rezession hitzig über den Einsatz von Helikoptergeld diskutiert wird. Auch EZB-Präsident Mario Draghi wurde jüngst mehrfach darauf angesprochen und gefragt, ob die EZB das Konzept prüfe.

Die nächste geldpolitische Eskalationsstufe

Mit dem Begriff Helikoptergeld wird plakativ die Vorstellung verbunden, dass der Notenbankvorsitzende mit einem Hubschrauber übers Land fliegt und haufenweise Dollar-, Euro- oder auch Schweizer Franken-Noten abwirft, die dann von den Konsumenten aufgesammelt und idealerweise gleich für Konsum ausgegeben werden. Würden Notenbanken effektive zu einer derart drastischen Eskalation bei der geldpolitischen Stimulierung greifen, würden sie dies natürlich etwas subtiler tun. Beispielsweise indem der Fiskus den privaten Haushalten Steuern erlässt, rückerstattet oder die Notenbank die entstehenden Defizite im Staatshaushalt durch den Kauf weiterer Staatsanleihen finanziert.

Damit würden Notenbanken nicht mehr versuchen, die Privathaushalte und Unternehmen einer Wirtschaft indirekt, also über tiefe Zinsen und den Kauf von Vermögenswerten zu mehr Ausgaben zu verleiten, sondern würden direkt den Konsumenten finanzieren, der dann mit einem wesentlichen Teil des geschenkten Geldes Ausgaben tätigen würde. Varianten von Helikoptergeld könnten dazu eingesetzt werden, Firmen zu Investitionen zu animieren, oder direkt Infrastrukturprojekte zu finanzieren.

Helikoptergeld als Brandbeschleuniger

Ein direktes verteilen von Geld ist insofern ein äusserst rabiates Mittel um die Ausgaben der Konsumenten anzukurbeln, als dies bei den Leuten unkontrollierbare Inflationserwartungen schüren könnte. "Wenn ich das Geld heute nicht ausgebe, werden die Anbieter angesichts der offensichtlichen Geldschwemme morgen die Preise erhöhen und die Kaufkraft meiner Geldscheine schwindet rapide", dürften sich die Konsumenten sagen. Denn Inflation ist laut Nobelpreisträger Milton Friedman "immer und überall ein monetäres Phänomen". Damit wird klar, dass Helikoptergeld auch brandgefährlich sein kann.

Mit der schon bisher enormen Geldmengenausweitung haben die Notenbanken bislang vor allem eine Inflation bei den Preisen für Vermögenswerte verursacht. Die Teuerung bei den Konsumgütern ist bislang noch sehr zahm geblieben. Die Abbildung zeigt die Ausweitung der Notenbankgeldmengen in den USA, der Eurozone und in der Schweiz sowohl absolut als auch in Prozent des Bruttoinlandprodukts. Der Ölteppich scheint somit gelegt. Helikoptergeld könnte in diesem Umfeld der zündende Funke sein und wie ein Brandbeschleuniger für ein Ansteigen der Inflation sorgen. Insofern dürfte Helikoptergeld erst zum Einsatz kommen, wenn der Patient Weltwirtschaft erneut vor einer Depression stünde.

Ordnungspolitisch bedenklich und kaum praxistauglich

Abgesehen vom Inflationsrisiko gibt es eine Reihe grundsätzlicher Einwände gegen das Konzept. Im Prinzip verteilt der Staat damit in einer ähnlichen Art und Weise Geld, wie er es beim bedingungslosen Grundeinkommen tun würde, über welches das Schweizer Stimmvolk Anfang Juni in einer Volksabstimmung zu befinden hat. Wesentlicher Unterschied ist jedoch, dass die Finanzierung nicht über dafür notwendige massive Steuererhöhungen läuft, sondern direkt über die Notenpresse der Zentralbank. Diese begibt sich damit aber in eine gefährliche politische Abhängigkeit. Damit Helikoptergeld effektiv wirksam ist, reicht nämlich unter Umständen nicht ein einmaliger "Abwurf" des Geldes vom Himmel. Vermutlich müssten über mehrere Quartale oder gar Jahre wiederholt Geldspritzen an die Konsumenten verabreicht werden, um den Konsum nachhaltig anzukurbeln und die Inflationserwartungen zu erhöhen.

Damit wird einerseits die Eigenverantwortung der Individuen geschwächt. Wenn dann über Zeit ein wesentlicher Teil der Haushaltseinkommen und damit des Konsums (ähnlich wie beim Grundeinkommen) direkt von staatlichen Zuwendungen via Notenpresse abhängen, ist es andererseits mit der Unabhängigkeit der Geldpolitik vorbei. Die Glaubwürdigkeit einer Notenbank, ihr primäres Ziel Preisstabilität ohne Wenn und Aber zu verfolgen, wäre wohl dahin. Hängen die Haushaltseinkommen und damit die gesamte Wirtschaft erst einmal direkt am Tropf der von der Zentralbank regelmässig verabreichten Geldspritzen, wird ein Entzug dieser Zuwendungen unheimlich schwierig. Insofern wäre Helikoptergeld lediglich eine weitere, noch weit drastischere Steigerung einer wirtschaftlich-politischen Abhängigkeit, in die sich die meisten der grossen Notenbanken bereits mir ihrer direkten Unterstützung durch Käufe an den Anlagemärkten begeben haben.

Und nicht zuletzt sind rechtliche Schwierigkeiten mit dem Konzept verbunden. Insbesondere im Euroraum, wo wir es mit einer Währungsunion ohne zugrundeliegende Fiskalunion zu tun haben, ist es äusserst fraglich, ob sich Helikoptergeld aus juristischer Optik überhaupt umsetzen liesse. Denn es ist der EZB grundsätzlich verboten, direkt die Staatshaushalte zu finanzieren, was bei einer praxistauglichen Umsetzung des Konzepts wohl unumgänglich wäre.

Auch wenn Helikoptergeld ein theoretisch denkbares Konzept sein mag, das in akademischen Kreisen diskutiert wird, sind damit in der Praxis erhebliche geldpolitische Risiken sowie rechtliche Hürden verbunden. Statt die Geldpolitik noch weiter zu strapazieren, wäre jetzt die Wirtschaftspolitik gefordert, um regulatorische, steuerliche und strukturelle Barrieren abzubauen und damit für mehr Wettbewerb, Innovation und Produktivität zu sorgen.