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Unternehmensstandort Schweiz nicht gefährden

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Ein in Schweizer Franken denkender Aktienanleger, der in den vergangenen fünf Jahren ohne Währungsabsicherung in europäische Aktien investiert war, hatte mit seiner Anlage gegenüber Schweizer Aktien klar das Nachsehen. Zwar legten die europäischen Aktienmärkte in Euro betrachtet in etwa dieselbe Performance hin, wie der Schweizer Aktienmarkt. In Franken umgerechnet jedoch liegen europäische Aktien seit 2009 satte 34% hinter Schweizer Aktien zurück.

Die ausserordentlich gute Performance von Schweizer Aktien gegenüber anderen Märkten hängt zum einen mit der hervorragenden globalen Positionierung und der Innovationskraft vieler Schweizer Unternehmen zusammen; sie gründet also in der unternehmerischen Leistung der Firmen. Die zweite Komponente der überdurchschnittlichen Aktienperformance – der Beitrag der Frankenaufwertung – ist demgegenüber vor allem mit gesamtwirtschaftlichen Faktoren der Schweiz zu erklären: tiefe Verschuldung, vorteilhaftes steuerliches und unternehmerisches Umfeld, stabile Institutionen, hervorragendes Bildungs- und Forschungssystem sowie ein sehr flexibler Arbeitsmarkt. All diese Faktoren machen die Schweiz zu einem der wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsstandorte der Welt.

Ob dies auch in Zukunft so sein wird, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Die oben genannten vorteilhaften Rahmenbedingungen in der Schweiz sind nämlich auf verschiedenen Ebenen zunehmend in Frage gestellt. In unserer soeben erschienenen Quartalspublikation «UBS Outlook Schweiz»1 untersuchen wir, inwiefern sich die zahlreichen aktuellen Volksinitiativen nachteilig auf den Wirtschaftsstandort auswirken könnten. Nicht weniger als 24 Volksinitiativen stehen nämlich derzeit entweder kurz vor der Abstimmung oder sind in Behandlung durch den Bundesrat oder das Parlament. Zu den aus Unternehmenssicht wichtigsten Regulierungsfeldern zählen der Arbeitsmarkt, die Immigrationspolitik, das steuerliche Umfeld oder etwa die Energie- und Verkehrspolitik.

Im Bereich des Arbeitsmarktes stehen mit der Initiative 1: 12 sowie der Mindestlohninitiative gleich zwei Vorlagen zur Abstimmung an, welche ganz erhebliche Eingriffe in die bisher sehr dezentrale sozialpartnerschaftliche Lohnfindung bringen würden. Abgesehen davon, dass diese eine erhebliche staatliche Kontroll- und Überwachungsbürokratie notwendig machen, müssen auch die mittel- bis längerfristigen Wirkungen berücksichtigt werden. Insbesondere die Einführung eines im internationalen Vergleich sehr hohen Mindestlohnes von monatlich 4000 Franken dürfte längerfristig dazu führen, dass niedrig qualifizierte Tätigkeiten ausgelagert oder wegrationalisiert würden und so die strukturelle Arbeitslosigkeit in der Schweiz anstiege.

Auch im Bereich der Einwanderungspolitik stehen mit der Initiative gegen Masseneinwanderung sowie der «Ecopop»-Initiative zwei Volksbegehren zur Abstimmung an, die zwar ein populäres Anliegen aufnehmen, jedoch auch erhebliche Nebenwirkungen haben könnten. Zum einen hat die relativ hohe Einwanderung der letzten Jahre signifikant zur positiven Wirtschaftsentwicklung der Schweiz beigetragen und hilft auch, unsere Sozialund Altersvorsorgesysteme zu sichern. Zum anderen sind die beiden Einwanderungsinitiativen nicht vereinbar mit den bilateralen Verträgen mit der EU. Daher besteht die Gefahr, dass diese Verträge von der EU einseitig aufgekündigt werden, was erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen hätte.

Neben den Bereichen Arbeitsmarkt und Einwanderung stehen mit der Initiative für eine nationale Erbschaftssteuer, der Initiative «Energie- statt Mehrwertsteuer» sowie weiteren Vorstössen in der Steuer-, Energie- und Verkehrspolitik zahlreiche weitere Volksbegehren im Raum, welche – sollten sie angenommen werden – in ihrer kumulierten Wirkung die Schweizer Wirtschaft erheblich treffen könnten. Ob sich in einem solchen Szenario Schweizer Aktienwerte weiterhin derart gut entwickeln würden wie bis anhin, ist zumindest fraglich. Es bleibt zu hoffen, dass der Schweizer Souverän bei den anstehenden Abstimmungen das nötige Augenmass behält für eine starke und marktwirtschaftlich ausgerichtete Wirtschaftsordnung, welche auch künftig die Basis für Wohlstand und Vollbeschäftigung bilden kann.