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Verschnaufpause für die Schweizerische Nationalbank

| Tags: Daniel Kalt

In den vergangenen zwei Wochen dürfte so manch ein Seufzer der Erleichterung in den Räumlichkeiten der Schweizerischen Nationalbank (SNB) erklungen sein. Seit der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi vor zwei Wochen angekündigt hat, notfalls „unlimitiert“ Staatsanleihen von angeschlagenen Eurostaaten aufzukaufen und US-Notenbankchef Ben Bernanke nur eine Woche später mit der Ankündigung einer dritten, ebenfalls „unlimitierten“ Welle der quantitativen Lockerung („QE3“) nachdoppelte, hat sich die zuletzt schwierige Lage für die SNB deutlich entspannt.

Der Euro legte in den letzten Wochen gegenüber dem US-Dollar kräftig zu und EURUSD übersprang nach der Fed-Ankündigung von letzter Woche scheinbar mühelos die Marke von 1.30. Entsprechend konnte sich auch EURCHF-Wechselkurs deutlich von der 1.20er-Untergrenze lösen und notierte jüngst im Bereich von 1.2170. Noch im Mai, Juni und Juli musste sich die SNB mit aller Kraft und insgesamt 170 Mrd. Franken Euro-Käufen gegen die Märkte und den Fall der 1.20er-Untergrenze stemmen.

Doch wie geht es weiter? Sollen Schweizer Anleger oder auch Exporteure, die noch auf substanziellen Euro-Positionen sitzen, darauf hoffen, dass die Euro-Erholung anhält und mit Verkäufen in der Hoffnung auf noch bessere Kurse zuwarten? Wir denken, dass EURCHF in den kommenden Wochen und Monaten in relativ engen Bandbreiten leicht über 1.20 handeln wird. Das resolute Handeln der EZB, die nun offenbar ihre Rolle als „Kreditgeber in letzter Instanz“ allen deutschen Bedenken zum Trotz entschlossen wahrnehmen will, hat das zuvor latente Risiko, dass in der Eurozone ein unbeabsichtigter, verheerender Unfall – etwa eines Banken- und Staatsbankrotts – geschehen könnte, deutlich reduziert. Weil gleichzeitig, die US-Fed ihre Geldschleusen erneut öffnet, was tendenziell den USD schwächt, könnten Eurokäufer durchaus noch einige Zeit die Oberhand behalten.

Es ist somit denkbar, dass auch EURCHF ohne neuerliche Hiobsbotschaften aus den europäischen Peripheriestaaten noch weiter ansteigt. Allerdings glauben wir, dass das Potenzial nach oben nicht allzu gross ist. Denn sollte sich der EURCHF-Kurs über 1.24 oder gar 1.25 bewegen, könnte die SNB durchaus dazu übergehen, ihre enorm gestiegenen Eurobestände häppchenweise wieder loszuschlagen, was das weitere Aufwärtspotenzial sehr schnell dämpfen würde.

Nach unten dürfte die SNB vorderhand keine Mühe haben, die 1.20 zu halten. Zumindest für die kommenden paar Monate. Die SNB hat zuletzt mehrfach bewiesen, dass sie fähig und gewillt ist, die Untergrenze mit hoher Entschlossenheit zu verteidigen. Das hat ihr einen Respekt an den Märkten verschafft. Wir gehen daher davon aus, dass EURCHF für die nächsten sechs bis neun Monate in engen Bandbreiten zwischen 1.20 und 1.23 handeln wird. Über diesen Zeitraum hinaus ist allerdings vieles offen und hängt im Wesentlichen davon ab, wie sich die Situation in Europa entwickelt. Nur wenn es gelingt, mit klaren Fortschritten in der Umsetzung der Spar- und Reformprogramme in Spanien, Portugal und Italien die Märkte zu beruhigen, kann erwartet werden, dass die SNB nicht noch einmal unter enormen Druck kommen wird.

Allerdings denken wir, dass die Wahrscheinlichkeit über 50% ist, dass Griechenland im Verlauf des nächsten Jahres erneut in Zahlungsverzug kommt weil es selbst ein gelockertes Sparprogramm nicht wird umsetzen können. Wir gehen davon aus, dass dann auch ein Austritt aus der Eurozone nicht mehr zu verhindern ist. Spätestens wenn dies geschieht, werden die Kapitalflüsse in die sicheren Häfen und damit den Schweizer Franken erneut stark zunehmen. In der Folge wird die SNB wohl erneut gezwungen sein, über Wochen, wenn nicht Monate hohe Milliardenbeträge von Franken gegen Euros aufzukaufen, um die 1.20 zu halten.

Als in Schweizer Franken denkender Anleger dürfte es somit Sinn machen, substanziellere Europositionen im Portfolio bei EURCHF-Kursen von deutlich über 1.20 abzustossen. Generell gilt für vorsichtige Anleger, dass Fremdwährungsrisiken vermieden oder nur sehr bewusst eingegangen werden sollten. Hilfreich ist in dieser Beziehung, dass mittlerweile viele Anlageprodukte, welche im Ausland investieren, eine Währungsabsicherung in Schweizer Franken bereits mit eingebaut haben.