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Die Schweiz schlägt sich besser als erwartet

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Was wurden in den letzten zwei Jahren angesichts des starken Frankens nicht alles für Weltuntergangszenarien für die Schweizer Wirtschaft gemalt. Von schwerer Rezession, Hunderttausenden Arbeitslosen und Deflation war die Rede.

Es ist nun zwei Jahre her seit die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Frühsommer 2010 und noch bei einem EURCHF-Kurs von 1.50 mit massiven Eurokäufen den Kampf gegen den stark aufwertenden Franken aufgenommen hat. Ein Kampf, der mit der Festlegung der EURCHF-Untergrenze im vergangenen Herbst seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Immobilienboom kompensiert Exportschwäche

Wer heute Bilanz zieht, stellt schnell fest, dass die von der SNB und den Protagonisten der Exportwirtschaft heraufbeschworene Rezession wohl ausbleiben wird. Es war immer unsere These, dass die Exportwirtschaft wohl unter der Frankenstärke leiden, dass im Gegenzug aber die Binnenwirtschaft aufgrund der anhaltend hohen Immigration, den rekordtiefen Zinsen und dem dadurch befeuerten Boom auf dem Immobilienmarkt die Verlangsamung auf der Exportseite kompensieren würde. So gesehen fühlt sich der Konjunkturbeobachter heute in etwa wie der Statistiker, der mit dem einen Fuss in einem Eimer mit Eiswasser und dem anderen auf einer heissen Herdplatte steht und dabei lakonisch feststellt: „Im statistischen Durchschnitt ist mir eigentlich recht wohl“.

In der Tat läuft die schweizerische Binnenkonjunktur auf vollen Touren. Den Konsumenten verbleibt dank sinkender Importpreise real gesehen mehr an verfügbaren Einkommen, weshalb die Konsumausgaben weiterhin deutlich zulegen. Der Bauboom sowie die starke Einwanderung in die Schweiz  tragen das übrige zur Binnenhochkonjunktur bei. Denn die vielen Immigranten brauchen nicht nur neue Wohnungen, sie steigern auch die Nachfrage nach Möbeln, Haushaltgeräten sowie weiteren Güter und Dienstleistungen aller Art.

Desindustrialisierung seit langem ein Trend

In der Exportwirtschaft stehen derweil viele kleinere und mittlere Unternehmen, die wesentliche Teile ihrer Produktion in der Schweiz haben, vor grossen Herausforderungen. Der starke Franken hat bei vielen die Margen dramatisch erodieren lassen. Doch zeigen viele Betriebe auch, dass sie mit ihrer Ausrichtung auf spezifische Nischenmärkte eine gewisse Preissetzungsmacht haben oder reagieren flexibel und schnell auf die neuen Währungsrelationen indem sie Teile der Produktion ins Ausland verlagern. Dieser Trend hat zwar verbreitet Befürchtungen aufkommen lassen, die Schweiz befinde sich vor einer eigentlichen Desindustrialisierungswelle. Doch zeigt ein Blick auf die Statistik, dass der Trend zu einer kontinuierlichen Abnahme des Anteils der Beschäftigten im zweiten Sektor schon seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts besteht. So lag der Beschäftigungsanteil im Industriesektor 1960 noch bei 50% und ist seither kontinuierlich auf 22% gefallen. Die Desindustrialisierung ist insofern nichts neues für die Schweizer Wirtschaft, denn sie ist längst Realität und findet seit Jahrzehnten kontinuierlich statt. Auch wenn solche Produktionsverlagerungen ins Ausland in Phasen der Frankenstärke beschleunigt stattfinden so sind sich doch ebenso Ausdruck dafür, dass die Unternehmen an ihrer Konkurrenzfähigkeit arbeiten und ihre Kostenstrukturen optimieren.

SNB in heikler Mission

Für die SNB werden die kommenden Wochen und Monate weiterhin grosse Herausforderungen bereit halten. Wie viel Euros sie zur Verteidigung der Kursuntergrenze wird aufkaufen müssen, wird wesentlich davon abhängen, wie sich die Schuldenkrise in den europäischen Peripherieländer weiter entwickelt. Die Wahlergebnisse in Frankreich wie auch in Griechenland legen die Vermutung nahe, dass es erneut zu einer Eskalation der Krise kommen und die Europäische Zentralbank gezwungen sein könnte, erneut mit der Notenpresse Staatsanleihen von in Bedrängnis geratenen Ländern wie Spanien oder Italien aufzukaufen. Im besten Fall gelingt es, die Schuldenkrise mit glaubhaften und überzeugenden Massnahmen bald zu überwinden. Dann würde sich für die SNB ein Entspannung ergeben – oder ihr sogar die Möglichkeit eröffnet, die Verteidigung einer Untergrenze aufzugeben. Nur, allzu viel Hoffnung, dass sich ein solches Szenario bald einstellen wird, muss man sich wohl nicht machen.