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Eine realwirtschaftliche Perspektive der Altersvorsorge

| Tags: Daniel Kalt

Es besteht mittlerweile ein breiter Konsens darüber, dass das Schweizer Altersvorsorgesystem vor schwerwiegenden Herausforderungen steht. Die zunehmende Alterung unserer Gesellschaft sowie die tiefen Renditen an den Anlagemärkten bringen das System in eine immer deutlicher zu Tag tretende Schieflage.

Mit Blick auf unser Vorsorgesystem kann eine Transaktion von Waren oder Dienstleistungen gegen Geld (z.B. einer Pflegeleistung gegen Entgelt aus einer Rente) aus zwei Perspektiven betrachtet werden, einer finanziellen und einer realwirtschaftlichen. Analysen von Vorsorgesystemen bewegen sich üblicherweise auf der finanziellen Ebene: es wird berechnet, wie viele Ersparnisse und welche Renditen notwendig sind, um in Kombination mit einer Rente aus dem Umlageverfahren im Alter ein gewisses Einkommen zu erreichen. Deutlich weniger häufig wird die Altersvorsorge aber aus einer realwirtschaftlichen Perspektive – also einer Betrachtung der Waren- und Dienstleistungsflüsse - betrachten. Dies erlaubt einige interessante Einsichten zur Stabilität des Systems und der Implikationen für Privatanleger.

Eine realwirtschaftliche Sicht

Die realwirtschaftliche Sicht der Altersvorsorge beruht auf der Einsicht, dass Güter nicht gespart werden können, um sie Jahre oder Jahrzehnte später zu konsumieren, sondern dass Produktion und Konsum praktisch zusammenfallen. Bei Dienstleistungen ist dies offensichtlich – Pflegedienstleistungen oder ein Haarschnitt können nicht aufbewahrt werden. Dasselbe gilt auch für fast alle Waren. Es ist kaum möglich, Nahrungsmittel, Energie oder Computer einzulagern, um sie Jahrzehnte später zu konsumieren. Daraus folgt, dass die meisten Güter, welche die Nichterwerbstätigen konsumieren, immer gleichzeitig von den Erwerbstätigen produziert werden müssen. Die Erwerbstätigen müssen also auf einen gewissen Anteil der Früchte ihrer Arbeit zugunsten der Nichterwerbstätigen verzichten. Diesen Anteil nennen wir im Folgenden die Transferlast.

Gespart werden können nur Ansprüche auf die zukünftige Güterproduktion. Es macht dabei aus realwirtschaftlicher Sicht keinen Unterschied, ob die Altersvorsorge auf dem Kapitaldeckungs- oder dem Umlageverfahren basiert. In beiden Systemen werden Ansprüche auf die zukünftige Produktion erworben. Die Wahl des Verfahrens bestimmt lediglich, mit welchem Argument man die erwerbstätige Bevölkerung davon überzeugt, auf einen bedeutenden Teil der von ihr erbrachten Produktion zu verzichten. Im Umlageverfahren geschieht dies durch Besteuerung, im Kapitaldeckungsverfahren durch (meist erzwungenes) Sparen.

Die Transferlast entspricht einer Steuer auf Arbeit. Je höher diese Steuer, umso geringer der Anreiz zu arbeiten. Mit steigender Transferlast beginnen Arbeitskräfte zu streiken, indem sie ihr Arbeitsangebot reduzieren, vermehrt schwarz arbeiten oder sogar auswandern. Eine Transferlast von 50% bedeutet, dass ein Erwerbstätiger zunächst die Hälfte seines Einkommens zugunsten der Nichterwerbstätigen abgeben muss. Von den verbleibenden 50% gehen dann noch die laufenden Kosten des Staates und weitere obligatorische Abgaben ab (Krankenversicherung), so dass schliesslich nur noch ein geringer Teil des Einkommens zur freien Verfügung steht. Steigt die Transferlast über eine kritische Grenze, gerät die Wirtschaft in eine Krise, in welcher die Ansprüche der Nichterwerbstätigen entwertet werden, etwa durch eine Kürzung der umlagefinanzierten Renten, eine zusätzliche Besteuerung von Kapital, einen Staatsbankrott oder Inflation.

Zur Sicherung von Wachstum und Wohlstand, aber auch zur Sicherung der Altersvorsorge selbst, ist es somit essentiell, dass die Transferlast nicht zu gross wird. Ansonsten kann die arbeitstätige Generation die Ansprüche der Rentner nicht erfüllen. Die erwerbstätige Bevölkerung mag zwar in einer Demokratie nicht immer in der Mehrheit sein, aber sie hat ein gewichtiges Argument auf ihrer Seite: sie ist der Motor der Wirtschaft, ohne sie kann nicht produziert werden. Dadurch sitzt sie letztlich am längeren Hebel. Das Kapitaldeckungsverfahren bietet somit keinen besseren Schutz als das Umlageverfahren - beide Systeme sind davon abhängig, dass die erwerbstätige Bevölkerung bereit ist, einen steigenden Anteil ihres Einkommens abzugeben.

