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Widerstandsfähige Schweizer Wirtschaft

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Daniel Kalt äussert sich in diesem Interview zur relativen Stabilität der Schweiz, die seit der Finanzkrise und dem Ausbruch der europäischen Schuldenkrise den Widrigkeiten wie ein Fels in der Brandung trotzt. (Interview Linda Mazziotta, UBS AG)

Herr Kalt, dass der wirtschaftliche Wohlstand von der Marktgrösse abhängt, scheint für die Schweiz nicht zu gelten. Obwohl sich die globale Konjunktur letztes Jahr abkühlte, lief die Schweiz nie Gefahr in eine Rezession zu fallen. Wie erklären Sie sich diese Robustheit?

Es ist eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Da ist zuerst die Fiskalpolitik der Schweiz zu nennen. Das Land hat bereits 2002 eine Schuldenbremse eingeführt, welche sich disziplinierend auf das Ausgabenverhalten des Bundes ausgewirkt hat. Die Schweiz hat ohnehin nie über ihre Verhältnisse gelebt. Vergleicht man sie mit den EU-Staaten, hebt sich das Land deutlich vom hoch verschuldeten Europa ab. Das föderalistische System der Schweiz trägt dazu bei, die Ausgaben zu begrenzen, denn ein Grossteil der Verantwortlichkeiten wird an die Kantone und Gemeinden übertragen. Dies gewährleistet, dass die Finanzmittel mit Bedacht eingesetzt werden. Die Entscheidung der Schweiz, nicht der Eurozone beizutreten, bedeutet zudem, dass das Land den Vorteil einer unabhängigen Geldpolitik bewahren konnte. Ein weiterer Pluspunkt ist die Innovationskraft der Schweizer Unternehmen. Seit vielen Jahren steht die Schweiz in punkto internationaler Wettbewerbsfähigkeit ganz oben. Jährlich werden in der Schweiz rund 12 000 Unternehmen gegründet, die etwa 17 000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Die Personenfreizügigkeit hat die wirtschaftliche Dynamik in der Schweiz gefördert. Die Schweizer Unternehmen können Personal einfacher rekrutieren, was die Profitabilität stützt. Wie würden Sie diese Positivspirale beschreiben und inwieweit trägt sie zur Widerstandsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft bei?

Diese Positivspirale ist ein weiterer wichtiger Aspekt, weil sie in den letzten Jahren das Wachstum erheblich ankurbelte. In der Zeit von 2003 bis 2007 notierte der Schweizer Franken gegenüber dem Euro sehr schwach. Der historische Tiefstand wurde mit 1.68 Franken für einen Euro erreicht. Davon profitierte die Exportindustrie. Dank der Personenfreizügigkeit erhielten die Unternehmen plötzlich Zugang zu einem enormen Pool von qualifizierten Arbeitskräften in Europa und konnten somit die gestiegene Nachfrage decken. Pro Jahr wandern schätzungsweise 100 000 Personen in die Schweiz ein. Sie treiben einen sich selbst verstärkenden Kreis von Nachfrage und Konsum an und sorgen für das "Wirtschaftswunder Schweiz". Die Schweiz bleibt wegen des Lebensstandards, der Finanzpolitik und der Qualität ihrer Infrastruktur sehr attraktiv. Die Zuwanderung dürfte sich unseres Erachtens fortsetzen.

Wie hoch ist der Beitrag der Immigration am Schweizer Wachstum?

Rund ein Prozentpunkt. Wir prognostizieren für die Schweiz im laufenden Jahr ein Wachstum von 1,3 Prozent und 1,7 Prozent für 2013. Dagegen dürfte das Bruttoinlandprodukt der Eurozone 2012 insgesamt schrumpfen und nächstes Jahr nur geringfügig wachsen. Wir müssen jedoch berücksichtigen, dass das Pro-Kopf-Wachstum der Schweiz nicht viel höher ausfallen wird.

