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Sorge um die Altersvorsorge

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Auch wenn es der Schweizer Wirtschaft im Vergleich zu zahlreichen unserer – vor allem südlichen – Nachbarn hervorragend geht, dürfen wir uns angesichts der guten Konjunkturlage und auch der zahlreichen Spitzenplatzierungen in internationalen Wettbewerbsfähigkeitsrankings nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Es gibt auch in der Schweiz verschiedene Bereiche, die uns Sorgen bereiten. Dazu gehört die zunehmende finanzielle Schieflage unseres Altersvorsorgesystems.

In unserer neusten Ausgabe der Publikation UBS Outlook Schweiz haben wir uns mit verschiedenen Aspekten der Schweizer Altersvorsorge auseinander gesetzt. Zwei strukturelle Trends setzen das System zunehmend unter Druck: Erstens ist die demografische Entwicklung zu nennen. Seit 1981 ist die Restlebenserwartung bei Erreichen des 65. Altersjahres bei Männern von 14,3 Jahren auf 19,1 Jahre angestiegen und bei Frauen von 18,2 Jahren auf 22,1 Jahre – Trend weiter steigend.

Neben der Langlebigkeit ist die sich insgesamt laufend verschlechternde Alterspyramide unsere Gesellschaft von Bedeutung. 1950 kam auf sieben Erwerbstätige eine Person im Rentenalter. Dieses Verhältnis ist bis heute auf rund vier zu eins gefallen und 2050 werden nur noch zwei Erwerbstätige einen Rentner finanzieren müssen. Diese enorme Verschlechterung in der demografischen Struktur unserer Bevölkerung trifft vor allem – aber nicht nur – die erste Säule unserer Altersvorsorge, die AHV. Sie ist nach dem Umlageverfahren finanziert, also indem die heute Beschäftigten über ihre AHV-Beiträge die Renten der Pensionierten finanzieren. In der AHV werden sich – neben der Invalidenversicherung, die schon länger strukturelle Defizite auf- weist – ohne substanzielle Reformen schon in einigen Jahren enorme Finanzierungslöcher auftun.

Neben der Demografie setzt das schon seit Jahren anhaltende Tiefzinsumfeld unser Vorsorgesystem zunehmend unter Druck. Dies insbesondere bei der zweiten Säule, der beruflichen Vorsorge. In der zweiten Säule werden die Renten nach dem Kapitaldeckungsverfahren finanziert, indem jeder Versicherte einer Pensionskasse während des Erwerbslebens ein Alterskapital anspart, von dem dann später Jahr für Jahr die Renten ausbezahlt werden. Das extreme Tiefzinsumfeld macht es den Pensionskassen aber zunehmend schwer, einen genügend hohen Kapitalstock anzusparen um die versprochenen Rentenleistungen auch tatsächlich garantieren zu können.

Mit Renditen von zeitweise deutlich unter einem Prozent auf schweizerischen Staatsanleihen fällt der neben den Lohnbeiträgen von Arbeitgebern und -nehmern wichtige dritte Beitragszahler, der Zinseszins, fast vollständig aus. Es kommt daher zu einer laufenden höheren Umverteilung zwischen den Generationen, welche im Prinzip gar nicht vorkommen sollte. Aufgrund der zu hohen Umwandlungssätze – und damit zu hohen Renten – wird der heutigen Rentnergeneration aus den Pensionskassen Kapital ausbezahlt, das eigentlich gar nicht vorhanden ist. Damit werden schleichend immer grössere Löcher in die Pensionskassenbilanzen gerissen. Dieses Kapital wird letztlich der heute erwerbstätigen oder erst geborenen Generation fehlen.

Ob und wie bald sich der Anlagenotstand an den Märkten für festverzinsliche Anlagen auflösen wird und dauerhaft höhere Zinsen den Pensionskassen den dringend benötigten Renditebeitrag einbringen können, ist alles andere als klar. Angesichts der enorm hohen Staatsverschuldung in praktisch allen grossen Industrieländern hat bei den Entscheidungsträgern kaum jemand ein Interesse an schnell steigenden Zinsen und damit höheren realen (d.h. inflationsbereinigten) Renditen. Im Gegenteil: Analysen darüber, wie hoch verschuldete Staaten in der Vergangenheit hohe Schuldenstände abgebaut haben, zeigen, dass sehr oft eine Kombination von hoher Inflation und tiefen Zinsen (und somit negative Realzinsen) als Weg der Entschuldung gewählt wurde. In einem solchen Szenario wäre also auf Jahre hinaus mit einem Renditeumfeld, wie wir es über die letzten Jahre erlebt haben, zu rechnen.

Angesichts dieser Ausgangslage bestreitet heute kaum noch jemand, dass zur Stabilisierung der laufend zunehmenden finanziellen Schieflage in unseren Altersvorsorgesystemen dringend substanzielle Reformschritte eingeleitet werden müssen. Bundesrat Alain Berset hat mit seinem Reformpaket «Altersvorsorge 2020» ein ganzes Bündel von Massnahmen vorgestellt, das in seiner Stossrichtung sicherlich in die richtige Richtung geht. Ziel des Paketes ist es, an möglichst verschiedenen Stellschrauben am System zu drehen und so die unausweichlichen Einschnitte möglichst breit zu verteilen. Ein solches Vorgehen hat – so die Einschätzung des Bundesrates – auch politisch die wohl höchsten Chancen, im Parlament und später wohl auch einmal in einer Volksabstimmung angenommen zu werden.

Allerdings haben bereits die ersten Reaktionen von verschiedenen Seiten des politischen Spektrums gezeigt, dass es gegen die vorgeschlagene Reform wohl erhebliche Widerstände geben wird. Die grosse Frage in den kommenden vier bis fünf Jahren wird es sein, ob die Politik ein tragfähiges, gut austariertes Reformpaket zu schnüren vermag, mit dem die hohen Widerstände und damit der Reformstau überwunden werden kann. Denn eines ist klar: Wenn die Korrekturmassnahmen erneut auf die lange Bank geschoben werden, werden die Einschnitte später umso drastischer werden. Deutlich höhere Beiträge und/oder empfindliche Rentenkürzungen könnten notwendig werden. Wachsende Zweifel an der Sicherheit unserer Altersvorsorge machen es für die jetzt noch jüngere Generation umso wichtiger, sich im Rahmen der dritten Säule in eigener Verantwortung eine sichere Einkommensbasis im Alter zu schaffen.