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Fachkräftemangel in der Schweiz dürfte zunehmen

| Tags: Daniel Kalt

Das starke Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum der letzten Jahre hat nicht nur Sonnenseiten. Die hohe Einwanderung und der daraus resultierende „Dichtestress“ haben zur  Annahme der Masseneinwanderungsinitiative geführt. Ein anderes nachteiliges Phänomen ist, dass über die letzten Jahre zunehmend ein Mangel an Fachkräften zutage tritt. Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie des SECO arbeiten rund 36% aller Beschäftigten in der Schweiz in Branchen, in denen es an Fachkräften mangelt. Angesichts der vielen dringend benötigten Spezialisten wäre es besonders wichtig, dass unser Bildungssystem laufend jene Qualifikationen hervorbringt, die in der Praxis am meisten gesucht sind.

Hervorragendes, aber träges duales Bildungssystem

Zwar erhält unser duales Bildungssystem – mit stark ausgebauten Berufslehren und parallel dazu dem „tertiären“ Weg über Fachhochschulen und universitären Abschlüssen – in internationalen Vergleichen immer wieder Bestnoten. Doch kann jedes noch so gute Bildungssystem nur sehr träge auf eine starke Arbeitskräftenachfrage in spezifischen Berufsfeldern reagieren. Bis eine Fachkraft ausgebildet ist, dauert es oft vier bis fünf Jahre. Hier war die Rekrutierung von ausländischen Fachkräften in den letzten Jahren die viel schnellere und erst noch kostengünstigere Vorgehensweise, um dem Fachkräftemangel in der Schweiz zu begegnen. Über die letzten zehn Jahre wanderten im Durchschnitt jährlich rund 20‘000 Personen mit einem tertiären Bildungsabschluss (Fachhochschule oder Universität) ein. Das half nicht nur den vielen Schweizer Unternehmen, ihre Wertschöpfung in der Schweiz zu steigern. Dank der Einwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte sparte die Schweiz auch enorme Summen an Ausbildungsausgaben ein. Die vielen ausländischen Ärzte, Pflegefachkräfte, Ingenieure usw. wurden an ausländischen Bildungsstätten ausgebildet und wurden danach hier in der Schweiz produktiv. Gemäss dem Bundesamt für Statistik kostet eine tertiäre Ausbildung den Staat 300‘000 bis 400‘000 Franken. Zur Ausbildung der jährlich rund 20‘000 eingewanderten Spezialisten hätte wir hierzulande pro Jahr zusätzliche 6 bis 8 Milliarden Franken an Bildungsausgaben budgetieren müssen. Das sind nicht weniger als 1% bis 1,3% des Schweizer Bruttoinlandsproduktes oder rund ein Viertel des heutigen schweizerischen Bildungsetats.

Es ist somit nicht von der Hand zu weisen, dass die Schweiz von der Immigration hochqualifizierter Arbeitskräfte enorm profitiert. Einzelne Kritiker bezichtigen die Schweiz diesbezüglich sogar der Trittbrettfahrerei. Doch letztlich ist dies lediglich eine Folge der bisher geltenden Personenfreizügigkeit. Inwieweit sich der Fachkräftemangel mit den nun geplanten Einwanderungskontingenten weiter verschärfen wird, hängt zum einen davon ab, wie stark die Schweizer Wirtschaft weiter wächst. Andererseits ist es wohl auch davon abhängig, wie gut die staatlich gelenkten Kontingente auf die in einzelnen Sektoren vorherrschenden Engpässe an Fachkräften ausgerichtet werden und über eine entsprechende Zuteilung von Kontingenten entschärft werden können.

Keine blindwütige Tertiarisierung

Wie wir anlässlich der Veröffentlichung unserer neusten Ausgabe von „UBS Outlook Schweiz“ mit dem Fokusthema „Bildung“ dargelegt haben, kommt in diesem Umfeld dem schweizerischen Bildungssystem eine sehr wichtige Bedeutung zu. In einer Zeit, in der offenbar immer mehr Junge den tertiären Weg anstreben, scheint es uns wichtig, auf die Vorzüge des dualen Systems und den Wert der Berufslehre hinzuweisen. Einerseits zeigen Studien zur Bildungsrendite, dass eine Karriere über Berufslehre und Fachhochschule bezüglich Einkommen über den ganzen Lebenszyklus betrachtet in der Regel die bessere „Rendite“ abwirft als ein Hochschulstudium. Zudem ist die tiefe Jugendarbeitslosigkeit unter anderem auch unserem gut ausgebauten System der Berufslehre zu verdanken. Gründe genug also, unserem dualen Bildungssystem weiterhin Sorge zu tragen.