Die Schweiz gilt angesichts der Schuldenkrise in Europa als ein sicherer Hafen. Wir haben zuletzt sogar negative nominale Renditen bei den zweijährigen Schweizer Staatsanleihen erlebt. Mitten in der Krise war die Schweizerische Nationalbank (SNB) zu Interventionen gezwungen und legte daraufhin eine Wechselkursuntergrenze von 1.20 Franken gegenüber dem Euro fest. Was sagen Sie zu den Bedenken wegen des Wechselkurses und den Folgen für die Schweizer Exportindustrie?

Als der Wechselkurs letzten Sommer die Parität erreichte, begann die Schweizer Wirtschaft unter den Folgen zu leiden. Viele Exporteure hätten dieses Niveau wohl nicht verkraften können. Die Einführung der Untergrenze von 1.20 Franken gegenüber dem Euro durch die SNB letztes Jahr fand unter Ökonomen, Schweizer Unternehmern und Politikern eine breite Zustimmung und für geraume Zeit musste die SNB kaum intervenieren, um die Marke von 1.20 zu verteidigen. Infolge der wachsenden Bedenken wegen der europäischen Schuldenkrise steht der Wechselkurse mittlerweile allerdings unter Druck. Die Unwägbarkeiten und die Kosten für die SNB zur Verteidigung der Wechselkursuntergrenze nehmen somit zu.

Wie sollte sich die SNB in dieser Situation verhalten?

Hat man sich einmal für eine solche Strategie entschieden, muss man sie meiner Meinung nach mit grösster Entschlossenheit verfolgen. Einige Beobachter haben nun begonnen, die Strategie infrage zu stellen. Das hilft weder der SNB noch dem Land.

 Allerdings befindet sich die SNB eindeutig in einem Dilemma. Mit der Einführung der Untergrenze verzichtete sie auf ein wichtiges Steuerungsinstrument der Geldpolitik, nämlich die Zinssteuerung. Die SNB versucht, den Wert des Schweizer Franken stabil zu halten, obwohl die Entwicklungen der Binnenwirtschaft, namentlich im Immobiliensektor, tatsächlich eine Zinserhöhung erfordern würden.

Wie gross ist die Gefahr einer Immobilienblase in der Schweiz?

Eine Immobilienblase ist ein noch grösseres gesamtwirtschaftliches Risiko für die Schweizer Wirtschaft als die Risiken im Zusammenhang mit dem Wechselkurs für die Exportindustrie. Dieses Risiko könnte in vier bis fünf Jahren Realität werden. Zieht die Inflation an, vielleicht sogar weltweit, würde dies zu höheren Zinsen führen und im Falle einer Kombination mit einer Rezession das Ende des Niedrigzinsumfelds und der starken Zuwanderung bedeuten. Beide Faktoren haben massgeblich zum Immobilienboom beigetragen. Das Resultat wäre ein Zusammenbruch des Immobilienmarktes, wie wir ihn aus den 1990er-Jahren kennen. Dieses Thema wurde bislang vernachlässigt, weil hauptsächlich der Wechselkurs im Brennpunkt der Debatte steht.

Das Modell "Schweiz" verdankt seinen durchschlagenden Erfolg den Unternehmen, die sich in ausgewählten Bereichen wie High-Tech oder Pharma als Marktführer positionieren. Wird sich diese Erfolgsgeschichte auch in Zukunft fortsetzen und wie zuversichtlich sind die Schweizer Unternehmer?

Ich glaube schon. Der Trend zum Outsourcing bei den Unternehmen nimmt zu. Einfache Arbeiten werden ins Ausland verlagert. Allerdings bleiben die wichtigsten Wertschöpfungsprozesse nach wie vor in der Schweiz. Dadurch können die Unternehmen die Kontrolle über ihre zentralen Aktivitäten behalten und gleichzeitig Kosten senken. Ich habe vor Kurzem am Swiss Economic Forum mit diversen Unternehmern gesprochen. Ihr Tenor war sehr positiv: Zwar bereitet ihnen die europäische Schuldenkrise Sorgen, doch sind sie optimistisch, dass sie die Krise bewältigen können. Auch die Wachstumschancen in den Schwellenmärkten stimmt viele zuversichtlich.