Determinanten der Transferlast

Die Transferlast hängt im Wesentlichen von drei Faktoren ab: von der Demographie, vom Pensionsalter und von den Ansprüchen der Rentner. Sie kann somit nur durch eine Erhöhung des Pensionsalters oder eine Senkung der Ansprüche der Rentner gesenkt werden. Die Transferlast hängt nicht vom Wirtschaftswachstum ab. Wirtschaftswachstum vergrössert zwar den gesamten Kuchen, der verteilt werden kann, aber nicht unbedingt die Verteilung des Kuchens und somit die Transferlast. Die Altersvorsorge kann auch nicht durch höhere Ersparnisse gesichert werden – im Gegenteil, höhere Ersparnisse erhöhen die Transferlast und somit die Bürde der zukünftigen arbeitstätigen Bevölkerung.

Wenn man das Pensionsalter und die Ansprüche der Nichterwerbstätigen konstant hält, hängt die Transferlast nur von der Demografie ab. Die demografische Entwicklung kann für die nächsten Jahrzehnte relativ einfach prognostiziert werden und erlaubt somit eine Prognose der Transferlast. Unter der Annahme, dass die Nichterwerbstätigen pro Kopf gleich viele Güter beanspruchen wie die Erwerbstätigen und dass die gesamte Bevölkerung im erwerbstätigen Alter auch tatsächlich arbeitet, so beträgt die Transferlast der Schweiz heute 38% und wird bis ins Jahr 2060 auf 47% ansteigen. Um die Transferlast auf dem heutigen Niveau zu stabilisieren, müsste entweder das Rentenalter bis 2060 um 7-8 Jahre erhöht oder die Ansprüche der Rentner um rund ein Drittel gesenkt werden.

Schlussfolgerungen

Das Grundproblem der Altersvorsorge besteht darin, dass die meisten Güter nicht aufbewahrt werden können, sondern jeweils von der erwerbstätigen Bevölkerung produziert werden müssen. Es gibt allerdings Ausnahmen: Neben gutem Rotwein ist dies insbesondere Infrastruktur. Der Bau energieeffizienter, hochwertiger und wartungsarmer Infrastruktur erlaubt es in begrenztem Masse, Kaufkraft über die Zeit zu verschieben, ohne die Transferlast der kommenden Generation zu erhöhen. Länder mit stark steigenden Transferlasten sollten somit versuchen, der kommenden Rentnergeneration neben einem gefüllten Weinkeller eine solide Infrastruktur mit auf den Weg zu geben.

Die Transferlast kann auch durch ein Handelsdefizit gesenkt werden. Ein Handelsdefizit bedeutet, dass ein Teil des inländischen Verbrauchs importiert wird und demzufolge nicht von den inländischen Erwerbstätigen produziert werden muss. Ein Handelsdefizit kann sich allerdings nur ein solventes Land leisten, welches zum Beispiel zuvor Überschüsse erwirtschaftet hat. Die Schweiz hat während Jahrzehnten Handelsüberschüsse erwirtschaftet und ein hohes Auslandsvermögen aufgebaut. Dieses gibt ihr im Prinzip das Anrecht auf einen Teil der Produktion ausländischer Volkswirtschaften. Allerdings weisen viele der Schuldnerländer einen noch ungünstigeren Verlauf der Transferlast auf als die Schweiz. Es ist somit nicht damit zu rechnen, dass das Ausland die aus den Schweizer Auslandsvermögen resultierenden Ansprüche in vollem Ausmass honorieren wird.

Eine Reduktion der Transferlast in einer Krise geschieht oft durch Inflation oder Staatsbankrott. Anleihen, insbesondere Staatsanleihen, sind diesen beiden Risiken am stärksten ausgesetzt. Anlagen in Immobilien oder Aktien hingegen dürften einen Staatsbankrott oder eine Inflation am ehesten überstehen. Sparer sollten daher mögliche Freiräume innerhalb des Vorsorgesystems dazu nutzen, Sachwerte überzugewichten und Anleihen, insbesondere Staatsanleihen, unterzugewichten. Sparer, welche ausserhalb des Systems sparen, sollten in Sachwerte investieren. Sparer, welche im Ausland sparen, sollten Ländern mit tiefen Transferlasten und positivem Auslandsvermögen den Vorzug geben. Ein gut geeignetes Mittel, Kaufkraft über die Zeit zu erhalten, ist ferner Gold. Physisches Gold ist das einzige liquide Anlagemedium, dessen Wert nicht von einer Gegenpartei abhängt und das Inflation oder einen Staatsbankrott schadlos übersteht.

In jedem Fall lohnt es sich für Anleger, die sich noch längere Zeit im Erwerbsleben befinden, ihre eigene Vermögenssituation im Lichte der dargelegten Ausführungen möglichst langfristig und umfassend – sprich unter Einbezug sowohl der Vorsorge- wie auch der privat verfügbaren Vermögenswerte – zu analysieren und zu planen.

 

Caesar Lack, Head Macroeconomic Research Switzerland
Daniel Kalt, Regional CIO Switzerland