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Zwei Jahre Frankenuntergrenze: Die Schweiz boomt

| Tags: Daniel Kalt

Mit den am letzten Dienstag publizierten Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal dieses Jahres hat die Schweizer Wirtschaft einmal mehr positiv überrascht. Gleich um 0,5% legte die reale, das heisst preisbereinigte, Wirtschaftsleistung in den Monaten April bis Juni zu; im Vergleich zum zweiten Quartal 2012 ein Plus von 2,5%. Nach exakt zwei Jahren Frankenuntergrenze boomt die Schweizer Konjunktur.

Anhaltender Strukturwandel

Bei genauer Analyse der Zahlen tritt zutage, dass die seit einiger Zeit anhaltenden Trends sich fortsetzen: Zugpferd der Schweizer Wirtschaft sind die Binnensektoren Seit mehreren Quartalen wachsen die Konsumausgaben der Privathaushalte um 0,6% bis 0,9%. Im Vorjahresvergleich legte der Konsum damit um 3,0% zu. Neben dem Privatkonsum verzeichneten im zweiten Quartal auch die Investitionen einen soliden Zuwachs. Offensichtlich macht sich unter den Schweizer Unternehmen wieder etwas mehr Optimismus breit und nach fünf Quartalen mit rückläufigen Investitionsvolumen wird wieder investiert. Etwas weniger gut konnten sich die Exporte schlagen. Insbesondere die Warenexporte (exkl. Wertsachen) sanken erneut, was hauptsächlich auf den noch immer schleppenden Konjunkturverlauf in Europa zurückzuführen ist. Demgegenüber legten die Importe, angetrieben durch die starke Binnenkonjunktur, stark zu, womit insgesamt vom Aussenhandel ein negativer Wachstumsbeitrag zum BIP ausging. Auch bei der Betrachtung nach Branchen ist das Bild unverändert:  Die Dienstleistungssektoren legen bei der Wertschöpfung weiter kräftig zu, während die Industriesektoren schrumpfen. Der Strukturwandel setzt sich somit mit unverändert hohem Tempo fort.

Ungleichgewichtiges Wachstum bereitet der SNB Kopfzerbrechen

Nach siebzehn Quartalen konjunktureller Erholung von der Rezession während der Finanzkrise folgte eine solide anhaltende Expansionsphase. Da erscheint es auf den ersten Blick schon sehr aussergewöhnlich, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Zinsen weiterhin bei Null belässt und immer noch enorm hohe Liquiditätsbestände im Wirtschaftskreislauf hält. Die Arbeitslosenquote liegt mit rund 3% auf sehr tiefem Niveau und die anhaltend hohe Immigration hat zu einer zunehmenden Auslastung der Infrastruktur geführt. Die Immobilienpreise setzen ihren Anstieg, wenn auch zuletzt leicht abgeschwächt, unbeirrt fort – alles Anzeichen, die bei objektiver Betrachtung bei einem Notenbanker die Alarmglocken läuten lassen müssten. Aber eben: Wir schreiben alles andere als normale Zeitgeschichte. Die Schweizer Wirtschaft befindet sich in einer regelrechten Schieflage, die sich im oben beschriebenen ungleichgewichtigen Wachstumsbild zeigt. Vor ziemlich genau zwei Jahren, am 6. September 2011, musste sich die SNB in die "Mission Frankenuntergrenze" stürzen, um die Exportwirtschaft vor noch schlimmeren Einbrüchen zu bewahren. Mit der Politik des ultra-billigen Geldes wurde die Binnenwirtschaft aber dermassen stark befeuert, dass sie nun zu überhitzen droht. Diese ungleichgewichtige Wirtschaftsentwicklung bereitet der SNB zunehmend Kopfzerbrechen.

Heikler Ausstieg aus der Wechselkurspolitik

Je stärker sich das Ungleichgewicht zwischen boomender Binnenwirtschaft und schwächelnder Exportwirtschaft akzentuiert, umso heikler wird es für die SNB, einen Ausstieg aus der Wechselkurspolitik zu finden und die Geldpolitik wieder auf eine Zinssteuerung sowie eine allmähliche Normalisierung des Zinsniveaus umzustellen. Wenn nämlich die Anzeichen der binnenwirtschaftlichen Überhitzung steigen, so werden die Kosten einer Beibehaltung der Wechselkursuntergrenze (insbesondere die möglicherweise weit in der Zukunft liegenden Risiken am Immobilienmarkt) deren Nutzen irgendwann übersteigen. Die SNB kann im Prinzip nur darauf hoffen, dass die Konjunkturerholung in der Weltwirtschaft und insbesondere in Europa anhält und die Wirtschaftspolitiker in der Eurozone möglichst bald nachhaltige Lösungen zur Bewältigung der Verschuldungskrise finden. In diesem Szenario könnte die SNB in einem ersten Schritt die Wechselkursuntergrenze aufgeben. Sofern es dann nicht zu unerwartet starken neuerlichen Aufwertungsschüben des Schweizer Frankens kommt, könnten anschliessend die Leitzinsen behutsam angehoben werden. Bis wir allerdings zu diesem Punkt gelangen, dürften noch einige Quartale möglicherweise starken Wachstums ins Land ziehen.